Katharina ist am 15. August 1835 in Oldesloe zur Welt gekommen, hat sich als kleines Kind das Schienbein gebrochen und lernt erst mit acht Jahren laufen. Vermutlich litt sie unter Rachitis. Sie wird nur 1,39 Meter groß, verdient einen kargen Lohn zuerst als Dienstmädchen, dann als Näherin. Am 24. März 1873 kommt Katharina im Alter von 37 Jahren ins Geburtshaus Kiel. Als am 18. April die Wehen einsetzen, kann das Kind nicht lebend geboren werden. Auch die Mutter ist wenig später tot. Sie stirbt an den Verletzungen durch die dramatischen Bemühungen von Professor Carl Conrad Theodor Litzmann, den Schädel des toten Kindes zu zerkleinern, damit er durchs mütterliche Becken passt.  

Es sind Schicksale wie die von Katharina, die einen Schwerpunkt dieser ungewöhnlichen Ausstellung bilden. Da gibt es auf der einen Seite Gustav Adolph Michaelis und seinen Professorenkollegen Litzmann, die zwischen 1830 und 1880 mit bemerkenswerter wissenschaftlicher Stringenz den Zusammenhang zwischen der Form des weiblichen Beckens und dem Geburtsverlauf erforschten. Auf der anderen gibt es Katharina und viele weitere unglückliche Frauen, deren präparierte Becken diese Forschung überhaupt erst möglich machten – und die zugleich mit ihren Lebensgeschichten für eine Zeit stehen, in der ihresgleichen wert- und rechtlos war, wenn es am familiären und materiellen Rückhalt fehlte.

„Gefallene Mädchen“ waren die Zielgruppe des Geburtshauses, das sich einst am Kleinen Kiel in der Landeshauptstadt befand. Frauen, die dort hinkamen, waren arm und schwanger. Schwanger immer wieder nach einer Vergewaltigung oder aber von einem Mann, der womöglich ehrliche Gefühle, aber zu wenig Geld hatte, um zu heiraten und eine Familie zu ernähren.

„So oder so galten die unehelich Schwangeren als Straftäterinnen und büßten nach damaligem Recht die Selbstbestimmtheit über ihren Körper ein“, erläutert Museumsleiterin Eva Fuhry. In mehrjähriger Forschungsarbeit sind der Medizinhistoriker Dr. Ulrich Mechler und der Personenhistoriker Dr. Christian Hoffarth der Frage nachgegangen, wessen Becken hier eigentlich gesammelt wurden und wie die Sammlung genutzt wurde. Hoffarth ist es zu verdanken, dass die oben vorgestellte Katharina und vier weitere dieser Frauen nun eine Stimme und eine Seele bekommen haben. Auf Grundlage der ab 1806 vollständig erhaltenen Aufnahmebücher der Gebäranstalt und gefördert durch die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) folgt Hoffarth bereits seit 2012 in Kirchen- und Kommunalarchiven den Spuren der im Kieler Gebärhaus verstorbenen Schleswig-Holsteinerinnen und ihrer Kinder.

Die Lebensumstände der fünf in dieser Ausstellung gewürdigten Mägde und Arbeiterinnen werden teilweise ganz handfest nachvollziehbar gemacht: Wie schwer eine Milchmagd zu tragen hatte, dürfen die Besucherinnen und Besucher selbst austesten. Für jede der Frauen wird außerdem der Verlauf der jeweiligen Entbindung dargestellt. Und die war für alle problematisch, weil sie in ihrer Kindheit an Rachitis gelitten hatten. Die mangelhaft mit Kalzium versorgten Knochen blieben weich und verformten sich unter dem zunehmenden Gewicht des Körpers, aber auch unter den schweren Lasten, die diese Frauen schleppen mussten. Ihre Beckenknochen waren schließlich so verengt oder eingeknickt, dass sie kein Kind auf natürlichem Wege zur Welt bringen konnten.

Auch wenn der Fokus dieser Ausstellung einen anderen Eindruck nahelegen mag, kamen Komplikationen bei Geburten damals kaum häufiger vor als heute. Nur bei etwa drei Prozent aller Fälle wurde es problematisch, und das sehr oft wegen einer Beckendeformation. Verstarb eine Patientin des Gebärhauses, wurde sie obduziert. Völlig legal, weil das bei allen Toten, denen Straftaten zur Last gelegt worden waren, als erlaubt galt.
Doch durfte man das aus ethischer Sicht? Viele Stimmen, nicht zuletzt die des großen Johann Wolfgang von Goethe, hatten das schon Anfang des 19. Jahrhunderts eindeutig verneint und unter anderem damit argumentiert, dass sich die Ärzteschaft nicht in den Dienst staatlicher Sanktionsmechanismen stellen dürfe.

Auf der anderen Seite gab es zu Zeiten von Michaelis und Litzmann weder Röntgenapparate noch andere bildgebende Verfahren. Man konnte also nur durch Obduktionen in einen toten Körper hineinsehen, um den Geburtsverlauf besser zu verstehen und künftiges Leiden zu vermeiden. Bei den Obduktionen wurden deshalb immer wieder Becken entnommen, die den Ärzten unter diesem Aspekt aufschlussreich erschienen.

In der Ausstellung finden sich mehrere Spiegel, in denen die Besucherinnen und Besucher sich selbst zu solch moralischen Fragen prüfen können. Gilt es, im Zweifel die Mutter oder das Kind zu retten? Soll ein Arzt über den Kopf seiner Patientin hinweg entscheiden, auch wenn es vielleicht zu ihrem Besten ist? Und wie sollen Medizin und Wissenschaft heute mit den körperlichen „Remains“ der ihnen anvertrauten Menschen umgehen? Einfacher werden die Antworten heutzutage eher nicht, wie allein schon ein Blick auf moderne genetische Datensätze zeigt, die Segen und Fluch zugleich sein können. Groß kann der Nutzen für die medizinische Forschung sein, aber auch der Schaden bei nachlässigem oder unverantwortlichem Umgang damit. Ein wichtiger Unterschied zu den Zeiten der Geburtshelfer Michaelis und Litzmann: Heute spielt Persönlichkeits- und Datenschutz in solchen Fragen eine herausgehobene Rolle.

Das Museum in der Brunswiker Straße 2 in Kiel hat – nach den bis Redaktionsschluss geltenden Regelungen – freitags von 10 bis 13 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Es braucht keine Anmeldung und es gelten die aktuellen Hygienevorschriften. Geöffnet bleibt die Ausstellung bis März 2022. Aktuelle Informationen unter www.med-hist.uni-kiel.de

Text: Martin Geist / Foto: Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung der Christian-Albrechts-Universitaet zu Kiel