Die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V. (ÄGGF) macht Schule – allerdings fehlen Freiwillige für die wichtige Arbeit. Ein Besuch des Unterrichts in Kronshagen zeigt, wie wertvoll die ärztliche Aufklärung für Schülerinnen und Schüler ist.

Zehn Minuten vor Ende der Schulstunde hält einer der Schüler es nicht mehr aus: „Haben Sie Kondome dabei?“, platzt der Sechstklässler heraus. „Dürfen wir die sehen?“ Dr. Karen Reinecke wiegt den Kopf: „Na schön. Wenn ihr weiter gut mitarbeitet.“ Das senkt den Geräuschpegel im Klassenraum für eine Weile: Ein Kondom in echt zu sehen, scheint für die Elf- bis 13-Jährigen ein Grund zu sein, sich richtig anzustrengen. Trotzdem fällt es den Jungen der Klasse 6a merkbar schwer, ruhig zu sitzen. Denn es geht um Begriffe, bei denen die meisten der Zuhörer rote Ohren bekommen: Penis, Vagina, Sex.
Reinecke besucht an diesem Vormittag im Auftrag der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF) die Gemeinschaftsschule Kronshagen. Der Verein mit Sitz in Hamburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern und Jugendlichen in ganz Deutschland Informationen über ihre Geschlechtsorgane, Schwangerschaftsverhütung und die Vorsorge gegen Krankheiten zu vermitteln. „Den eigenen Körper kennen, schätzen und schützen lernen“, heißt das Ziel. Es geht um Prävention und darum, Hemmschwellen zu senken, damit auch das Vertrauen in die ärztliche Arbeit zu stärken und die Fachrichtungen Gynäkologie und Urologie bekannter zu machen. Eine wichtige Aufgabe also, der sich viel zu wenige Medizinerinnen und Mediziner annehmen, bedauert Meike Schumann-Bulda. Die Gynäkologin, die in Rendsburg einer frauenärztlichen Gemeinschaftspraxis angehört, ist regelmäßig für die ÄGGF unterwegs und wünscht sich mehr Unterstützung: „Für ganz Schleswig-Holstein sind wir aktuell nur zu dritt“, sagt sie.

In der Schule in Kronshagen verbringen Schumann-Bulda und Reinecke, die eigens aus Hamburg angereist ist, einen ganzen Vormittag mit Jugendlichen der sechsten Jahrgangsstufe. Dabei werden die Klassen nach Mädchen und Jungen aufgeteilt. Die Trennung nach Geschlechtern hilft beiden Gruppen, offen über alle Fragen zu sprechen, die sie bewegen. Es geht um Grundlagen – die Geschlechtsorgane, sexuell übertragbare Krankheiten, Verhütung und Vorsorge. Die Aufklärung tue Not, denn viele der Kinder und Jugendlichen seien „overnewsed, but underinformed“, hätten alles schon gesehen, würden aber die Zusammenhänge nicht begreifen, sagt Schumann-Bulda. Reinecke bestätigt das: „Durch das Internet und den Zugang zu Pornografie meinen die Kinder, sich auszukennen. So wissen zum Beispiel alle, dass es die Pille gibt. Aber was genau sie bewirkt, das ist ein großes Fragezeichen.“
Diese Mischung ist besonders bei den Jungen der 6a zu erleben, von denen manche versuchen, fachmännisch zu klingen und vermeintliches Wissen zum Besten geben. Aber die Fragen überwiegen: „Kann eine Frau auch von Oralverkehr schwanger werden? Kann ich aus Versehen Vater werden? Schmeckt Sperma anders, wenn ich rauche? Brauchen Transsexuelle auch Kondome?“
Karen Reinecke bleibt ruhig und sachlich, sie hat auf jede Frage eine Antwort. Als Hilfsmittel benutzt sie unter anderem Geschlechtsteile aus Stoff und Schautafeln. „Vor einer Klasse zu stehen, ist schon anders, als in der Praxis mit einem Jugendlichen zu sprechen“, sagt die Ärztin. „Man muss Spaß daran haben, sich mit den Heranwachsenden und ihren speziellen Bedürfnissen auseinanderzusetzen.“ Allein gelassen werde aber niemand: Der Verein schult alle Medizinerinnen und Mediziner, die Präventionsveranstaltungen an Schulen geben möchten. Voraussetzung für die Tätigkeit auf Honorarbasis ist die Approbation, ein spezieller Facharzttitel ist nicht notwendig. Zurzeit sind überwiegend Frauen beteiligt, Meike Schumann-Bulda und Karen Reinecke wünschen sich daher auch mehr männliche Kollegen.

