Junge Ärzte Wie sehen die Medizinstudierenden und Ärzte in Weiterbildung die Ärztekammer und das Gesundheitssystem in Deutschland? Welche Erwartungen haben sie, was muss sich aus ihrer Sicht verändern? Die Antworten auf diese Fragen hat Stephan Göhrmann dokumentiert.

Marius Leye:
Über die Fachschaft ist der Kontakt zur Ärztekammer sehr präsent. Man hat viele Kontaktpunkte. Jenseits der Fachschaft ist mir die Kammer allerdings nicht bewusst aufgefallen. Eine starke Kooperation zwischen der Fachschaft für Medizin und der Ärztekammer ist sinnvoll. So herrscht ein Austausch zwischen der studentischen und der berufsständischen Interessenvertretung.
Die Selbstverwaltung ist wichtig, in der Ärzteschaft geht es um sehr spezielle Themen, die in einer gewissen Eigenverantwortlichkeit am besten aufgehoben sind. Aktuelle Hygienedemos zeigen, dass es manchmal schwer ist, über bestimmte Dinge ohne Fachwissen zu entscheiden. Obwohl man hier auch auf die Verbreitung von Fehlinformationen achten muss.
Der Umgang mit Mitgliedern, die Fehlinformationen verbreiten, ist eine Gratwanderung. Nicht jedem kann oder sollte die Approbation entzogen werden. Wichtiger ist ein öffentlicher Widerspruch. Menschen müssen daran gewöhnt werden, dass es in der Wissenschaft – und dazu gehört die Medizin – nicht immer Konsens, sondern einen Diskurs gibt. Hier sollte die Gesellschaft nicht unterschätzt werden, aber eine Patentlösung habe ich auch nicht. Die Normalität dabei ist, dass Aussagen nun mal revidiert werden müssen. Also eine Kammer als Medizinkommunikatorin: Verbreiten von Fehlinformationen widersprechen und die Gesellschaft aufklären.
Denn die Verantwortung einer Ärztekammer gilt auch außerhalb ihres Wirk­ungskreises. Sie ist nicht nur Verwaltung. Ich verstehe sie auch als ein Sprachrohr nach außen − für Entscheidungsträger und Menschen aus der Gesamtgesellschaft. Ich denke hierbei auch an Prävention. Eine Gesundheitsmaßnahme, die in unserem Gesundheitssystem keinen ausreichenden Stellenwert hat. Prävention hilft Zusammenhänge zu verstehen und unterm Strich gesund zu bleiben. So werden die Menschen gar nicht erst zu Patienten, brauchen keine teuren Behandlungen.
Auch die Digitalisierung ist eine große, bisher nicht ausreichend genutzte Chance im Gesundheitssystem. Wir müssen wagen, uns auf Dinge einzulassen. Es ist nicht nachvollziehbar und inakzeptabel, wenn ein Multimilliarden-Euro-System in digitalen Angelegenheiten so weit hinterher ist.
Nicht jeder Patient muss für eine AU über wenige Tage wegen einer Erkältung zum Hausarzt. Die ärztliche Tätigkeit ist deutlich sinnvoller einsetzbar. Corona zeigt, was möglich ist. Es kann besser gehen. Daher muss Digitalisierung als Chance erkannt werden und nicht als Gefahr.
Eine Ärztekammer sollte Menschen mit guten Ideen zusammenbringen. Nicht nur Ärztinnen und Ärzte, auch die Anbieter dieser Produkte sollten einbezogen werden. Denn ich habe das Gefühl, dass die Programme nicht mit Medizinern zusammen erarbeitet wurden. Manches widerspricht der Art und Weise, wie ein Arzt arbeitet.
