Hausarzt und Singer-Songwriter – Dr. Ludger Iske aus Eutin ist beides aus Leidenschaft. Der hausärztliche Internist hat gerade seine erste CD herausgebracht und geht mit seiner Musik nun stärker in die Öffentlichkeit. Auf seine Praxis soll sich das nicht auswirken, wie er auf zunehmende Patientenfragen versichert. Dafür ist er viel zu gerne in der hausärztlichen Versorgung tätig.

Wer Dr. Ludger Iske trifft, darf viel erwarten. Nur nicht, dass sich der Eutiner Arzt in Schubladen stecken lässt. Auf dem Cover seiner ersten, gerade herausgebrachten CD „Nackig unterm Mond” präsentiert sich Iske in feinem Tweed, ist mit Hut und Krawatte schick gekleidet. Zum Termin trifft man ihn dann in T-Shirt und Jeans. Ähnlich leger bildet ihn die PR-Agentur beim Foto-Shooting vor dem Eutiner Schloss ab.
Iske hat nicht nur äußerlich ein breites Spektrum, auch in seinen Texten zeigt er sich facettenreich: Die Stimmungen wechseln. Da ist zum Beispiel „Schwarzer Hund”, ein Stück über Depressionen: „Im Keller: Bier und Tabletten. Ein Wohnzimmer ohne Mund. Im Bett ein Hemd, hier kommt keiner raus/Und rein nur der schwarze Hund.” Auf der anderen Seite „Glück als Verstand” oder „Jetzt kommt das beste Stück: Lass lieber mal das Licht an oder sing noch einen Song”.

Mal heiter, mal melancholisch, Iske verarbeitet Eindrücke seines Lebens, und das hat nun mal wechselnde Stimmungen. Was er in Liedtexte umsetzt, ist nicht eins zu eins Iske, sondern seine Art, Beobachtungen zu verarbeiten. Viel zu groß ist ihm der Begriff „Schöpfer” der Texte. Er beschreibt es lieber so: „Man braucht eine Antenne für das, was um einen herum geschieht und die Fähigkeit, das auf irgendeine Art zu verarbeiten und auszudrücken. Bei mir ist es die Musik.”
Beim Termin in seiner Praxis sitzt Iske vor zwei Gitarren und zahlreichen Fotos von Künstlern, die überall an den Wänden der Gemeinschaftspraxis in der Eutiner Innenstadt hängen. Patienten müssen nicht lange rätseln, wofür sein Herz neben der Medizin schlägt. Was sie nicht auf den ersten Blick sehen, ist Iskes Leidenschaft für die Literatur. Die symbolträchtigen, schwermütigen Gedichte von Georg Trakl haben es ihm genauso angetan wie Gottfried Benn oder Uwe Johnson. Kein Zweifel, Sprache ist für ihn wichtig. Er liebt die Möglichkeit, Mehrbödigkeit auszudrücken – auch in eigenen Gedichten. „Aber nur für mich”, wie er betont.
Veröffentlichungsreif wurden dagegen seine Liedtexte. Allerdings ist er heute froh, dass er dafür einen professionellen Produzenten aus Preetz eingeschaltet hat. Der hat ihm klar gemacht, dass eine Veröffentlichung nur infrage kommt, wenn die Texte nicht nur für Deutschlehrer der Sekundarstufe II verständlich sind. „Das Publikum hat das Recht, zu verstehen. Unter diesem Blickwinkel habe ich die Texte überarbeitet, das war ein Reifeprozess, für den ich sehr dankbar bin”, sagt Iske.
Dennoch ist er sich bewusst, dass sich nicht jeder die Zeit nimmt, den Texten von vorn bis hinten zu folgen. „Meine Musik ist zum Zuhören, man muss dabei bleiben. Manche werden aussteigen”, sagt er selbst. Er bezeichnet sich als „Nischenkünstler”, dem die Zusammenarbeit mit dem Produzenten dabei geholfen habe, „heraus aus dem Elfenbeinturm” zu kommen.  
Die Produktion und die anschließende PR haben ihn viel Geld gekostet, von dem er über den CD-Verkauf nur einen Bruchteil wieder einnehmen wird. Dessen war er sich vorher bewusst, mit Musik wird er in seinem Leben kein Geld verdienen.
Er sagt aber: „Die ganze Produktion war ein wunderbares Beispiel für die Stärkung ärztlicher Resilienz. Dieser Prozess hat mir so viel Freude und Kraft bereitet, dass ich ihn locker neben der vollschichtigen Praxistätigkeit ausüben konnte.”

Iske hofft, dass er nach „Nackig unterm Mond” noch eine weitere CD produzieren kann, und er möchte mit der Band „Iske” – dazu gehören noch ein Krankenpfleger, ein Pastor, ein Jugendarbeiter und ein Tontechniker – wieder häufiger auftreten. „Ich möchte mit meiner Musik die Leute erreichen, ich möchte bekannter werden”, sagt er ganz offen. Dass er dabei auch ärztliches Publikum und Patienten anspricht, stört ihn keineswegs. Auch Auftritte bei ärztlichen Veranstaltungen kann er sich gut vorstellen.  
Allerdings hat er auch schon erfahren, wie eigen das Musik-Business funktioniert und wie abhängig die sind, die davon leben müssen. Umso glücklicher ist er, sich Musik als Hobby leisten zu können. Sollte die Musik künftig mehr Zeit in seinem Leben erfordern, weiß er sich bei den Praxispartnern verständnisvoll aufgehoben. Fest steht aber, dass er sich nicht – wie von manchen Patienten befürchtet – aus der Praxis verabschieden wird. Auch sein Alter jenseits des 60. Geburtstages spielt dabei keine Rolle. „Mit jedem Jahr Erfahrung wird die Arbeit leichter. Für mich sind Praxis und Sprechstunde mehr Lust als Arbeit”, sagt der seit 1997 niedergelassene Iske, der seit 2004 in einer Gemeinschaftspraxis arbeitet.
Viel über ihn und seine Lebenseinstellung zeigt sich in „Glück als Verstand”, wo es heißt: „Alter 62 Jahre, ich will keins davon zurück. Weder jünger sein noch anders, jeder Treffer Teil vom Glück.” Er habe unglaublich viel Glück in seinem Leben gehabt, sagt der Arzt. Berufsbedingt mit Krankheit und Trauer konfrontiert, betrachtet er sein bisheriges Leben als Glücksfall.
Die Musik ist Teil dieses Glücks, auch als Hörer: Von Johann Sebastian Bach bis Bob Dylan, von Leonard Cohen bis Max Raabe, von Joni Mitchell bis Wolf Biermann – Schubladen sind wirklich nicht sein Ding.

INFO
Single "Nackig unterm Mond":
YouTube: https://youtu.be/B1wayDPDg2U
Spotify: https://spoti.fi/3tlqP6P

Weitere Info unter: www.iske.band



Text: Dirk Schnack
Foto: Lee Aspinall Photography