
„Unser Gesundheitswesen steckt in einer stillen Revolte“
In der letzten Kammerversammlung des Jahres mahnt die Ärztekammer Schleswig-Holstein angesichts der aktuellen Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen einen grundlegenden Kurswechsel an. In seinem Bericht vor der Kammerversammlung machte Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann deutlich, dass die seit Jahren angekündigten Reformen bislang kaum Wirkung zeigen. „Vor zwei Jahren sprach ein damaliger Bundesgesundheitsminister von einer Revolution. Die eigentliche Revolte findet jedoch leise im Inneren statt – im Rückzug derjenigen, die im Gesundheitswesen arbeiten“, sagte Herrmann.
Viele Gesundheitsfachkräfte verließen frühzeitig ihren Beruf, Ärztinnen und Ärzte reduzierten ihre Arbeitszeiten oder schöpften ihre Budgets nicht aus. „Das ist absolut nachvollziehbar“, so Herrmann, „denn die Bürokratie wächst unaufhaltsam. Wer glaubt, dass sich das ändert, wird enttäuscht werden. Der Normgeber schafft immer neue Regeln – und überprüft sie. Diese Logik produziert zwangsläufig noch mehr Formalismus.“
Herrmann kritisierte das Reformtempo der Politik und die Vielzahl neuer gesetzlicher Vorgaben. „Die Flut an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien gleicht einer palliativmedizinischen Symptomkontrolle unseres Gesundheitswesens – kurzfristige Maßnahmen, die nur über die nächsten Wochen helfen sollen. Es fehlen klare, evolutionäre Konzepte. Auch unter der neuen Bundesgesundheitsministerin stehen erneut finanzielle Einschnitte im Mittelpunkt.“
Ein besonderes Warnsignal sei die wirtschaftliche Lage vieler Krankenhäuser: „Wenn selbst große, leistungsfähige Versorgungskrankenhäuser tief in den roten Zahlen stecken, ohne dass Managementfehler vorliegen, zeigt das einen systemischen Fehler. Hier müssen wir ansetzen.“
Herrmann forderte daher „eine konsequente Krankenhausplanung, auch wenn sie schmerzhafte Entscheidungen bedeutet, eine Öffnung der Sektoren, echte Investitionen in Digitalisierung sowie interprofessionelle Teams. Entscheidend ist der Patient-Praxis-Kontakt – nicht jeder Kontakt muss ein Arztkontakt sein.“
Trotz turbulenter Monate innerhalb der Kammerorganisation blickt die Ärztekammer auf ein erfolgreiches Arbeitsjahr zurück. Der Wechsel in der kaufmännischen Geschäftsführung habe die Organisation stark gefordert. „Das war eine belastende Phase für Mitarbeitende, Vorstand und auch für mich persönlich“, so Herrmann. „Ich danke allen Beteiligten für ihren Einsatz.“ Mit der Bestellung des neuen kaufmännischen Geschäftsführers Christoph Fülscher, der sein Amt am 5. Januar 2026 antritt, sei nun eine stabile Perspektive gegeben. „Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit.“
Ein zentrales Projekt war die digitale Transformation des Ärzteblatts. „Die Umstellung auf ePaper, Webmagazin und App war anspruchsvoll, aber sie war richtig. Genauso wie die Neugestaltung unserer Homepage“, betonte Herrmann. „Wir können schneller, gezielter und nachhaltiger informieren.“ Die letzte gedruckte Ausgabe des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatts erscheint Mitte 2026.
Auch die neuen „Ärztlichen Stellen“ seien erfolgreich gestartet. „Ein hervorragend arbeitendes Team, klare digitale Prozesse und bereits erste abgeschlossene Verfahren – der Routinebetrieb kann nun beginnen“, sagte Herrmann. Ab 2026 zieht die Abteilung in neue Räumlichkeiten um.
Darüber hinaus engagierte sich die Ärztekammer in Bereichen wie ME/CFS, Gewaltprävention, Öffentlichkeitsarbeit, digitalen Verwaltungsprozessen und Weiterbildung. Herrmann hob hervor: „Unsere Fortbildungssatzung, die wir vor einem Jahr beschlossen haben, wurde inzwischen von allen Landesärztekammern übernommen. Das ist ein wichtiges Signal.“
Ein weiterer Meilenstein ist die Vergabe des 132. Deutschen Ärztetags 2028 nach Kiel. „Wir wollen einen Ärztetag der kurzen Wege, der klaren Botschaften und des nordischen Flairs gestalten – ‚nah, klar, Kiel‘“, erklärte Herrmann.
Mit Blick auf 2026 erwartet der Präsident intensive Debatten – insbesondere zur ärztlichen Weiterbildung. Die vorgeschlagene Verkürzung bestimmter Weiterbildungszeiten und die Streichung der sogenannten „Können-Jahre“ hätten in Fachgesellschaften bereits heftige Reaktionen ausgelöst. „Ob ein Konsens erreichbar ist, bleibt fraglich. Der Deutsche Ärztetag wird wegweisende Entscheidungen treffen.“
Zum Abschluss appellierte Herrmann an die Ärzteschaft, mit Haltung und Zuversicht in das kommende Jahr zu gehen: „Optimismus ist kein Luxus, sondern notwendig. Wir sind ein freier Beruf, wir verfügen über Therapiefreiheit – ein grundrechtlich verankertes Privileg. Dieses dürfen wir nutzen, aber nicht ausnutzen. Wenn wir uns unserer Verantwortung bewusst bleiben, können wir unser Gesundheitssystem weiterentwickeln und stabilisieren.“