Dr. Eckhart von Hirschhausen warb in Kiel für eine gemeinsame Entscheidungsfindung von Ärzten und Patienten. Das Projekt „Share to Care“ wird vom Innovationsfonds in Millionenhöhe gefördert.
Revolution, Paradigmenwechsel, einzigartig: Die Wortwahl der Beteiligten von „Share to Care“, das am 18. Dezember in Kiel der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ließ auf Großes schließen. Die hohe Fördersumme – der Gemeinsame Bundesausschuss fördert das Projekt über die Laufzeit von vier Jahren mit 14 Millionen Euro – zeigt, wie wichtig die Ziele von „Share to Care“ dem GBA sind. Und mit Dr. Eckart von Hirschhausen wurde ein medial omnipräsentes Zugpferd engagiert, das die breite Öffentlichkeit locken sollte.
 
Die Resonanz auf die Auftaktveranstaltung blieb dennoch überschaubar: Ein nur mäßig gefüllter Konzertsaal im Kieler Schloss und kaum Presse. Das ändert jedoch nichts an der Bedeutung des Projektes. Ziel ist es, Patienten stärker in Therapieentscheidungen einzubeziehen und damit Versorgungsverbesserungen zu erzielen. Dass dies notwendig ist, steht nicht nur für die Beteiligten außer Frage. Patienten, die die Auftaktveranstaltung besuchten, berichteten zum Teil von ihren negativen Erfahrungen im Gesundheitswesen. „Ohne Gesundheitscoach sind ältere Patienten verloren“, sagte eine Besucherin. „Mein Arzt hört nicht gut zu, ist schlecht vorbereitet und bezieht mich nicht ein“, lautete eine weitere Kritik. Mediziner von Hirschhausen hat beobachtet, dass dies keine Einzelmeinungen sind und dass sich viele Ärzte nicht so auf Patienten einstellen, wie diese es sich vorstellen. Und wenn sie dann auch noch mit selbstgesammelten Informationen kommen, stößt dies oft auf Ablehnung: „Informierte Patienten werden von uns Ärzten oft als lästig empfunden.“
Er sprach sogar von einem „Bruch der medizinischen Ethik“, seit die Anreize im Gesundheitssystem es finanziell belohnen, wenn möglichst viele Menschen operiert werden. „Wir müssen Menschen schützen vor übergriffiger Medizin“, lautete eine seiner zugespitzten Botschaften an diesem Abend. Und er stellte klar: „Wir sind nicht dafür da, damit die OP-Säle voll sind.“
Gelingen soll eine Umkehr mit besser informierten Patienten, die eine gemeinsame Entscheidungsfindung anstreben – das „Shared Decision Making“ (SDM). Wie das am besten umgesetzt werden kann, wird in den kommenden Jahren am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel erprobt. Maßgeblich mit verantwortlich dafür, dass ausgerechnet Kiel eine Vorreiterrolle einnimmt und der GBA sich für die Uniklinik entschied, ist Prof. Friedemann Geiger. Der Psychologe leitet das Sonderprojekt am UKSH. Er ist überzeugt, dass die gemeinsame Entscheidung von Arzt und Patient angebracht ist, wenn sich mehrere Behandlungsmöglichkeiten medizinisch gleichermaßen gut begründen lassen. „In solchen Fällen sollten Patienten mitentscheiden können“, betont Geiger. Neben dem medizinischen Wissen des Experten ist für ihn wichtig, dass persönliche Präferenzen und Prioritäten des Patienten in medizinische Entscheidungen einfließen, denn: „Ich muss ja die Tabletten schlucken.“
 
