Ex und hopp. Dieses heutzutage eher verpönte Prinzip hat im medizinischen Bereich immer noch Konjunktur. Aus nachvollziehbaren Gründen, denn die lebenswichtige Hygiene ist oft nur zu gewährleisten, wenn in Kliniken und ärztlichen Praxen Einmalprodukte aus Kunststoff verwendet werden. Eine studentische Initiative aus Kiel will die Plastikflut eindämmen.

Krankenhäuser gehören zu den größten Abfallproduzenten Deutschlands. Jeder Mensch, der in einer Klinik behandelt wird, verursacht statistisch etwa 400 Gramm Plastikmüll am Tag. „Das kann weniger werden“, sagten sich Milena Baumert, Rebecca Sale, Elise Harper und Rini Keumala Sari und gründeten vor einem Jahr die Initiative „PraktischPlastik“ (www.praktischplastik.com). Die vier jungen Frauen haben bereits medizinische bzw. umwelt- oder sozialwissenschaftliche Studiengänge absolviert und arbeiten nun ihrem Master-Abschluss an der unter dem Dach der Kieler Universität angesiedelten „School of Sustainability“ entgegen. Erklärtes Ziel dieser Schule ist es, den Gedanken einer nachhaltigen Welt akademisch und mindestens genauso stark im wirklichen Leben voranzubringen.

Plastikmüll ist ein Thema – und auch ein Problem – für die kleine Praxis ebenso wie fürs große Klinikum. So sieht es Milena Baumert, die dank ihres abgeschlossenen Medizinstudiums die tiefsten Einblicke in dieses Metier hat. Den Fokus will das Quartett dabei zunächst auf Krankenhäuser legen, einfach weil dort deutlich mehr Müll anfällt und die Probleme wie die Potenziale zum Umgang damit klarer zutage treten.

Dass Kunststoff in medizinischen Einrichtungen nicht entbehrt werden kann, ist den Studentinnen bewusst. Wo es immer sauber und darüber hinaus oft steril hergehen muss, führt an diesem Material eben kein Weg vorbei. „Trotzdem kann es sich lohnen, über Alternativen nachzudenken“, meint Milena Baumert und denkt beispielsweise an die klassischen grünen oder blauen OP-Kittel, die es seit einiger Zeit nicht nur in Einweg-Form, sondern auch als waschbare Variante gibt.

„Ein wichtiges Feld“, so betont Umweltwissenschaftlerin Rebecca Sale, ist außerdem das Recycling. Wenn schon Kunststoff nötig ist, dann sollte er im Sinn von „PraktischPlastik“ wenigstens so beschaffen sein, dass er am Ende leicht einzuschmelzen ist und damit ein Rohmaterial für neue Produkte sein kann. Aus Einmalverpackungen von medizinischen Utensilien Halterungen für Instrumente oder das Tablett fürs Krankenhausessen herzustellen, das klappt nach ihrer Darstellung eben nur dann mit vertretbarem Aufwand, wenn in den Gegenständen, die recycelt werden sollen, nicht zu viele verschiedene Arten von Kunststoff stecken.

Eine Option könnte es unter diesem Aspekt sein, die womöglich schon bestehenden Kooperationen mit Recycling-Unternehmen auf den Prüfstand zu stellen. „Gibt es vielleicht Betriebe, die besser mit gemischten Materialien zurechtkommen?“, nennt Elise Harper die entscheidende Frage. Andererseits will die Initiative genauso auf die Lieferketten schauen und herausfinden, ob bestimmte Produkte von Herstellern in leichter recycelbarer oder gar wiederverwertbarer Form angeboten werden. Und nicht zuletzt wäre es nach der Strategie von „PraktischPlastik“ sinnvoll, das individuelle Verhalten in Praxen und Kliniken zu betrachten, ganz entsprechend der alten Erfahrung, wonach die schönsten Regeln und Grundsätze wenig taugen, wenn sie im Alltag gepflegt ignoriert werden.

Was die gesamte Thematik betrifft, richtet die Initiative „PraktischPlastik“ ihren Blick über den Tellerrand beziehungsweise das eigene Land hinaus. Kontakte gibt es unter anderem zur Mayo-Klinik, einem amerikanischen Krankenhaus-Konglomerat, das in vielen Bereichen und auch im Umweltschutz sehr innovativ unterwegs ist.