Die Digitalisierung muss auch in der Lehre, in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Medizinern ankommen. Auch die Ökonomisierung des Gesundheitswesen scheint sich in den nächsten Jahren weiter zuspitzen. Die Menschlichkeit in der Medizin droht hierdurch verloren zu gehen. Ärzte brauchen Zeit für ihre Patienten, fern von DRGs. Ich habe den Eindruck, dass die aktuelle Umsetzung des Vergütungssystems im Widerspruch mit einer guten Medizin steht. Das muss nicht so sein. Das System muss nur an bestimmten Stellschrauben verändert werden. Dazu müssen wir alle im Gesundheitssystem zusammenarbeiten. Ich habe das Gefühl, als hätten viele schon resigniert, von Ärzten bis zum Pflegepersonal.
Im Studium lernt man eher theoretisches Wissen, nicht die praktische Anwendung. Wir brauchen mehr praktische Ausbildung im Studium, damit man in der Weiterbildung nicht ins kalte Wasser gestoßen wird. Ich möchte gut begleitet werden, um stetig zu wachsen. Sonst kann es sein, dass man mit dem Arztsein abschließt. Mit dem Studium sind auch andere Arbeitsbereiche möglich. Aktuell möchte ich aber die Herausforderungen des Gesundheitssystems annehmen und an einer guten Medizin als Arzt mitarbeiten.

Jakob Voran:
Meinen ersten Kontakt mit der Ärztekammer Schleswig-Holstein fern der Fachschaft machte ich im Studium. In den Modulen „Medizinische Psychologie und Soziologie“ sowie in der „Arbeits- und Sozialmedizin“ werden die Aufgaben der Ärztekammer kurz erklärt. Ich habe jedoch das Gefühl, dass das nicht ausreicht. Das müsste in Zukunft ausgebaut werden. Als Fachschaft haben wir viel Verantwortung für studentische Themen. Wir wollen etwas ändern und wissen, dass wir das auch können. Dabei ist die Ärztekammer ein wichtiger Ansprechpartner.
Ich bin schon in Gesprächen und direktem Kontakt mit der Ärztekammer und fühle mich auch mit neuen Anliegen sehr willkommen. Die Bedeutung der Ärztekammer betrifft alle Bereiche des Arztseins: Weiterbildung, Facharzt, Standespolitik und öffentliche Wahrnehmung. Wie sehen wir uns als Stand in der Gesellschaft? Wie verteidigen wir uns gegen wirtschaftliches Interesse? Eine Interessenvertretung ist hierbei in wichtiger Faktor.
Wir müssen eine digitale Patientenversorgung möglich machen und die Versorgungsqualität steigern. Auch wenn die Dänen ein anderes Gesundheitssystem haben − in Schleswig-Holstein und Deutschland hängen wir hintendran, was die Umsetzung digitaler Möglichkeiten betrifft.
Studierende sind zu Beginn des Studiums sehr motiviert. Leider nimmt dies oft zum Ende des Studiums ab und die Empathiefähigkeit geht ein Stück weit verloren. Der Grund könnte sein, dass mit der Arbeitsbelastung der Ober- und Assistenzärzte eine negative Einstellung zum Berufsleben transportiert wird. Hier muss die Ärztekammer den Nachwuchs schützen. Sie muss Probleme früh erkennen und diesen begegnen. Denn bereits im Studium wird der Grundstein für manche Probleme gelegt, etwa beim Ärztemangel. Hier muss die Kammer vermitteln, dass sie die Studierenden halten möchte, sie wertschätzt, und verdeutlichen, welche Möglichkeiten sie jungen Medizinern eröffnet, sodass die Studierenden denken „Ich habe hier so gute Bedingungen, wieso sollte ich gehen?“
Das PJ ist der stärkste Prädiktor für die Wahl des späteren medizinischen Tätigkeitsfeldes. Wenn es hier schon scheitert, ist das schade. Weil bereits viel in die Person investiert wurde. Die Kammer nimmt hier eine Mittlerrolle ein. Sie muss den Studierenden vermitteln, dass sie wertgeschätzt werden. Den Mitgliedern, die für die Aus- und Weiterbildung verantwortlich sind, muss sie verdeutlichen, dass es sich lohnt, in eine gute Ausbildung zu investieren -wir sind schließlich die Kollegen von später. Ich bin begeistert und motiviert. Da lasse ich mich auch gerne von einer spannenden Lehre und Ausbildung mitreißen. Die Kammer muss für eine positive Grundhaltung innerhalb des Berufsstandes sorgen, vor allem in der Ausbildung der kommenden Generationen.
