Schleswig-Holstein für Touristen gesperrt: Bilder mit diesen Warnhinweisen auf den Autobahnen sorgten im Frühjahr bundesweit für Schlagzeilen. Auch Polizeikontrollen zur Überprüfung von Betretungsverboten und Einheimische, die Menschen in Autos mit fremden Kennzeichen nicht immer freundlich entgegentraten, gehörten vorübergehend zum Erscheinungsbild zwischen Nord- und Ostsee und drückten die Anspannung aus, unter der viele Menschen damals standen. 
 
Selten hatte sich Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahren so kühl gegenüber Menschen gezeigt, die hier Erholung und Entspannung suchten. Dann stabilisierte sich die Lage, es kamen die Lockerungen und Schleswig-Holstein warb wieder um Gäste. Wichtig war dafür ein Zwischenstand aus dem Juni über die Infektionen im Bundesländervergleich – mit den besten Werten aus dem Norden. Innerhalb von sieben Tagen hatte es auf 100.000 Einwohner gerechnet nur 0,4 Neuinfektionen gegeben – beste Voraussetzungen also für eine Region, die vom Tourismus lebt. Verstärkend kommt hinzu, dass viele Menschen ihren Urlaub in diesem Jahr in Deutschland verbringen wollen, am liebsten in einer Region, die attraktive Küsten und niedrige Infektionszahlen bietet. Umfragen zum Urlaubsverhalten der Deutschen in diesem Jahr lassen darauf schließen, dass es in Schleswig-Holstein in den Sommerwochen noch voller als in normalen Jahren wird. Viele Deutsche gaben an, den Sommer 2020 am liebsten an der heimischen Küste statt wie sonst auf Mallorca, an der italienischen oder türkischen Küste verbringen zu wollen. 
 
Der zu erwartende Urlauberansturm wird die Vorjahre also voraussichtlich noch überschreiten. Das ist gut für einen Wirtschaftszweig, der einen Monate langen Einnahmeausfall verkraften muss. Was aber bedeutet dieser Tourismusboom für die Menschen in Schleswig-Holstein? Steigen die Infektionszahlen wieder an, wenn so viele Menschen aus anderen Regionen kommen? Um das im Frühstadium einzudämmen, gab es rund um die Lübecker Bucht einen freiwilligen Massentest mit mehr als 1.000 Mitarbeitern des Gastgewerbes, der im Juli und August wiederholt werden soll. Die Wissenschaftler des UKSH erhoffen sich davon Rückschlüsse auf die Verbreitung des Virus durch den Tourismus. Und was halten Praxisinhaber und Kliniken aus den am stärksten frequentierten Urlaubsorten von dem voraussichtlichen Ansturm und wie können sie sich vorbereiten? Ein Stimmungsbild aus ausgewählten Tourismusorten in Schleswig-Holstein zeigt, dass die meisten Ärzte in den Hotspots des Urlaubslandes den vor ihnen liegenden heißen Wochen zwar entspannt, aber durchaus mit dem gebotenen Respekt entgegensehen. 
 
Grömitz 
Eine Woche Ferien – die Praxis von Allgemeinmedizinerin Dr. Lucia Kühner hat die letzte Woche im Juni geschlossen. Zeit für Kühner und ihr Praxisteam, nach den anstrengenden Monaten der Pandemie-Zeit einmal durchzuatmen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Ab Juli erwartet Grömitz genauso wie alle anderen Küstenorte hohe Besucherzahlen. Kühner weiß, was sie erwartet: Schnitt- und Schürfwunden, dicke Beine, Rückenschmerzen und Hautausschläge sind typische Akutvorfälle, mit denen Urlauber in ihrer Praxis vorstellig werden. Es sind in aller Regel Probleme, deren Behandlung keine lange Zeit beansprucht und die zur Routine in jeder Praxis zählen. Hinzu kommen chronisch kranke Urlauber, die sich über einen längeren Zeitraum zum Beispiel auf den Campingplätzen der Region aufhalten und die einheimischen Patienten. Was Kühner nicht weiß ist, wie stark sich der diesjährige Sommer von den anderen unterscheiden wird. Ob der erwartete Andrang noch größer ausfallen wird? 
