Darf auf dem Weg zu einer personalisierten und individualisierten Therapie das Geschlecht des Patienten außer Acht gelassen werden? Werden Frauen heute in klinischen Studien zur Wirksamkeit von Medikamenten unzureichend berücksichtigt? Wie sieht es in der Lehre und Forschung aus?

„Früher waren sie es nicht“, meint Prof. Ingolf Cascorbi, Studiendekan Medizin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). Cascorbi bezieht sich auf die Unterrepräsentation von Frauen in Studien, Forschung und Lehre. Doch wie sieht es heute aus?

Es hat sich was getan, aber nicht genug. Gendermedizin soll den Fokus auf dieses Problem richten. Über die pharmakologische Notwendigkeit der Gendermedizin berichtete Prof. Gerd Glaeske in Kiel. Dazu bettete er die Medizin in die zugrunde liegende Gesellschaftsordnung ein. Denn auch in der Medizin folgt das Denken und Handeln laut Glaeske oft einem binären Muster − es werde in Macht und Ohnmacht, Unabhängigkeit und Abhängigkeit, Mann und Frau gedacht. Auch die Medizin sei nicht frei von gesellschaftlichen Machtverhältnissen, stellte der Bremer Pharmakologe fest. Ein Paradebeispiel dafür seien klinische Studien zur Medikamentenverträglichkeit, bei denen Frauen nach wie vor unterrepräsentiert seien. Auf die Frage, wie sich Medikamente, die an 35-jährigen Männern getestet und einer 70-jährigen Frau verschrieben wurden, auswirken, gebe es oft keine durch Studien belegte Antwort. „Das ist meist ein Blindflug für die Mediziner“, sagte Glaeske in Kiel. 

Zudem falle auf, dass Frauen wesentlich häufiger Psychopharmaka wie Antidepressiva verschrieben bekämen als Männer. Eine mögliche Begründung sei, dass Männer und Frauen unterschiedlichen Belastungen in unterschiedlichen Erwerbs- und Aufgabenfeldern ausgesetzt seien. Vor allem Frauen zwischen 45 − 55 Jahren hätten häufig ein Gefühl der Entwertung oder Isolation. Auch seien es Frauen, die öfter am „Empty-Nest-Syndrom“ leiden: Wenn die Kinder erwachsen geworden sind, das Haus verlassen und die Männer arbeiten gehen, seien es vor allem Frauen, die alleine zu Hause bleiben. „Die sogenannte 'Pharma-Watte' wird in erster Linie den Frauen verschrieben“, so Glaeske. Männer seien hingegen auf physische Gesundheit getrimmt. Dass bei ihnen eine psychische Störung diagnostiziert werden könnte, passe nicht ins Weltbild.

Glaeske schlug daher vor, neben der rein biologischen Basis einer Therapiestellung oder Medikation auch die kulturellen, sozialen und biografischen Einflussfaktoren bei der Vergabe von Medikamenten zu berücksichtigen. 

Margarethe Hochleitner, Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck, verwies ebenfalls auf die Diskrepanz zwischen gesellschaftlich zugeordneten geschlechtsspezifischen Krankheitsbildern und tatsächlichen Befunden klinischer Untersuchungen. Der Kardiologin zufolge hielten es viele ihrer männlichen Patienten für unmöglich, an Osteoporose zu erkranken. Stattdessen fürchteten sich viele Männer, an einem Herzleiden zu sterben. Frauen fürchten sich in der Regel vor Krebsleiden. Laut Hochleitner widersprechen diese Befürchtungen der Realität. Es zeige sich nämlich ein erhöhtes Risiko von Männern, an Krebs zu erkranken. Frauen erkrankten hingegen eher an Herzleiden.

Ein verzerrtes Bild geschlechtsspezifischer Krankheitszuordnungen dürfe es in der Medizin nicht geben. Gendermedizin ziele darauf ab, durch Forschungsschwerpunkte und als fester Bestandteil der Lehre auf diese Verzerrung hinzuweisen und ihr so entgegenzuwirken. Gendermedizin sei als Querschnittsdisziplin zu verstehen, die auf eine ganzheitliche und interdisziplinäre Verbesserung der Medizin abziele.

Prof. Marianne Schrader führte bereits 2004 das Wahlfach „Gender in der Medizin“ an der Universität Lübeck ein. Wurden die Veranstaltungen anfangs spärlich und nur von Studentinnen besucht, zeige sich mittlerweile, dass das Fach beide Geschlechter interessiere. Aus der Evaluation gehe hervor, dass die Studierenden das Wahlfach so schätzten wie kein zweites, sagte Schrader. 

Problematisch sei jedoch, dass Gendermedizin an jeder Universität anders behandelt würde.  Schrader sieht daher nicht nur die Dozentinnen in der Verantwortung, das Fach in Lehre und Forschung präsenter zu machen. Ebenso seien die Lehreinrichtungen innerhalb und außerhalb der universitären Lehre in dieser Pflicht.
Foto/Text: Stephan Göhrmann