Auch das noch! Ich habe den Kurs gemacht, ich habe mir so viel Mühe gegeben, ich habe nachts und am Wochenende gelernt und morgen ist endlich die Prüfung. Stattdessen: Lockdown – ohne Prüfung keine Zusatzbezeichnung – alles auf Null, alles umsonst? Und ab wann wieder auf Hundert? Das hat mir gerade noch gefehlt.

So fühlten sich am 13. März die Teilnehmer des Kurses Ernährungsmedizin am Vorabend der Prüfung. Vollkommen verunsichert, weil man noch nicht wusste, was „Pandemie“ wirklich bedeutet und man am Folgetag nicht „abliefern“ durfte.

Das Projektteam der Akademie machte aus der realen Not eine virtuelle Tugend und schuf über Nacht die digitalen Voraussetzungen, die eine Prüfung auf der E-Learning-Plattform Ilias möglich machte.

Das war der Anfang einer Auf-Digitalisierung im Kontext des Aus-, Fort- und Weiterbildungsauftrags der Akademie. Innerhalb von zwei Wochen wurden 24 Unterrichtseinheiten (UE) für die erweiterte überbetriebliche Ausbildung (eÜBA) auf die Plattform gebracht und innerhalb der folgenden vier Wochen 44 UE für die ÜBA.

2020 haben insgesamt 2.248 Teilnehmer online an Veranstaltungen teilgenommen, das sind mehr als 6.700 UE, die digital „gebaut“ wurden. Zum Vergleich die Zahl der online durchgeführten Veranstaltungen 2019: Null.

2019 wurden 30 Prozent der geplanten Veranstaltungen mangels Teilnehmern abgesagt, 2020 waren es 48 Prozent, zwei Drittel hiervon coronabedingt. Trotzdem konnte mehr als die Hälfte der Teilnehmerzahl aus dem Vorjahr erreicht werden.

Zusätzlich setzte die Akademie umfassende Hygienepläne um. Die wenigen Präsenzveranstaltungen wurden ab August 2020 mit reduzierter Gruppengröße und Prüfungen in Absprache mit dem Ministerium ohne Probanden und als Einzelprüfung durchgeführt.

Gefordert waren auch seelsorgerische und empathische Fähigkeiten am Telefon, weil es Teilnehmer und Referenten gab, die das Risiko der Präsenz scheuten, während andere sich überhaupt nicht vorstellen konnten, sich digital auf den Weg zu machen.

Die Inhalte der Kurse ACLS, KITZ, Akupunktur und Notfallmedizin eignen sich nicht für ein E-Learning-Format. Perfekt gelang die digitale Transformation der zu vermittelnden Inhalte wiederum für die QM-Pflichtschulung, DSGVO-Praxisanwendungen und die Auffrischung Fachkunde Strahlenschutz. Der 200 Stunden umfassende QM-Kurs konnte als Blended-Learning-Angebot stattfinden und „Digitale Gesundheitsanwendungen in Klinik und Praxis“ wurde passend zum Inhalt vollständig digital als Live-Webseminar an zwei Samstagen und einer achtstündigen anspruchsvollen Lerneinheit durchgeführt, Lernerfolgskontrolle inklusive.

Als virtuelle Teilnehmerin kann ich überzeugt festhalten: Es bringt Spaß, es schadet nie, Neues zu wagen, die Diskussion gelingt auch virtuell (wenn sich alle eingegroovt haben). Die Lernerfolgskontrolle gelang nicht erfolgreich, wenn man meinte, sich nebenbei mit den Inhalten befassen zu können, und die zeitliche Flexibilität empfand ich als Vorteil.

Gleichwohl konnten wir uns 2020 nicht wie gewünscht fortbilden – und werden es auch 2021 nicht schaffen. Nachteile werden uns trotzdem nicht entstehen, denn die schleswig-holsteinischen Ärzte hatten sich schon bis Juni 2020 im Schnitt 32,7 Fortbildungspunkte erarbeitet. Das 5-Jahres-Intervall zum Sammeln der vorgeschriebenen 250 Fortbildungspunkte wurde rückwirkend zum 1. April 2020 um neun Monate verlängert und Vertragsärzte, deren Zertifikat im vergangenen Jahr eingereicht werden musste, konnten vom 1. April bis zum 30. September 50 Bonuspunkte erhalten – 61 Kollegen machten von diesem Angebot Gebrauch.

In das Jahr 2021 starten Kammer und Akademie zuversichtlich. Das „neue Normal“ werden – wo es didaktisch sinnvoll ist – E-Learning- und Blended-Learning-Formate sein. Ganz neu strukturiert erscheint der 90-Stunden-Kurs Strahlenschutz für MFA: Aus 14 Präsenztagen entsteht ein modulares Angebot aus einem E-Learning-Modul, einem Theoriemodul sowie anschließenden Praxismodulen, die jeder Teilnehmer so buchen kann, wie es zeitlich passt.

Sobald wie möglich werden wir wieder Präsenzveranstaltungen wie den Kurs Notfallmedizin, die Balintgruppen, Sonografie- und Akupunkturkurse anbieten.

Mein optimistisches Fazit: Das nach außen sichtbare Zeichen des inneren Fortschritts sind Baumaßnahmen. Wir freuen uns auf das gerade entstehende neue Gästehaus, das wir im April/Mai 2021 beziehen können.

Der digitale Umbau des Lehrangebots ist gelungen. Wir haben bewiesen, dass wir auch digital können, wo es Sinn macht. Die Anwenderfreundlichkeit nimmt stetig zu und die Plattformperformance wird zunehmend evaluiert. Goldstandard ist und bleibt das gemeinsame Lernen im Rahmen einer Präsenzveranstaltung, weil wir auch hier – wie in allen anderen Lebensbereichen – das Zusammensein und den Austausch vermissen und es Lerninhalte gibt, die man im wahrsten Sinne des Wortes begreifen muss.

Lernen funktioniert ganzheitlich, das zeigen Ergebnisse neurowissenschaftlicher Studien. Diesem Thema widmet sich der „Tag der Akademie“, der hoffentlich am 14. August stattfinden kann. Ich wünsche mir Vorträge aus den Bereichen Neurowissenschaft und Didaktik, gern auch einen Beitrag aus der Sparte Science-Slam, Antworten auf die Frage, wie Patienten lernen, um eine „shared decision“ gemeinsam mit uns treffen zu können. Außerdem hoffe ich, dass wir bis dahin auch gelernt haben, was Pandemie bedeutet und wie man sie dauerhaft beherrschbar macht.       
Text: Dr. Gisa Andresen / Foto: ÄKSH