Für die Arztpraxis mitten in Grömitz würde das voraussichtlich ein noch höheres Patientenaufkommen bedeuten. Der damit verbundene Aufwand wird durch zwei Dinge verstärkt:
  • Die Praxis ist gehalten, sich an die Sicherheitsbestimmungen mit Masken und Abstand zu halten. Das bedeutet, dass die ärztliche und organisatorische Arbeit in der Praxis erschwert und verlangsamt ist.
  • Die Patienten fühlen sich sicher und werden damit zunehmend sorgloser – manche halten die Regeln in den Praxen damit sogar für übertrieben. „Für viele Patienten scheint Corona schon vorbei zu sein“, beschreibt Kühner die Einstellung vieler Patienten.
Das heißt für sie und ihr Praxisteam, dass die Einhaltung der Regeln schwerer durchzusetzen ist. In dieser Hinsicht hätte sich die Allgemeinmedizinerin von der Politik deutlichere Hinweise gewünscht: „Entweder ist das Risiko so gering, dass wir in den Praxen ohne die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen arbeiten und damit auch das hohe Patientenaufkommen bewältigen können, oder es besteht weiter ein Risiko. Darauf müsste man aus meiner Sicht dann auch in der Öffentlichkeit ganz deutlich hinweisen, damit die Patienten sich entsprechend verhalten“, sagt Kühner. Was gibt ihr Hoffnung? Die Praxis ist auf ein hohes Patientenaufkommen in der Urlaubszeit eingestellt und die Zahl der Übernachtungsmöglichkeiten ist begrenzt. Wenn ein Ort wie Grömitz schon in normalen Jahren fast ausgebucht ist, könnte sich der zusätzliche Ansturm also in Grenzen halten. 
 
Fehmarn
Entspannt zeigt sich die Sana Klinik Ostholstein, die mit dem Standort Fehmarn eine Einheit in einem der Urlauber-Hotspots Schleswig-Holsteins bildet. In der dortigen chirurgischen Ambulanz werden die Sprechzeiten an Wochenenden und Feiertagen „etwas ausgedehnt“, aber nicht stärker als in den Vorjahren. Andere Vorbereitungen als sonst auf die Sommersaison trifft die Klinikleitung nicht, auch eine gezielte Abstimmung mit der KV sei nicht geplant. „Natürlich ist davon auszugehen, dass in diesem Jahr deutlich mehr Menschen ihren Urlaub in Deutschland verbringen werden. Inwiefern sich das jedoch auf ein eventuell erhöhtes Infektionsrisiko auswirken könnte, bleibt abzuwarten“, so die Sana Kliniken auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Das Übertragungsrisiko sei zwar „theoretisch reduzierter“, wenn weniger Touristen kämen, aber: „Das ist hypothetisch und wir als Krankenhaus haben darauf keinen Einfluss.“ 
 
Büsum
Das Ärztezentrum in Dithmarschen ist privilegiert: Sechs Ärzte stehen für die Versorgung bereit und sie müssen trotz des zu erwartenden Urlauberansturms die Sprechzeiten nicht ausweiten. Denn wenn sie Feierabend machen, beginnt die Anlaufpraxis der KV unter dem gleichen Dach ihren Dienst. Wochentags von 19 bis 21 Uhr und am Samstagvormittag stellt die KV seit 1. Juni Ärzte und MFA auf Honorarbasis, die sich um die Versorgung in der Region kümmern. Der Zeitraum ab Juni ist gut gewählt. „Es war schon im Juni sehr voll. Und das dritte Quartal ist für uns immer das stärkste“, sagt der Geschäftsführer des Ärztezentrums, Thomas Rampoldt. 
