Wie lässt sich das Nachwuchspro­b­lem an den medizinischen Forschungsstandorten in Schleswig-Holstein lösen? Vor circa vier Jahren fanden erste Gespräche mit Vertretern der medizinischen Fakultäten beider Universitätsstandorte in Kiel und Lübeck statt. Vor drei Jahren entstand daraufhin das erste Clinician Scientist-Programm in Schleswig-Holstein. Während eines Erfahrungsaustauschs in Bad Segeberg zogen die Beteiligten aus Kammer, Forschung und Weiterbildung ein erstes Resümee. Auch Ärzte in Weiterbildung, die am Programm teilnehmen, waren dabei.
Das Clinician Scientist-Programm soll jungen Ärzten in Weiterbildung den Zugang zur Forschung erleichtern. Im Rahmen des strukturierten Programms der medizinischen Fakultäten innerhalb der ärztlichen Weiterbildungen sollen sämtliche Anteile der universitätsmedizinischen Forschung sowie der wissenschaftlich orientierten Tätigkeit sinnvoll an die klinische Aus- und Weiterbildung verknüpft werden.

Diese Verzahnung von Forschungsinhalten und der ärztlichen Weiterbildungen soll den Universitäten die Möglichkeit geben, wissenschaftliches Personal auszubilden, ohne dass die jungen Ärzte Qualitätseinbußen in ihrer Weiterbildung fürchten müssten. Das Programm soll ihnen einen sicheren Forschungszugang gewähren, wobei die Möglichkeit einer praktischen ärztlichen Tätigkeit weiterhin sichergestellt wird.

Da es in Deutschland keine Rezertifizierung von Fachärzten gibt, gilt die Devise „Einmal Facharzt immer Facharzt“. Die Weiterbildung der Programmteilnehmer muss daher laut Ärztekammer den Qualitätsmaßstäben der standardisierten Weiterbildung gleichkommen. Weiterbildungszeiten sowie Richtzahlen müssen erfüllt werden, wobei die Länge der Weiterbildung je nach Disziplin um 12 oder 24 Monate verlängert wird. Der Forschungsanteil liegt dabei höher als der zeitliche Mehraufwand, da die Forschungszeit teilweise auf die Weiterbildungszeit angerechnet wird.

„Unter den Weiterzubildenden wird die Teilnahme an dem Programm als Privileg wahrgenommen“, meint Prof. Ulrich Kunzendorf, Nephrologe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel und Mit-Initiator des Clinician Scientist-Programms sowie Weiterbildungsbefugter. Es erleichtere nicht nur den Forschungszugang, das Programm biete Sicherheit in doppelter Hinsicht: Wer einmal in das Programm aufgenommen ist, kann sicher sein, für die Dauer des Programms eine medizinische Forschungsausbildung zu genießen. Außerdem sind die Forschungszeiten während der Weiterbildung festgeschrieben − Ärzte in Weiterbildung haben damit einen Anspruch auf ihre Forschungszeiten. Die Anerkennung der Weiterbildungszeiten ist somit ebenfalls gesichert.

Doch zu welchem Zeitpunkt sollte man sich am besten auf einen Platz bewerben? Unmittelbar nach Abschluss des Studiums oder als Quereinsteiger nach einigen Jahren in der Weiterbildung? Die Vertreter der Fakultäten halten eine direkte Aufnahme von Studienabsolventen für sinnvoll. Allerdings sollte auch ein späterer Einstieg möglich sein, wenn bereits Erfahrungen in der ärztlichen Tätigkeit vorliegen. „Je später der Einstieg in die Forschung, umso größer die Verdrängung der wissenschaftlichen Inhalte“, befürchtet man von Kammerseite. Eine Quereinstiegsgrenze bei 18 Monaten Weiterbildungsdauer hält die Ärztekammer für sinnvoll. Da sich die Fakultäten für einen späteren Einsteig aussprechen, sollen sie nun prüfen, wie eine spätere Einstiegsgrenze bei längeren Weiterbildungszeit zu bewerten ist.
Die an dem Erfahrungsaustausch teilnehmenden Ärzte in Weiterbildung der beiden Universitätskliniken sprachen sich explizit für das Programm aus. Schekeb Aludin hat während seines Studiums seine Doktorarbeit geschrieben. Für ihn stand schon früh fest, dass er in der Forschung bleiben möchte. Aludin war ungefähr ein Jahr klinisch tätig, bevor er in das Programm wechselte. „Im Programm hat man mehr Zeit für die Forschung“, sprach er sich für die festgeschrieben Forschungszeiten aus.

Auch Sarah Schulze ist in dem Clinician Scientist-Programm am UKSH in Kiel. Bevor sie in Teilzeit in einer Forschungsgruppe in der Neurologie arbeitete, promovierte sie. Nach eineinhalb Jahren hörte sie von dem Programm und bewarb sich. Für sie bleibt - trotz des unterstützenden Programms - ein hohes Maß an Engagement für die Forschung unerlässlich.

Schulze wie Aludin überzeugt vor allem der interdisziplinäre Austausch zwischen den Forschern. Dieser sei Grundlage für eine gute Forschung, betonten die beiden Ärzte beim Erfahrungsaustausch.
Text/Fotos: Stephan Göhrmann