Bergkarabach, Syrien, Jemen: Die Liste der Konfliktregionen in der Welt ließe sich fortsetzen. Seit 2014 gehört die Ukraine dazu. Die ohnehin verbesserungswürdige gesundheitliche Versorgung in dem Land mit dem nach Russland zweitgrößten Staatsgebiet in Europa hat seitdem gelitten. Das gilt nicht nur für die umkämpfte Donbass-Region im Osten des Landes. Auch die Krankenhäuser in Kiew, Lwiw, Czernowitz und anderen größeren Städten des Landes außerhalb der umkämpften Region verfügen über eine Ausstattung, die mit der in deutschen Kliniken nicht vergleichbar ist. Weil selbst die bei uns nicht mehr benötigte Ausstattung oft über dem ukrainischen Standard liegt oder dort ganz fehlt, initiierte der am UKSH in Lübeck tätige Oberarzt Dr. Hryhoriy Lapshyn eine Hilfsaktion, in deren Rahmen vergangenen Monat acht LKW mit Klinikausstattung beladen wurden, die für vier Krankenhäuser in Lapshyns Heimat bestimmt war.

Möglich war das, weil im neu gebauten UKSH viele Geräte modernisiert wurden. „Viele der ausrangierten Geräte werden bei uns nicht mehr, in der Ukraine aber dringend benötigt“, sagt Lapshyn, der auch nach elf Jahren in Deutschland ständig im Austausch mit Kollegen aus der Ukraine steht. Der Oberarzt im Bereich Transplantationschirurgie initiierte die Hilfe mit Unterstützung seines Chefs Prof. Tobias Keck und UKSH-Vorstandschef Prof. Jens Scholz. Die Unterstützung wurde auf hoher politischer Ebene registriert: Ein Dankesschreiben des ukrainischen Gesundheitsministers Maksym Stepanow hat Scholz erreicht. Wohl auch, weil das UKSH seit 2014 insbesondere die Entwicklung der Onkologie, der minimalinvasiven Chirurgie und in der Transplantationsmedizin in der Ukraine unterstützt, Scholz spricht von einer „gewachsenen Partnerschaft“.

Auf den Ladeflächen der in Lübeck und Kiel beladenen Lastwagen befanden sich Patientenbetten, Infusionsständer, OP-Instrumente und weitere Klinikausstattung, die im Rahmen des Neubezugs in Kiel und Lübeck ausgetauscht wurde. Lapshyn hat sich vor Ort informiert, was wo gebraucht wird. Der Bedarf war so groß, dass er eine Auswahl treffen musste: „Wir konnten nur Kliniken helfen, die noch entwicklungsfähig sind und bei denen wir sicher sind, dass sie auch in einigen Jahren noch in Betrieb sind“, sagt Lapshyn. Die Krankenhäuser in Lwiw (dem früheren Lemberg), Chmelnyzkyi, Iwanow-Frankiwsk und Czernowitz erhielten Hilfslieferungen aus Schleswig-Holstein. Alle vier Krankenhäuser liegen außerhalb des zwischen der Ukraine und Russland umkämpften Ostteils des Landes. „Es gibt keine Verbindung in den Ostteil, dort können wir nicht helfen“, betont Lapshyn.

Anders als viele ukrainische Ärzte kommt Lapshyn nicht aus einer Medizinerfamilie und hatte damit zum Berufsstart keinerlei Beziehungen im ukrainischen Gesundheitswesen. Dafür verfügte er über Neugier und Weltoffenheit: Als fertiger Arzt wollte er kennenlernen, wie Ärzte in anderen Ländern arbeiten. Bei einer Hospitation in Zürich lernte er zahlreiche Kollegen aus anderen osteuropäischen Ländern kennen, die von den Bedingungen in deutschen Kliniken berichteten. So kam Lapshyn an die Universitätsklinik in Freiburg, wo er Prof. Tobias Keck kennenlernte. Mit seinem Chef, der einen Ruf nach Lübeck erhielt, wechselte er in den Norden. Keck pflegte damals schon zahlreiche Kontakte nach Osteuropa, neben der Ukraine auch nach Russland, Georgien und Aserbeidschan. Er ist inzwischen Ehrenprofessor der Universitäten in Kiew und Winnyzja. „Uns geht es um die Zusammenarbeit, um die Ausbildung von Kollegen. Was wir machen, ist komplett unpolitisch“, betont Keck. Das gilt auch für Lapshyn, dessen Eltern aus dem russischen Landesteil stammen und der selbst Russisch spricht. Seine Frau spricht Ukrainisch und ihre Kinder lernen neben den in Deutschland vermittelten Sprachen beides.

Diese Neutralität gilt für Keck und seinen Mitarbeiter Lapshyn auch bei zahlreichen Treffen mit Ärzten in Osteuropa, die sie trotz der Konflikte aufrecht zu erhalten versuchen. Ihnen geht es um Live-Operationen, Vorlesungen und gemeinsame Publikationen – nicht um politische Fragen. Fast 50 ukrainische Chef- und Oberärzte haben in den vergangenen Jahren die Klinik für Chirurgie auf dem Lübecker Campus besucht und dabei erfahren, wie hier gearbeitet wird. Keck spricht mit Hochachtung von der Arbeit seiner Kollegen in Osteuropa. „Ich bin immer wieder beeindruckt, was die Kollegen mit den bescheidenen zur Verfügung stehenden Mitteln leisten und wie hoch die Patientenorientierung ist“, sagt Keck.

Jungen Ärzten in der Ukraine bescheinigt er Fortschritte bei der Überwindung der stark ausgeprägten Hierarchien in den Kliniken. „Das Bewusstsein für die Evidence Based Medicine steigt.“ Damit das so bleibt, hofft Keck, dass mehr ukrainische Ärzte für Schulungen nach Deutschland kommen, sich aber für eine Tätigkeit in ihrer Heimat entscheiden. Einer, der die jungen Kollegen vielleicht bald vor Ort überzeugen könnte, ist Kecks Mitarbeiter Lapshyn. Er hat das Angebot aus Lwiw bekommen, dort als Ordinarius tätig zu werden. Nach elf Jahren in Deutschland wäre das ein erneuter Einschnitt für den Transplantationsmediziner, die Entscheidung darüber war bis Redaktionsschluss noch nicht gefallen.

Lapshyn nimmt bei seinem Austausch mit Kollegen in Osteuropa verstärkt wahr, wie gut der Ruf des deutschen Gesundheitswesens dort ist. Er führt dies auf den Austausch zwischen den Medizinern, aber auch auf die Unterstützung aus Deutschland in Notlagen zurück. Hinzu kommen öffentlichkeitswirksame Behandlungen bekannter Persönlichkeiten in Deutschland wie jüngst von Alexei Nawalny in der Berliner Charité. Umgekehrt profitiere Deutschland von diesem Ruf etwa beim Export medizintechnischer Geräte oder durch Operationen von Privatpersonen aus Osteuropa in deutschen Kliniken.
Text/Foto: Dirk Schnack