Heute wird nicht ausführlich geduscht, heute wird geschnackt: In einem Modellprojekt, das in Heide startet, sollen Pflegekräfte autonom entscheiden, welche Hilfe ein Klient an diesem Tag gerade braucht. Darüber hinaus sollen die Kräfte eigenständig Kontakt zu Ärzten oder Therapeuten aufnehmen, um Hilfen für den Pflegebedürftigen zu organisieren. Praxen sollen dadurch entlastet werden. Sozial- und Innenministerium sind finanziell mit im Boot, im Beirat wird auch die Ärztekammer vertreten sein.

„Vorgaben von ‚oben‘ gehören der Vergangenheit an – Du entscheidest mit dem Team selbst“: So wirbt der ambulante Pflegedienst „Mook we gern“, ein Tochterbetrieb der Stiftung Mensch in Dithmarschen, zurzeit um Pflegekräfte, die in dem neuen Projekt mitarbeiten sollen. Geht es nach Uta Kleinschmidt, Geschäftsführerin der „Mook we gern gGmbH“, und Projektleiter Meiko Frischkorn, werden im Juli die ersten ambulanten Teams in Heide und Umgebung loslegen. An Kundschaft mangelt es nicht: „Wir haben schon Bewerbungen von Pflegebedürftigen, die das Modell interessant finden“, berichtet Kleinschmidt.

Die Idee der „autonomen ambulanten Pflege“ klingt ebenso simpel wie revolutionär: Statt nach einem starren Plan Hilfeleistungen im Minutentakt abzuarbeiten, tut die Fachkraft das, was gerade im Moment sinnvoll ist. „Das kann zum Beispiel bedeuten, sich Zeit für ein Gespräch zu nehmen“, sagt Frischkorn. Möglich ist das, weil die Arbeit im Rahmen des Modells nach Stunden, nicht nach festgelegten Leistungen bezahlt wird. Was in der Zeit, die für einen Klienten zur Verfügung steht, genau passiert, muss also nicht immer gleich aussehen. Es gilt, ein Ziel zu erreichen: „Es gibt einen Aushandlungsprozess, der am Anfang der Pflege steht“, sagt Frischkorn. „Im Mittelpunkt steht die Frage: Was möchte der Klient, wie realistisch ist dieser Wunsch? Dann geht es darum, sich auf Ziele zu einigen und die anzustreben.“ So könnten Pflegekraft und Pflegebedürftiger etwa duschen üben, bis der betagte Mensch das allein hinbekommt.
Das Projekt wird mit rund 800.000 Euro vom Land Schleswig-Holstein bezuschusst. Es gehe darum, „ein neues Versorgungsmodell zu erproben und den Pflegeberuf dadurch attraktiver zu machen“, teilte das Gesundheitsministerium mit. Neben dem Sozialressort ist auch das Innenministerium beteiligt. Insgesamt fließen Mittel aus drei Fördertöpfen, darunter aus dem Versorgungssicherungsfonds, aber auch Mittel zur ländlichen Entwicklung.

Neben Pflegekräften, die neuen Spaß am Job bekommen sollen, und Pflegebedürftigen, die sich ernst genommen fühlen, sollen auch die Ärzte von dem Modell profitieren. Als Beispiel nennt Projektleiter Frischkorn die Behandlung chronischer Schmerzen: „Was bringt die nächste medikamentöse Einstellung, wenn die Gesamtsituation des Patienten nicht einbezogen wird? Nimmt er die Medikamente überhaupt regelmäßig oder verweigert er die Hilfe? Fühlt er sich einsam und leidet darunter vielleicht mehr als unter den körperlichen Beschwerden?“ Im optimalen Fall könnte sich die Pflegekraft ein- und zwischenschalten. Denn geplant ist ein System von Bezugspflegekräften, die den Klienten und auch das soziale Umfeld kennen: „Gibt es Nachbarn, die mal einkaufen gehen oder zum Kaffee vorbeikommen könnten? Sind Angehörige da?“ Die Pflegekraft könnte – nach Absprache mit dem Pflegebedürftigen – Kontakte herstellen, auch zur Fach- oder Hausarztpraxis: „Wir stellen uns vor, dass nach Vorgesprächen mit dem Klienten die Pflegekraft dem Arzt bereits einen Vorschlag präsentieren könnte“, sagt Frischkorn. Damit solle der Arzt von Arbeit entlastet werden.

Dass Pflegekräfte sich direkt beim Arzt melden, sei doch gar nichts Neues, wundert sich Michael Sturm vom Hausärzteverband Schleswig-Holstein: „So arbeiten wir schon lange.“
Ja und nein, sagt Meiko Frischkorn: „Bei den Ärzten kommt nicht an, wie viel Vorlauf und Abstimmungen es intern gibt, bevor so ein Anruf rausgeht.“ Klar: In Notfällen wird schnellstens reagiert, aber wenn es um langsame Veränderungen geht, dauert es meist eine gewisse Zeit, bis die Information an die richtige Stelle gelangt. Denn wenn die Fachkraft beim Besuch in der Wohnung eines Pflegebedürftigen feststellt, dass eine gesundheitliche Verschlechterung eingetreten ist, wird diese Veränderung meist zuerst mit Kollegen, dann mit der Pflegedienstleitung besprochen, vielleicht gibt es auch noch eine Fallbesprechung – erst dann wird gegebenenfalls beschlossen, einen Arzt hinzuzuziehen. „Da können gut mal zwei Tage vergehen“, sagt Frischkorn. Im neuen Modell entfällt die Abstimmung, die Pflegekraft entscheidet eigenständig, ob ärztliche oder therapeutische Hilfe nötig ist.
„Wir gehen davon aus, dass Pflegekräfte diese neue Art zu arbeiten rein fachlich von ihrer Ausbildung her können“, sagt Meiko Frischkorn. „Aber in der Praxis werden sie anders sozialisiert, sie sind in Hierarchien und das Korsett der Abrechnungen eingebunden. Wir wollen zeigen, dass Pflegekräfte eigenständig arbeiten können, wenn man sie lässt.“

Trotz aller Eigenständigkeit: Natürlich gibt es weiterhin eine Pflegedienstleitung, betont Geschäftsführerin Kleinschmidt. Nur die Abläufe werden anders aussehen. So könnten Besprechungen per Chat oder Bildtelefonie ohne großen Aufwand abgehalten werden.
Das Modell ist auf drei Jahre ausgerichtet, es findet eine wissenschaftliche Begleitung statt. Daneben wird ein Beirat eingerichtet, dem unter anderem die beteiligten Ministerien, die Pflegeberufe- und die Ärztekammer sowie der Ersatzkassenverband angehören sollen.
Wenn das neue Team steht, sind Veranstaltungen in Heide geplant, bei denen das Modell vorgestellt wird. Dazu werden auch die Ärzte der Region eingeladen. Vom Grundsatz ist Michael Sturm vom Hausärzteverband aber bereits überzeugt: „Pflegekräfte nach Stunden statt nach Leistungen im Minutentakt zu vergüten, ist sinnvoll und entspricht dem bewährten und leider abgeschafften Modell der Gemeindeschwestern.“ Pflege müsse gut finanziert und die dort Tätigen müssten anständig vergütet werden.

Das Mook-we-gern-Team hofft, dass sein Modell in einigen Jahren Regelleistung wird. Abkupfern ist erlaubt: „Wir werden die Ergebnisse veröffentlichen, damit alle anderen Dienste sie kopieren können“, sagt Kleinschmidt.
(Text: Esther Geisslinger / Fotos Mook we gern gGmbH / Lisa Krechting)