Das Ärztezentrum hat am 8. Juni die Aufteilung der Angestellten in zwei Teams aufgehoben, um wieder in voller Stärke arbeiten zu können. Aufrechterhalten bleiben dagegen die mit Corona eingeführten Video- und Infektsprechstunden. Sollte es tatsächlich zu einer zweiten Welle kommen, könnte das Ärztezentrum ohne großen Aufwand in organisatorische Regeln aus der ersten Corona-Phase umschalten. Dazu gehört vor allem, Patienten so wenig Kontakten wie möglich auszusetzen. Dabei hilft u. a. eine Einbahnstraßenregelung im Zentrum und die Absperrung zu anderen Gesundheitsanbietern unter dem selben Dach, was zugleich eine zusätzliche Wartezone ermöglicht. Jeder ankommende Patient wird auf Infektanzeichen angesprochen und bei geringsten Anzeichen separiert und gesondert behandelt; auch hierfür erweist sich die Anlaufpraxis als Glücksfall: Ihre Räume können für solche Fälle als Ausweichquartier genutzt werden. 
 
Föhr
Die Insel begrüßt in der Hochsaison innerhalb von zehn Tagen rund 8.000 Urlauber, schätzt Allgemeinmediziner und Badearzt Dr. Christoph Meyer-Schillhorn. Er beobachtet den Urlauberansturm mit gemischten Gefühlen. Zum einen weiß er, dass die Insel wirtschaftlich vom Tourismus abhängig ist und auch er in seiner Praxis in Wyk ohne die Urlauber bedeutend weniger Einnahmen hätte. In seine Praxis kamen an manchen Apriltagen keine zehn Patienten, wo sonst bis zu 60 erscheinen. „Einen erneuten Lockdown wollen wir auf keinen Fall. Die zurückliegenden Wochen auf der fast leeren Insel waren gespenstisch“, stellt er klar. Aber: Als Mediziner hat er in erster Linie die gesundheitlichen Risiken im Blick. Insbesondere an der Fähranlegestelle in Dagebüll, wo Menschen auf sehr beengtem Raum beieinanderstehen, sowie an der wichtigsten Föhrer Promenade „Sandwall“ werden die gebotenen Mindestabstände nach seiner Beobachtung nicht eingehalten. „Und weil das draußen ist, haben viele Menschen an diesen Stellen auch keinen Mundschutz auf“, sagt Meyer-Schillhorn. Auch in den Wyker Einkaufsmärkten befürchtet er zu viele Menschen auf engem Raum. 
Meyer-Schillhorn hat sich darauf eingestellt, dass die Urlaubsmonate auf Föhr in diesem Jahr besonders werden. In der Zeit des Lockdowns hat er, wie viele andere Praxen auch, die organisatorischen Vorbereitungen mit getrennten Räumen für Routinepatienten und für Verdachtsfälle, Zutritt nur nach Klingeln, Vorrat an Schutzmaterial und Desinfektionsmitteln u. ä. getroffen. Seine Praxis wird in der Hochsaison bis auf eine einwöchige Pause, in der er selbst aber auf der Insel bleibt, geöffnet haben. Er erwartet allerdings, dass sich kaum Urlauber mit Symptomen einstellen werden, um sich testen zu lassen: „Als Urlauber hat man nicht den Wunsch, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen oder gar als Verdachtsfall unter Quarantäne gestellt zu werden.“ Das könnte zu einer gefährlichen Verschleppung führen. Sollte es zu einer Häufung von Corona-Fällen auf Föhr kommen, wäre in einem früheren Kinderkurheim in Wyk eine fertig eingerichtete Teststation startklar. Dort würden sich die niedergelassenen Ärzte im Testbetrieb abwechseln, damit der Routinebetrieb in den Praxen weiterlaufen kann und die dort zu behandelnden Patienten nicht mit den Verdachtspatienten in Berührung kommen. Für schwere Verläufe ist die Insel nicht ausgerüstet. Wenn Corona-Patienten eine Langzeitbeatmung benötigen oder auf eine Intensivstation gehören, müssten sie per Rettungshubschrauber ausgeflogen werden. Weil der in Niebüll stationierte Helikopter ebenfalls für die Routineeinsätze freigehalten werden muss, steht in Rendsburg ein Helikopter mit Isolierkapsel zur Verfügung, die nach Transport des Covid-19-Patienten desinfiziert werden kann. Eine solche Verlegung hatte es von Föhr aus bis Redaktionsschluss nur bei einem Ehepartner eines Ehepaares gegeben, das auf der Insel lebt und aus einem der Risikogebiete zurückgekehrt war. Meyer-Schillhorn wird in diesem Jahr auf weite Reisen verzichten. Im Herbst plant er zwar Urlaub auf dem Festland, bleibt aber in Deutschland. 