Es wird oft gesagt, dass die Ärzte früher viel mehr gearbeitet haben und alles stressiger war. Aber vielleicht ist früher ja gar kein Maßstab. Vielleicht sollten wir eher gemeinsam an der Zukunft arbeiten.
Vielleicht muss die Kammer zeigen, wer etwa bei Weiterbildungsthemen mit wem etwas bespricht und erarbeitet. Die Kammer muss transparenter werden, offensiv zeigen, wo man aktiv ist und an etwas arbeitet. Das Ärzteblatt zeigt schon viel, aber nicht alles. Ich bin hoch interessiert an der Arbeit der Kammer, auch wenn die Inhalte mich nicht immer betreffen.
Vielleicht ist bei der Weiterbildung eine Form des Mitwirkens möglich. In der Fachschaft vertreten wir die Auffassung, dass es hilfreich ist, neuen Mitgliedern schnell Verantwortung zu übertragen. Das motiviert und zeigt, dass man als Einzelner etwas bewegen kann. Wenn die Kammer möchte, dass junge Ärztinnen und Ärzte bleiben, dann muss sie dieses Wirkungsbewusstsein bei jungen Medizinern schaffen. Es muss kommuniziert werden. Zwischen den Berufsgruppen, zwischen dem stationären und ambulanten Bereich und den Fachrichtungen. Vielleicht kann die Ärztekammer hierfür eine Plattform bieten. Bei allem ist mir klar, dass es nicht immer möglich ist, mit einer Stimme durch die Landesärztekammer zu sprechen.

Fenja von Horsten:
Über die Ärztekammer, was sie macht und wie groß das Aufgabengebiet ist, habe ich während meines Studiums in Hamburg erst spät etwas erfahren. Ich habe keine Mediziner in der Familie, weshalb ich im familiären Umfeld keinen Kontakt zu der „Institution Kammer“ hatte. Während des Studiums machen sich die meisten eher Gedanken um ihren Abschluss als um die Kammer. Rückblickend ist das schade. Denn als Studierende kennt man sich zu wenig mit den wichtigen Dingen aus, die auf einen zukommen – etwa versicherungstechnische Angelegenheiten. Mit dem Studienabschluss fehlt einem die Zeit dafür. Ich halte es für wichtig, dass die Ärztekammer sich bereits im Studium ihrer künftigen Mitglieder präsenter zeigt, damit die Studierenden früh einen Überblick und wichtige Tipps für die Zeit nach dem Studium bekommen.
In der ersten Zeit nach dem Abschluss irrt man von einem Amt zum nächsten. Es ist schwierig am Anfang herauszufinden, was man braucht. Man eignet sich alles Notwendige an, um den behördlichen Anforderungen zu entsprechen und als Ärztin tätig werden zu können. Ich hatte dann eigentlich nur noch die Weiterbildung im Kopf. Dabei ist das Gesundheitswesen sehr unübersichtlich. Wer ist hier eigentlich für was zuständig? Ich hätte mir eine Art To-do-Liste gewünscht, ein Nachschlagewerk mit allen wichtigen Informationen mit einer Step-by-step Anleitung, in der die Berufsanfänger ihre jeweiligen Unterlagen einreichen müssen und sehen was sie zu beachten haben.
Mit dem Start in die Weiterbildung wurde ich dann erst einmal ins kalte Wasser geworfen. Über die Homepage der Ärztekammer habe ich dann auch alles über die Weiterbildung erfahren. Ich wünschte mir nur, dass ich das früher entdeckt hätte. Die Ärztekammer sollte ruhig zeigen, was sie kann und leistet. Seit Beginn meiner Weiterbildung hier am WKK musste ich erst einmal die ganzen neuen Eindrücke auf mich einwirken lassen. Das hat sich bisher auch noch nicht geändert. Standespolitik und Interessenvertretung ist enorm wichtig, aber am Anfang versucht man sich nur über Wasser zu halten. Zeit wird zunehmend zu einem besonderen Gut. Erst wenn die Arbeit in der Klinik zum Standard geworden ist, wird alles Weitere wichtig(er). Daher ist es gut zu wissen, dass es eine Ärztekammer gibt, die einem den Rücken freihält, wenn man selber im Alltag eingespannt ist.