Der Unterricht für Jungen ist vergleichsweise neu in der Vereinsgeschichte. Die Idee, in „Aufklärungsstunden“ über Schwangerschaft, Geburt und sexuell übertragbare Krankheiten zu sprechen, stammt von der Frauenärztin Dr. Judith Esser-Mittag. Sie wurde 1920 geboren und begann Ende der 1940er-Jahre, Berufsschülerinnen medizinisches Wissen über „Frauenthemen“ zu vermitteln. Esser-Mittag begeisterte Kolleginnen und Kollegen von der Idee, weitete die Unterrichtsstunden auf Fabrikarbeiterinnen, Frauen von Bergleuten und weibliche Mitglieder von Sportvereinen aus. Die Idee lautete, die Frauen in ihrer vertrauten Umgebung aufzuklären. In der jungen Bundesrepublik entstand 1956 der Verein „Gesellschaft zur Gesundheitspflege der Frau e.V.“ In seinem Auftrag begannen Ärztinnen mit dem Unterricht in Schulen, nachdem eine Schule um eine solche Aufklärungsstunde gebeten hatte. „Damit war der Weg geebnet, eine größere Gruppe junger Frauen und Mädchen an einem Ort anzutreffen“, heißt es auf der Homepage der ÄGGF, der Nachfolgegesellschaft der Gesellschaft zur Gesundheitspflege. Den neuen Namen gab sich der Verein 2013. Heute liegt der Fokus auf Kindern und Heranwachsenden aller Geschlechter.
Während die Jungen der 6a in ihren Stühlen rutschen und zahlreiche Fragen loswerden wollen, läuft die Stunde bei ihren Klassenkameradinnen eher ruhig ab. Die Mädchen sitzen in einem modern eingerichteten Fachraum für naturwissenschaftlichen Unterricht. Zu Anfang erklärt Meike Schumann-Bulda anhand von Schautafeln und Modellen den Aufbau der Geschlechtsteile. Die meisten Schülerinnen wissen darüber schon gut Bescheid: In der sechsten Klasse steht Sexualkunde im Biologieunterricht auf dem Lehrplan. Dennoch bringen die Stunden mit der Ärztin neue und andere Fragen und Facetten. Die Gynäkologin weist auf Krankheiten hin, bespricht Symptome und wann es an der Zeit ist, eine Praxis aufzusuchen. Besonders eindringlich weist die Ärztin die Zwölf- und 13-Jährigen auf die HPV-Impfung hin.

Die Stunden dienten auch dazu, den Mädchen den ersten Besuch bei Frauenarzt oder -ärztin zu erleichtern: „Sie sehen, dass wir ganz normale Menschen sind, mit denen sie reden können. Das senkt die Hemmschwelle“, sagt Schumann-Bulda, die seit rund zehn Jahren Schulen betreut. Die Mädchen seien heute früher körperlich reif, allerdings gebe es große Unterschiede: „In einigen Klassen ist die Mehrzahl noch ganz kindlich, in anderen sind einzelne schon weiter, einige stellen durchaus unverblümte Fragen.“ Im Idealfall kommt die ÄGGF sowohl in der sechsten als auch achten Klassenstufe in die Schule. „Der entwicklungsbegleitende Ansatz ist sehr wichtig“, sagt Schumann-Bulda. In den höheren Klassen stünden Themen wie beispielsweise Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten noch stärker im Fokus als bei den jüngeren Klassen.
Die Doppelstunde mit den beiden Ärztinnen kommt gut an – nicht nur bei der Klasse, sondern auch bei den Lehrkräften und den Eltern: „Es ist für die Kinder toll, dass hier Personen vor ihnen stehen, die keine Noten verteilen“, sagt Corinna Fürschke, die in der Schule für alle Präventionsthemen zuständig ist. „Für die Kinder ist es kein Unterricht, sondern ein Projekt, auf das sie sich freuen.“ Wichtig sei dabei auch, dass die Vertraulichkeit gewahrt ist. Während der Stunde sind die Lehrkräfte nicht dabei, die ÄGGF-Ärztinnen sprechen allein mit den Jugendlichen. Diese fachliche Aufklärung gefalle auch den Eltern, berichtet Fürschke: „Sie begrüßen das sehr.“

Info: Rund 78.000 Kinder und Jugendliche hat die ÄGGF bundesweit in 5.000 Veranstaltungen im Vor-Corona-Jahr 2019 erreicht. Die ÄGGF ist als Verein organisiert, der rund 85 Mitglieder hat. Ärzte, die auf selbstständiger Basis Unterrichtsstunden in Schulen übernehmen wollen, können sich bei der Geschäftsstelle in Hamburg melden, per Mail unter aeggf@aeggf.de oder
telefonisch unter 040 41919490.



Text und Foto: Esther Geisslinger