Die erste Kammerversammlung seit September 2020, erstmals in hybrider Form: Das „Ärzteparlament“ kam teils an heimischen Bildschirmen, teils in den Räumen der Akademie der Ärztekammer in Bad Segeberg zusammen. Fazit: Austausch und Technik funktionierten – und zwar so gut, dass eine Wiederholung zur nächsten geplanten Kammerversammlung im September 2021 keine Notlösung wäre. Aber, so betonte Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann, lieber wäre ihm eine reine Präsenzveranstaltung mit persönlichem Austausch, insbesondere da es um Themen wie Sterbehilfe gehen wird.

Die Entscheidung über Präsenz- oder Hybridveranstaltung wird nach dem Sommer fallen. Im März war die Hybridveranstaltung aus Gründen des Infektionsschutzes erforderlich. Die Pandemie bestimmte nicht nur die Form, sondern über weite Strecken auch den Inhalt der Versammlung. Herrmann ging in seinem Bericht auf die seit der letzten Versammlung vor einem halben Jahr erzielten Fortschritte, aber auch auf enttäuschte Hoffnungen ein: „Wir haben mittlerweile mehr Evidenzen und wissenschaftliche Erkenntnisse als im September und können gezielter die ernsthaft erkrankten Covid-19-Patienten behandeln, haben genügend PCR-Testkapazitäten und die dringend erwarteten Antigenschnelltests, drei zugelassene Impfstoffe – und sind dennoch nicht weiter.“

Pandemiemüdigkeit und Irrationalitäten, die das Infektionsgeschehen seit Monaten begleiten, führen nach Einschätzung Herrmanns zu zwei Konsequenzen: „Impfen, impfen, impfen“ und „Testen, testen, testen“. Zum ersten Credo: Das Impfen sollte nach Ansicht Herrmanns so schnell wie möglich in die Praxen verlegt werden, was in Schleswig-Holstein seit 6. April in zarten Anfängen der Fall ist. Zum zweiten Credo forderte Herrmann den zügigen Ausbau einer ausreichenden Testlogistik. Zu Einwänden, dass die Aussagekraft der Antigenschnelltests nicht hoch genug sei, entgegnete Herrmann: „Lieber haben wir falsch positive Tests, die in einer PCR widerlegt werden können, als gar keinen Test. Lediglich die falsch negativen Testergebnisse könnten ein Problem darstellen, treten jedoch kaum auf.“

Den immer wieder gehörten Einwand, dass es überhaupt nur eine Pandemie gebe, weil so viel getestet wird, bezeichnete Herrmann süffisant als „besonders charmant“ und verdeutlichte: „Wenn du keine Temperatur misst, stellst du auch kein Fieber fest.“ Kein Zweifel besteht für Herrmann, dass uns die Forderung „Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften“ noch lange begleiten wird und das Beachten dieser Regeln nicht nur gegen eine Ausweitung der Corona-Pandemie hilft: „Kennt noch jemand Influenza in diesem Winter?“ An die Adresse der Minderheit von Maskengegnern und unter dem Eindruck der Berichte über große Demonstrationen mit Menschen ohne Maske sagte der Präsident: „Ich frage mich, wie viele Wellen es noch braucht, damit wir lernen.“

Was ihm ebenso große Sorgen macht, ist die Dauerbelastung der Mitarbeiter im Gesundheitswesen, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. „Die nächsten Wochen und Monate werden für uns alle und insbesondere für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen sehr schwer und herausfordernd werden, wobei langsam unsere Kraft und unsere Ressourcen nachlassen.“ In Zusammenhang mit einer Befragung (Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 3/2021, Seite 25: „Gesundheit von Ärzten (nicht nur) in Coronazeiten“) und der Frage, wer an die Gesundheit von Ärzten denke, appellierte Herrmann an die Mitglieder: „Es liegt an uns, das zu ändern.“

Neben der Pandemie beschäftigten die Kammerversammlung zahlreiche Themen, zu denen neben dem Tätigkeitsbericht durch den ärztlichen Geschäftsführer Dr. Carsten Leffmann und den Finanzen u. a. auch die Berichte der Vorstandsmitglieder PD Dr. Thomas Schang über die Arbeit im Qualitätsmanagement und Dr. Svante Gehring über den Berufsordnungsausschuss zählten. Der kaufmännische Geschäftsführer Karsten Brandstetter erläuterte, wie es nach der von den Gesellschaftern beschlossenen Auflösung der Norddeutschen Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen in Hannover weitergehen wird: als Schlichtungsstelle der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Im zweiten Quartal 2021 wird die Arbeit für schleswig-holsteinische Fälle in der Ärztekammer in Bad Segeberg aufgenommen. Brandstetter erwartet, dass die Kosten für die Kammer nicht über den bislang nach Hannover entrichteten Beträgen liegen werden.