Alexandra Muntean:
Ich hatte bisher keinen Kontakt zur Ärztekammer. Klar, ich weiß, dass sie für die Weiterbildung und Facharztprüfungen verantwortlich und die Interessenvertretung der Ärzte in Schleswig-Holstein ist. In der Praktik hab ich mitbekommen, dass Ärzte in Weiterbildung auf den Stationen schon nach wenigen Wochen in Rücksprache mit dem zuständigen Oberarzt für eine ganze Station verantwortlich sind. Es fehlt oft eine seichte Einführung in den Klinikalltag. Gerade als Berufsanfänger wird man ins kalte Wasser geschmissen. Man wird schnell allein gelassen und hat selten Zeit dem Menschen/Patienten gerecht zu werden. Man ist dann auch damit beschäftigt, das theoretische Wissen aus dem Studium praktisch anzuwenden. Ein besserer Personalschlüssel könnte die Arbeitsbedingungen und Lehre verbessern. Mir ist bei meinen Kollegen aufgefallen, dass die Ärzte in Weiterbildung gerade zum Berufsstart viele Überstunden durch nicht-ärztliche Tätigkeiten wie etwa die Dokumentation anhäufen. Zwar ist hier schon viel digital, aber man ist aus dem privaten Umfeld doch schnelleres gewohnt. Wir sind, denke ich, schon auf einem guten Weg, aber hier muss es Verbesserungen geben. Heute wird alles im Team gemacht. Ich bin der Meinung, dass Behandlungen heute nur unter Einbezug des Patienten funktionieren. Der Patient muss informiert sein und wissen, was mit ihm passiert. Die Gesundheit des Menschen ist nicht nur eine Inseltätigkeit der Ärzteschaft. Viele andere Gesundheitsberufe sind wichtig. Dazu muss eine Kammer über den eigenen Tellerrand schauen, andere mit in die Entscheidungsprozesse einschließen. Letztendlich funktioniert Medizin nur im Team. Ärzte sind auf der Station und in den Praxen keine Einzelgänger mehr. Heute ist alles Teamarbeit. Aufgaben und Verantwortung werden geteilt. Daher muss die Kammer auch im Kontakt mit anderen Vertretungen stehen.
Als PJler möchte ich eine präsentere Kammer in puncto Vergütung während des PJs. Das ist unter Studierenden nach wie vor ein Thema. Das PJ ist eine Vollzeittätigkeit, bei der ein Nebenjob nicht möglich ist. Viele Studierende wählen ihr PJ danach aus, wie die Lehre bei dem PJ-Ranking abgeschlossen hat und ob die Kliniken das PJ vergüten oder nicht. Viele Kliniken haben verstanden, dass Studierende auf das Geld angewiesen sind. Manche aber auch nicht. Der Zugang zu diesem langen Studium muss für alle Gesellschaftsschichten möglich sein.
Die Kammer sollte sich hier für eine einheitliche Regelung einsetzen. Nicht nur was die Vergütung anbelangt, auch wie die Lehre geregelt ist. Ein vergütetes PJ bringt nichts, wenn die Lehre nicht gut ist und der Studentenunterricht einfach ausfällt, weil zu wenig Zeit oder Personal da ist.

Constantin Junak:
Ich hatte nicht viel Kontakt zur Ärztekammer. Nur die zwingenden Schnittstellen. Als ich während meiner Famulatur im ambulanten Sektor tätig war, riet mir der niedergelassene Arzt, dass ich über die Kammer eine Aufwandsentschädigung beantragen könne.