Am liebsten hätten die vier Frauen hierzulande den Umgang mit Plastik auf allen Ebenen modellhaft in einem einzelnen Krankenhaus nachverfolgt und analysiert. „Wegen der Belastungen durch die Corona-Krise gibt es für solche Projekte in den einzelnen Häusern aber momentan kaum Ressourcen“, bedauert Harper, will aber genauso wie ihre Mitstreiterinnen trotzdem nicht den Kopf in den Sand stecken.
Über seine Website und diverse Social-Media-Kanäle lotet das Team derzeit aus, was unter Epidemie-Bedingungen geht. „Das Interesse ist da“, leitet Harper daraus ab, denn immer, wenn beispielsweise der Blog zum Thema Medizinmüll mit einem neuen Beitrag aufwartet, steigen auch die Zugriffszahlen.

Grundsätzlich setzt das Team zudem darauf, dass das Thema Covid-19 nicht mehr alles dominieren wird. Und auf den Megatrend, dass – noch einmal verstärkt durch diese Pandemie – der Gedanke der Nachhaltigkeit in der Medizin ebenso wie in allen gesellschaftlichen Bereichen immer stärker hochkommen dürfte. Dabei, so die Überzeugung der Initiatorinnen, spielen auch Aspekte eine Rolle, die in weitere Bereiche hineinreichen. „Besseres Recycling im Krankenhaus lohnt sich nicht nur für die Umwelt, sondern kann zusätzlich Vorteile im sozialen und unternehmerischen Bereich bringen“, formuliert es Milena Baumert. Die positiven Impulse durch derlei Bemühungen können aus ihrer Sicht von gesteigerter Mitarbeiterloyalität über ein höheres gesellschaftliches Ansehen bis hin zu Kosteneinsparungen im ökonomischen Bereich reichen.

„Müll ist in jeder Klinik ein großes Thema“, sagt Birgitt Schütze-Merkel, Sprecherin des Städtischen Krankenhauses Kiel. Das Haus mit seinen 1.900 Beschäftigten behandelt und betreut jährlich 26.000 Menschen stationär und weitere 46.000 ambulant. Angesichts dieser Dimensionen sammeln sich in der Einrichtung erhebliche Mengen an Abfall an. Und diesem Problem, so räumt die Öffentlichkeitsarbeiterin ein, ist nicht ohne weiteres beizukommen: „Es gibt einfach hohe Auflagen für Hygiene und Sterilität, da können und wollen wir nicht dran vorbeigehen.“
Trotzdem versucht das Krankenhaus, überflüssigen Müll so gut es geht zu vermeiden. Wenn beispielsweise bereits verpackte Artikel wie Reinigungstücher oder Toilettenpapier noch einmal mit Folie eingewickelt werden, suchen die Zuständigen schon auch mal das Gespräch mit ihren Pendants in den liefernden Unternehmen.

Wenn und wo sich Kunststoff nicht vermeiden lässt, bleibt als Alternative kaum mehr, als sich um einen möglichst ordentlichen Umgang damit zu bemühen. Sortenreines Sortieren von Folien und anderen Produkten ist laut Schütze-Merkel teils möglich und wird entsprechend praktiziert. Allerdings zeigt sich auch nach Erfahrung der Initiative „PraktischPlastik“, dass dabei der Faktor Mensch keine unbedeutende Rolle spielt. Gut läuft es demnach immer dann, wenn die Beschäftigten geschult, motiviert und manchmal vielleicht auch erinnert werden.
Im Städtischen Krankenhaus Kiel ist die Aufgeschlossenheit für das Anliegen, Plastikmüll zu vermeiden oder vernünftig wiederzuverwerten, groß. Dies zeigt sich schon daran, dass es bereits Kontakte zu „PraktischPlastik“ gab. Ein erstes Treffen fand statt, ein zweites musste abgesagt werden, weil wegen der verschärften Corona-Bedrohung alle nicht unbedingt erforderlichen Treffen gestrichen wurden. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Thema in Vergessenheit geraten wird. In der Kieler Klinik ist man nicht nur vom Ziel überzeugt, sondern ebenso von der Meinung, dass begleitende Blicke und Ratschläge oder Konzepte von außen im Sinne eines umweltfreundlicheren Medizinbetriebs absolut hilfreich sein können.             
Text: Martin Geist / Foto: Privat