Schleswig-Holstein hat ihn kürzlich für seine Verdienste in der Palliativmedizin und die Verbreitung von Letzte Hilfe-Kursen mit dem Verdienstorden des Landes ausgezeichnet. Als Arzt ist Dr. Georg Bollig aber in Dänemark tätig.

Dänemark und Schleswig-Holstein haben zahlreiche Berührungspunkte auch im Gesundheitswesen. Einer davon ist der personelle Austausch über die Grenze – Dänen arbeiten in Schleswig-Holstein und Deutsche in Dänemark. Dr. Georg Bollig ist einer dieser Grenzgänger. Von seinem Wohnort in Schleswig pendelt er täglich ins 90 Kilometer entfernte Sonderborg, um dort ein Palliativteam zu leiten.
Als Arzt könnte er in Deutschland praktisch überall und auch wohnortnah arbeiten – warum nimmt er diesen zeitlichen Aufwand auf sich? „Für Ärzte ist hier einiges einfacher“, erklärt der Facharzt für Anästhesiologie, der in seiner Laufbahn schon in den USA, Österreich, Belgien, Norwegen und Deutschland gearbeitet hat. Bollig ist ein Anhänger nicht gewinnorientierter Gesundheitssysteme wie in Skandinavien. Nach seinen Erfahrungen arbeiten Ärzte auch dort ressourcenschonend, fühlen sich aber weniger von ökonomischen Zwängen reglementiert. Eine Bevorzugung von Fächern, die mehr Erlöse bringen als etwa sein Fach Palliativmedizin, erlebt er in Dänemark nicht.
Ihm gefällt auch, dass Hierarchien weniger stark ausgeprägt sind und das Arbeiten mit anderen Gesundheitsberufen auf Augenhöhe eine längere Tradition als in Deutschland hat. Insbesondere Pflegekräfte übernehmen mehr Verantwortung und dürfen mehr Entscheidungen treffen. Geregelte Arbeitszeiten mussten in Dänemark nicht erst vor ein paar Jahren mühsam von Ärzten erkämpft werden, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist möglich, auch wenn man, wie er, 90 Kilometer von zu Hause entfernt wohnt.

Bollig verschweigt aber auch Schwächen des Systems im Nachbarland nicht: Es gibt weniger Ärzte im Verhältnis zur Einwohnerzahl, entsprechend länger sind die Anfahrtswege für die Patienten. Die in Schleswig-Holstein oft als Vorbild gepriesene Klinikstruktur mit ausgewählten „Super“-Krankenhäusern beurteilen nach seiner Beobachtung viele Dänen gespalten: „Wer nahe dran wohnt, freut sich. Aber je weiter entfernt jemand lebt, desto kritischer ist seine Haltung.“ Denn vor Ort wird in den Provinzen oft nur eine sehr eingeschränkte Grundversorgung geboten.
Auch in der Palliativmedizin erkennt Bollig Defizite, weil die Zahl der Ärzte in diesem Fach gering ist. Eine 24-stündige Rufbereitschaft gibt es nicht. Bolligs Team – fünf Ärzte, fünf Pflegekräfte – in der süddänischen Region Sonderjylland ist für 250.000 Menschen auf einer Fläche von 4.000 Quadratkilometern verantwortlich. Nach Feierabend geht die Rufbereitschaft nicht auf andere spezialisierte Kräfte, sondern auf die Hausärzte über. „Das ist nicht die gleiche Versorgung“, sagt Bollig.

Bollig entschied sich 2016 nach fünf Jahren am Schleswiger Krankenhaus für die neue Herausforderung im Nachbarland, weil er dort die Leitung eines international zusammengesetzten Palliativteams übernehmen konnte. Die Sprache zu lernen war für ihn kein Problem, weil er schon zehn Jahre in Norwegen gearbeitet hatte. „Norwegen hat Spuren bei mir hinterlassen, nicht nur sprachlich“, sagt er mit Blick auf sein Faible für Skandinavien. Zurück nach Deutschland war er nach zehn Jahren Norwegen aus privaten, nicht aus beruflichen Gründen gekommen: Die in Norwegen geborenen Kinder sollten in Deutschland eingeschult werden, aber auf einer dänischen Schule.

Die Familie des Palliativmediziners bleibt nicht auf ein Land festgelegt. „Ich bin ein überzeugter Europäer“, sagt Bollig über sich selbst. Er bevorzugt die Durchlässigkeit von Grenzen, er profitiert privat und beruflich von ihr und ist froh, dass sich die meisten europäischen Staaten heute nicht mehr abschotten. Trotz seiner Lust, Grenzen zu überschreiten, kann er sich durchaus vorstellen, später erneut in Deutschland zu arbeiten: „Ich bleibe offen für neue Entwicklungen – das Arbeiten in Deutschland bleibt immer eine Option.“

Text/Foto: Dirk Schnack