Nach meiner Approbation wollte ich dann relativ schnell anfangen − Approbation am 3. Dezember, erster Arbeitstag am 1. Januar. So bin ich dann gerade in dieser Zeit vermehrt in Kontakt mit der Ärztekammer gekommen. Standardsachen zum Start ins Berufsleben, die ersten Schritte, wenn man so will. Dabei half mir der Internetauftritt, aber auch über den telefonischen Kontakt konnte mir relativ kurzfristig weitergeholfen werden. Aber seitdem habe ich nicht mehr viel mit der Kammer am Hut gehabt. Am Anfang noch wegen der Weiterbildung und den Arbeitsbedingungen. Das sind Dinge, die mich beschäftigen und wegen denen ich hier nach Schleswig-Holstein gekommen bin und weswegen ich auch hier bleiben möchte.
Die Weiterbildung ist eine gemeinsame Schnittmenge zwischen mir und der Ärztekammer. Ich würde mir wünschen, dass die Weiterbildung digitaler würde. Die neue WBO scheint da ein guter Weg zu sein. Wir müssen in der Weiterbildung weggehen von stumpfen Richtzahlen und starren Vorgaben, hin zu Handlungskompetenzen. Das gilt auch später für den Facharzt. Man möchte gut ausgebildet sein, nicht früh nur Facharzt-Kompetenzen und darüber hi­naus keine Kompetenzen haben. Hier würde ich gerne ein Feedback bekommen und auch die Möglichkeit, konzeptionell partizipieren zu können. Denn die nächste Kontrolle, wie meine Weiterbildung lief, ist die Facharzt-Prüfung.
Die Ärztekammer verstehe ich als Sprachrohr der Ärzteschaft in Schleswig-Holstein. Dann muss sie auch gegenüber der Politik Stellung beziehen und klare Kante zeigen. Als Beispiel möchte ich die Privatisierung im Gesundheitswesen nennen. Meine Erfahrungen in privaten Einrichtungen haben mich eher abgeschreckt. Ich möchte später in einer Einrichtung arbeiten, in der eine Weiterbildung stattfindet, in der Leute gut ausgebildet werden. Nicht in Einrichtungen, in denen die Stationen chronisch unterbesetzt sind. Wie soll unter solchen Umständen ausgebildet werden?
Ich bin in der Anästhesie in Weiterbildung. Hier gehört es dazu, dass man relativ schnell an die praktische Tätigkeit herangeführt wird. Wir müssen schnell Verantwortung übernehmen. Gerade in der aktuellen Situation. Aber auch nach der Krise müssen wir uns fragen, wie es weitergehen soll. In den Einrichtungen soll es nicht darum gehen, mehr Geld zu verdienen.
Eine gute Weiterbildung ist doch auch gut für die Ober- und Chefärzte. Denn eine methodisch detaillierte Umsetzung der WBO ist auch für sie erfüllend, wenn sie ihre Erfahrungen weitergeben können.
Hier stellt sich die Frage, wie sich eine Ärztekammer definiert. Ist sie nur verwalterisch tätig und für die Prüfungen zuständig? Oder sollte sie sicherstellen, wie die Weiterbildung in den Einrichtungen funktioniert? Letzteres würde ich mir wünschen, wenn die Kammer dies als ihren Auftrag sieht. Als Arzt in Weiterbildung liegt mein Schwerpunkt natürlich in der Weiterbildungsordnung. Dennoch denke ich, dass die Freiberuflichkeit sowie Fortbildungsthemen in Relation zu den Arbeitgebern vertreten werden müssen. Wo sind hier die Schnittmengen?