 
Nordfriesland
Auch hier kennt man den Urlauberansturm aus früheren Jahren und man ist darauf vorbereitet. Das Klinikum Nordfriesland mit seinen Standorten Husum, Niebüll und Wyk auf Föhr sieht aber – anders als die Sana Kliniken in Ostholstein – durchaus Gründe, weshalb sich die Situation in diesem Jahr von den Vorjahren unterscheiden könnte: „Aufgrund der Vorhaltung von Infektionsbereichen in den drei Kliniken für Einwohner und Gäste fehlen uns für die reguläre 
Versorgung einige Betten und auch Mitarbeiter, da ja getrennte Teams erforderlich sind.“ Hinzu kommen zwei Neuerungen, die die Kliniken wohl durch die Saison begleiten werden: In den Eingangsbereichen sind jetzt personalintensive Sichtungszonen eingerichtet, durch die alle ambulanten und stationäre Patienten, aber auch alle Besucher hindurch müssen und in denen alle Personen erfasst werden – mit der Folge von Wartezeiten. „Zudem werden alle Neuaufnahmen rechtzeitig auf Covid-19 getestet, was die Abläufe verändert“, gibt die Klinik zu bedenken. Sie verweist auf Erfahrungen mit dem Pfingstwochenende, das aus ihrer Sicht wie eine Generalprobe zu werten war: „Die haben wir gut gemeistert. Wir haben aber gesehen, dass wir gerade die Notfallambulanzen und Sichtungsbereiche personell verstärken müssen. Das organisieren wir derzeit.“
 
Um das mit den höheren Gästezahlen auch steigende Infektionsrisiko im Rahmen zu halten, appelliert das Klinikum Nordfriesland an Gäste und Einheimische, sich weiterhin diszipliniert zu verhalten. Die Nordfriesen geben außerdem zu bedenken: „Vor allem sollten Gäste dreimal überlegen, ob sie mit Atemwegserkrankungen/Grippesymptomen wirklich in den Urlaub fahren. Oder solange warten, bis eine Abklärung (Testung) erfolgt ist.“ 
Sollte die Patientenzahl höher liegen als befürchtet und es zu Kapazitätsengpässen kommen, sollen zunächst Verlegungen zwischen den Klinikstandorten in Nordfriesland stattfinden. „Zudem sind wir in Covid-19-Cluster integriert, sodass wir auch in Nachbarkrankenhäuser verlegen könnten. Im schlimmsten Fall müsste es dann Flurbetten geben. Das wollen wir aber versuchen, möglichst lange zu verhindern. Da wir mit allen drei Standorten rund um die Uhr dienstbereit sind, müssen wir keine Sprechzeiten verändern“, teilte das Klinikum mit. Dort verwies man außerdem auf einen regelmäßigen Austausch mit den niedergelassenen Ärzten der Region und den Anlaufpraxen, was schnelle und flexible Reaktionen erlaubt. 