Geiger beobachtet, dass der Wunsch unter Patienten, stärker einbezogen zu werden, zunimmt. Er stellt aber klar: „Shared Decision Making ist kein Zwang, sondern ein Angebot.“ Dafür müssen zunächst Ärzte, medizinisches Personal und Patienten hinzulernen und umdenken. Patienten sollen in erster Linie lernen, im Gespräch mit dem Arzt die richtigen Fragen zu stellen:
  • Welche Möglichkeiten habe ich? (inklusive Abwarten und Beobachten)
  • Was sind die Vorteile und die Nachteile jeder dieser Möglichkeiten?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Vorteile und Nachteile bei mir auftreten?
Damit diese Fragen beim Patienten auch im entscheidenden Moment präsent sind, werden sie über verschiedene Medien verbreitet. Im UKSH selbst sind Karten erhältlich, auf denen Patienten vor dem Arztgespräch noch einmal auf diese Fragen hingewiesen werden. 
Ärzte und medizinisches Personal in den verschiedenen Kliniken des UKSH werden derzeit darin geschult, das Gespräch mit den Patienten so zu führen, dass die Einbeziehung der Patienten auch gelingt. Wichtig ist Projektleiter Geiger, dass die Schulung mit dem medizinischen Alltag in den Kliniken auch vereinbar ist und nicht zu sehr belastet; deshalb soll jeder Arzt an nur einem Tag intensiv geschult werden. Das Angebot richtet sich an jede Hierarchiestufe im UKSH, bis zur Veranstaltung hatten bereits Ärzte aus insgesamt fünf Kliniken auf dem Campus an Schulungen teilgenommen. Während des Projektes sollen alle Kliniken erreicht werden. Eine, die schon teilgenommen hatte, war die Klinik für Neurologie. Deren Direktorin Prof. Daniela Berg berichtete, wie schwierig es ist, Ärzte aus dem laufenden Klinikalltag für die Schulungen freizustellen. Das Argument fehlende Zeit ist nach ihrer Einschätzung keineswegs vorgeschoben und kein Vorwand, um der Schulung zu entgehen. Auch Geiger hat bislang nicht das Gefühl, dass die Ärzte nicht aufgeschlossen wären für SDM. 
 
UKSH-Vorstandschef Prof. Jens Scholz begrüßte Geigers Projekt ausdrücklich. Ohne die Förderung durch den GBA, räumte er ein, sei eine solche Freistellung von Ärzten für die Schulungen allerdings kaum denkbar und wirtschaftlich für ein Krankenhaus kaum zu leisten. Für die gemeinsame Entscheidungsfindung hält er ein Umdenken für erforderlich: Patienten müssten erst lernen, sich in die Entscheidungsprozesse einzubringen, und Ärzte müssten lernen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Hinzu kommen notwendige Anpassungen im Gesundheitswesen. Als Beispiel nannte er eine bessere Honorierung von Gesprächsleistungen. Scholz sieht es aber als wichtiges Zeichen für die Patientenbeteiligung, dass das Projekt so umfänglich gefördert wird: „Entsprechende Änderungen sind offensichtlich vom GBA gewollt.“
Auf positive Resonanz stößt das Projekt auch bei den Krankenkassen. Dr. jur. Johann Brunkhorst, Leiter der TK-Landesvertretung in Schleswig-Holstein, sieht in den eingeleiteten Schritten hin zu einer gemeinsamen Entscheidungsfindung eine „Systemrevolution“, die nach seiner Überzeugung dazu beitragen kann, die bereits jetzt gute Gesundheitsversorgung in Deutschland noch zu verbessern. In Anlehnung an die High-tech-Medizin betonte Brunkhorst den Stellenwert des Arzt-Patienten-Gesprächs: „Hier geht es um High-Speaking.“ Damit das weiter gestärkt wird, hält er eine frühe Schulung für wünschenswert - schon in der Medizinerausbildung sollte deshalb nach seiner Meinung mehr Wert auf dieses Thema gelegt werden. 
 
Hardy Müller, Generalsekretär des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, hält die stärkere Einbeziehung der Patienten für mindestens so wichtig wie die Digitalisierung, wenn es um Versorgungsverbesserungen geht: „Die Einbeziehung der Patienten führt zu einer neuen Dimension der Versorgung.“ Er zeigte sich in Kiel überzeugt, dass Share to Care ein Beitrag auch zu mehr Patientensicherheit ist. Und die wiederum rechne sich für das Gesamtsystem, weil etwa weniger Revisionen auftreten. Er erinnerte in diesem Zusammenhang auch an den hohen Prozentsatz an unerwünschten Ereignissen bei medizinischen Eingriffen. Müllers Schlussfolgerung: „Nicht an, sondern mit Patientensicherheit spart man.“
 
Dirk Schnack 
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