Vorteil aus Sicht des Präsidenten: „Wir werden auf Landesebene wendiger sein.“ Dr. Norbert Jaeger aus Kiel gab für die Arbeit auf Landesebene zu bedenken, dass die Auswahl der Gutachter insbesondere in „kleinen Fächern“ noch sorgfältiger erfolgen müsse, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Ein erstes Stimmungsbild zu den Plänen einer neuen Schlichtungsstelle ergab überwältigende Zustimmung. Die rechtsgültige Abstimmung erfolgt wie jeder Beschluss in einer Hybridveranstaltung über das Umlaufverfahren.

Weitere Themen:
Impfen durch Apotheker: Das Modellprojekt zwischen AOK Nordwest und Pharmagroßhändler Gehe (Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 3/2021, Seite 12: „Modell ohne Bedarf“) stößt nicht nur bei den Spitzen der ärztlichen Institutionen, sondern auch bei Kammerversammlungsmitgliedern auf Ablehnung. So fragte etwa der Ratzeburger Abgeordnete Dr. Jochen Grefer: „Impfen ist einfach. Aber was ist, wenn in den Apotheken Komplikationen auftreten?“ Dr. Sebastian Irmer berichtete aus seinem Kreisausschuss Rendsburg-Eckernförde, dass dieser ein Einwirken der ärztlichen Institutionen auf den Gesetzgeber erwartet, um das Impfen in Apotheken zu unterbinden. Der zugeschaltete Präsident der Apothekerkammer Schleswig-Holstein, Dr. Kai Christiansen, unterstrich, dass Landesapothekerkammer und Apothekerverband eine Beteiligung an diesem Modellprojekt abgelehnt haben. „Das wurde von uns nicht lobbyiert“, versicherte Christiansen. Er ist zuversichtlich, dass die von den Projektpartnern angestrebte Zahl von über 100 Apotheken kaum erreicht werden könne. Er appellierte zugleich an beide Heilberufe, sich durch dieses Modell nicht „auseinanderdividieren“ zu lassen, und regte an, die meist funktionierende Kommunikation zwischen Ärzten und Apothekern vor Ort zu intensivieren.

Weiterbildung: Die Umsetzung der neuen Weiterbildungsordnung zeigt ihre Herausforderungen, insbesondere bei dem beschlossenen Paradigmenwechsel mit Fokussierung auf Kompetenzen und Befugniserteilungen. So ist in einigen Gebieten eine stationäre Mindestzeit an eine stationäre Akutversorgung gebunden. In der Allgemeinmedizin etwa sollen die Weiterzubildenden die einzig vorgeschriebene zwölfmonatige stationäre Weiterbildungszeit im Fach Innere Medizin in einer so definierten stationären Akutversorgung erhalten, die restlichen 48 Monate können dagegen im ambulanten Bereich erworben werden, wenn dies möglich ist. Herrmann betonte: „Deshalb ist uns diese stationäre Akutversorgung so wichtig und wir werden jeden einzelnen Antrag genau auf diese Definition hin überprüfen: Wie viele Patienten werden direkt aufgenommen, zu welcher Uhrzeit, mit welchen Diagnosen?“  

Primärversorgungsmodell: Das in einem ersten Workshop in der Kammer vorgestellte Modell (Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 11/2020, Seite 19: „Versorgung neu denken“) wurde von Mit-Initiator Dr. Svante Gehring erläutert. Er berichtete, dass auch in der Politik bereits an entsprechenden Modellen gearbeitet wird. Aus Gehrings Sicht ist es besser, sich „nicht treiben zu lassen, sondern selbst zu entwickeln“.
Ziele solcher teamorientierten Modelle sind u. a. eine größere Patientenzentrierung, die Überwindung von Sektorengrenzen und Versorgungsengpässen, ein abgestimmter Einsatz personeller Ressourcen und das Überzeugen der jungen Generation, die das Arbeiten im Team auch mit anderen Berufen einfordert. Hierfür werden u. a. interprofessionelle Behandlungspfade
erarbeitet, Vergütungsmodelle, die der Versorgungsqualität folgen, verhandelt, gemeinsam zu nutzende elektronische Patientenakten benötigt, Teamsitzungen (bevorzugt online) auf Augenhöhe abgehalten – ohne dass die ärztliche Kompetenz genommen oder angezweifelt wird, wie Gehring betonte. Die ausgesprochen positive Resonanz der Kammerversammlungsmitglieder zeigte, dass er mit diesen Überlegungen auf offene Ohren stieß. Der Weg in die Umsetzung ist zwar komplex, soll aber in einem Modellprojekt im ländlichen Schleswig-Holstein erprobt werden.
Text: Dirk Schnack / Foto: sg