 
St. Peter-Ording 
Hochsaison herrschte schon im Juni in St. Peter-Ording. Diesen Eindruck vermittelte zumindest die Promenade, auf der Urlauber dicht gedrängt bummeln und das gute Wetter genießen. Mitten im Zentrum haben Allgemeinmedizinerin Dr. rer. nat. Ursula Jedicke und ihr Mann, der gastroenterologisch tätige Internist Harald Jedicke, ihre Praxis. Zu Sprechzeiten füllen hier bei gutem Wetter Patienten vor der Tür die vom Arztehepaar selbst formulierten Fragebögen der Praxis im Ortsteil Bad aus. Die Antworten auf Fragen wie „Waren Sie in Schweden?“ oder „Könnte es sein, dass Sie eine akute Corona-Infektion haben?“ helfen den sechs Praxismitarbeitern bei einer ersten, groben Risikoeinschätzung. Patienten, bei denen eine Infektionswahrscheinlichkeit angenommen werden muss, werden zum Ende der Sprechstunde in die Praxis gebeten. Auch Abstriche aus dem Auto heraus sind möglich. Beiden Ärzten ist dennoch bewusst, dass das Risiko in der Hochsaison, wenn Menschen aus ganz Deutschland und aus anderen Ländern an die Nordseeküste kommen, deutlich erhöht ist. „Wir können so viel fragen wie möglich, aber einen hundertprozentigen Schutz haben wir nicht. Ein stilles Einschleppen von Menschen ohne Symptome ist nicht auszuschließen“, sagt Dr. Ursula Jedicke.
Sie wünscht sich keine neuen Vorschriften, aber Ideen, wie die Praxen organisatorisch auf den Ansturm vorbereitet werden können. Die Ärzte auf Eiderstedt pflegen ohnehin einen engen Austausch und haben sich zu möglichen Schutzmaßnahmen schon unterhalten. Jedicke berichtet etwa von einem Kollegen, der die Behandlung von Infektpatienten in ein neben der Praxis aufgebautes Gartenhaus verlegt hat, was aber nicht bei jeder Praxis baulich möglich ist. Den Ansturm in ihrem Ort beobachtet die Hausärztin mit gemischten Gefühlen. „Als Region, die vom Tourismus lebt, können wir uns nicht abriegeln“, steht für sie fest. Das sorglose Verhalten vieler Gäste aber irritiert sie. Viele Menschen halten sich nach ihrer Beobachtung nicht an die Abstands- und Schutzregeln, was auch manche ihrer Patienten ängstigt. Sie berichtet von einheimischen Menschen im Dienstleistungssektor, die bei Hinweisen auf den fehlenden Mund-Nasen-Schutz zum Teil von Urlaubern angepöbelt werden und die sich Sorgen um ihre Gesundheit machen. Sie wünscht sich, dass die Arbeitgeber ihren Angestellten in solchen Situationen mehr den Rücken stärken und mit gutem Beispiel vorangehen, statt die Sorglosigkeit der Urlauber zu unterstützen. Was macht ihr Hoffnung? Die Corona-App und die Bedingungen in ihrem Ort. „Zum Glück bietet St. Peter viel Luft und die Möglichkeit, Abstand zu halten. Man kann nur auf die Vernunft der Menschen hoffen, dass sie diese Möglichkeit der Distanz stärker nutzen“, sagt Jedicke. Hinzu kommt, dass die Patienten in ihrer Praxis sich bislang an alle Vorschriften halten und zum Beispiel auch das Ausschließen von Fieber per Distanzthermometer nicht kritisieren. Und die Videosprechstunde? Ein sinnvolles Instrument, das die Jedickes auch einsetzen. Nur: „Von Urlaubern wird das kaum genutzt.“ Ihre persönliche Hoffnung, dass es in ihrer Region nicht zu Infektionen kommen wird, ist nicht besonders groß: „Wenn ich mir das Verhalten der Menschen anschaue, würde mich eine zweite Welle nicht überraschen.“ 
 