Wenn man, wie die Ärztekammer, maßgeblich mitbestimmt, hat man den Hebel in der Hand. Die Frage ist dann aber: Möchte man ihn auch einsetzen? Das gilt vor allem beim Thema Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Als Arzt ist es nicht verständlich und kaum zu ertragen, was der Drang zur Gewinnmaximierung im Gesundheitssystem anrichtet. Hier muss sich die Ärztekammer stärker einsetzen. Gesundheit ist ein nicht-wirtschaftliches Konstrukt. Für das System ist es wertvoller, mehr Geld in die Gesundheit des Einzelnen zu investieren. Das soll nicht bedeuten, dass hier ein Blankoscheck erstellt werden soll. Das System muss jedoch unbedingt angepasst werden. Die DRGs haben zu Lücken im System geführt, die nicht vertretbar sind. In den Kliniken entscheidet die Wirtschaftlichkeit, die Ökonomie. Und das kann ich nicht tragen. Die Ständevertretung muss hier mehr Stellung beziehen und mehr Druck auf das politische System ausüben. Wir sind einer der bestbezahlten Berufsgruppen und haben eine gute Reputation in den Einrichtungen. Andere Berufsgruppen aber nicht. Sie können sich eine starke Meinung vielleicht nicht so sehr leisten. Daher brauchen wir mehr Zusammenarbeit. Die Pflegekraft ist ein Partner auf Augenhöhe. Daher müssen wir auch auf Augenhöhe miteinander sprechen. Zusammen Schulter an Schulter müssen wir Druck auf das politische System ausüben. Die Ökonomisierung trifft bei mir einen Nerv und ist für mich als Arzt schwer zu ertragen. Die Ärztekammer muss den Prozess mitgestalten. Eine gute Weiterbildung sollte für den Arbeitgeber lukrativ gemacht werden. Sekundäre Anreize ansetzen, wie etwa eine Auszeichnung durch die Kammer. Ich selbst habe den Eindruck, gut weitergebildet zu werden.

Dr. Jakob Schwarzkopf:
Da ich in Pécs (Ungarn) studiert habe, hatte ich erst nach der Approbation – bei der Beantragung meines Arztausweises und der Bestellung von Barcode-Etiketten – Kontakt mit der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Und das ist das Problem: Man wendet sich an die Ärztekammer, wenn man ein bürokratisches Problem hat. Somit wirkt die Ärztekammer wie ein alternder Verwaltungsapparat. Man zahlt seinen Beitrag und einmal im Monat kommt das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt. Mir fehlt das Menschliche und der persönliche Bezug. Ich fühle mich nicht mitgenommen.
Ich bin mitten in meiner Weiterbildung, langsam bin ich im Klinikalltag angekommen. Gerade am Anfang erfahren Weiterbildungsassistenten viel Neues, es wird viel Verantwortung an sie übertragen und es herrschte eine hohe Arbeitsbelastung. Die Ärztekammer kann hier eine Verbindung zwischen den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung schaffen; eine Plattform, auf der sich die WBAs austauschen und über ihre neuen Erfahrungen reden können. So können junge Ärzte mehr Weitblick bekommen und über den Tellerrand schauen.
Auch bei der Themenwahl, die die Kammer kommuniziert, muss sie den jungen Medizinern näherkommen. Das kann durchaus auch in den Medien vorkommen, die die Ärztekammer bedient. Eine neue Rubrik „Für junge Ärzte“ mit extra Themen, die uns betreffen, wie Berichte aus dem Klinikalltag, Aufklärung über die Niederlassung, Informationen über medizinische Basics aus dem Arbeitsalltag, die jeder Arzt in Weiterbildung zu Beginn gebrauchen kann, oder was bei einem Wechsel zwischen stationärer und ambulanter Tätigkeit zu berücksichtigen ist, ist ein möglicher Weg, sich den jungen Ärzten zu nähern.
Die Ärztekammer muss außerdem stärker zeigen, was sie bereits leistet, was sie gegen eine zunehmende Verwirtschaftlichung der Kliniklandschaft oder bürokratischen Aufwand macht. Transparenter werden! Zeigen, dass sie sich für die Digitalisierung im Gesundheitswesen und der medizinischen Lehre einsetzt und sie beschleunigen möchte. Mit dem Ärzteblatt, den neuen Medien und dem Podcast ist die Kammer schon auf einem guten Weg, sich jungen Ärzten zu öffnen. In Zukunft muss sie das aber noch stärker tun.
(Text: SG / Fotos: SG / Vivien Koschollek, WKK Heide)