Scharbeutz 
Vom Strand nur durch eine Straße getrennt, direkt neben den großen Parkplätzen für die Touristen gelegen – an der Gemeinschaftspraxis von Dr. Martin Scholz, Dr. Martin Struve und Dr. Michael Wurz kommt in Scharbeutz fast jeder Urlauber vorbei. Schon im Juni passierten Massen von Strandgängern den Bürgersteig vor der Praxistür. Ein Bild, das die drei niedergelassenen Ärzte kennen und das sie in den Osterwochen vermisst haben. Corona bescherte ihnen einen Umsatzverlust von rund 20 Prozent. „Die Verunsicherung der Patienten war deutlich zu spüren“, sagt Internist Dr. Martin Struve. Dies gilt insbesondere für die räumlich getrennte Dialyse. Die Praxispartner schulten ihre insgesamt 20 Mitarbeiterinnen frühzeitig, damit sie die Patienten aufklären und lenken können. Aushänge machen die Verhaltensregeln klar. Zudem erlaubt die großzügige Praxis Abstände und eine Terrasse am Wartezimmer den Aufenthalt im Freien. Ergebnis bislang: Bei rund 60 abgestrichenen Patienten bis Mitte Juni kein positiver Befund. Das liegt auch daran, dass fast jeder Patient die eingeforderten Verhaltensregeln akzeptiert und befolgt. Was aber passiert, wenn der Ort im Sommer wie zu erwarten überfüllt sein wird? Die drei Ärzte bleiben gelassen. Das dritte Quartal ist für sie von jeher das umsatzstärkste mit rund 4.000 Patienten und das Team hat auch in der Vergangenheit schon „turbulente Sommer bewältigt“, wie Struve versichert. „Wir wollen und wir werden für die Patienten da sein“, steht auch für Internist Dr. Martin Scholz fest. Er verweist auf das Hygienekon­zept der Praxis und auf die große Verantwortung, die sie für die Versorgung in der Region haben. In Scharbeutz und der näheren Umgebung gibt es außer ihrer Gemeinschaftspraxis drei Einzelpraxen, die Patienten versorgen können. Ein Ausfall der Gemeinschaftspraxis wäre für die Region im Sommer kaum zu verkraften. Die Praxis bietet deshalb auch im Sommer ihre Samstagssprechstunde an. „Wir sind so etwas wie eine kleine Anlaufpraxis. Die nächsten „echten“ Anlaufpraxen befinden sich erst in Neustadt und in Eutin. Deshalb wird unsere Samstagssprechstunde im Sommer von den Patienten gut angenommen“, sagt Dr. Michael Wurz. Der Internist und Allgemeinmediziner verweist auf eine bunte Mischung von Patienten, die sich in der Praxis einstellen. Patienten mit Wespenstich sind genauso dabei wie Urlauber, die ihre Dauermedikation zu Hause vergessen haben. Auf der anderen Seite sind es aber auch Menschen mit schweren internistischen Problemen und Dialyse-Patienten. Für Scharbeutz ist die Dreier-Praxis damit im Sommer „systemrelevant“ und die eigene Urlaubsplanung der Ärzte in diesem Jahr nachrangig. Die Praxispartner machen zwar selbst auch Urlaub, aber nie gleichzeitig und alle bleiben in Deutschland, um im Notfall schnell einspringen zu können. 
Was könnte passieren? Worst Case wäre eine Corona-Erkrankung oder Isolation eines Praxispartners oder von Mitarbeiterinnen. Die drei Ärzte sind darauf zwar vorbereitet, gehen aber optimistisch in die Sommerwochen, wie Scholz betont: „Wir haben keine Angst vor Corona. Mit unserem Hygienekonzept kommen wir gut durch den Sommer.“ 
Text: Dirk Schnack/Foto: Adobe Stock Konstantin Savusia