Sprachliche und interkulturelle Hürden, schwindendes ehrenamtliches Engagement in der Bevölkerung – die Integration geflüchteter Menschen steht vor Herausforderungen. Auch die medizinische Versorgung ist betroffen. In einem Gespräch unserer Reihe „Kammer in Gesellschaft“ suchten Dr. Gisa Andresen und Stefan Schmidt, Beauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein, sowie sein Stellvertreter Torsten Döhring nach Lösungen.

Bevor Stefan Schmidt am 1. November 2011 das Amt als Beauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen annahm, war ihm die Stelle im Landeshaus in Kiel weitestgehend unbekannt. Auch in der Bevölkerung in Schleswig-Holstein registrierte er einen niedrigen Bekanntheitsgrad. Spätestens mit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 und den Folgejahren ist Schmidt als Person und seine Funktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag bekannt. Zusammen mit Torsten Döhring, Stellvertreter und Referent des Beauftragten für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen, sprechen sie mit der Vizepräsidentin der Ärztekammer Schleswig-Holstein, Dr. Gisa Andresen, über alte und neue Hürden in der medizinischen Versorgung von Menschen mit Fluchthintergrund auch vor dem Hintergrund der aktuellen Fluchtbewegung, hervorgerufen durch den Krieg in der Ukraine.
Das Büro des Zuwanderungsbeauftragten ist dem Schleswig-Holsteinischen Landtag zugeordnet, seine Mitarbeitenden arbeiten überparteilich und regierungsungebunden. Ihr Auftrag ist es, die strukturellen Voraussetzungen für die Aufnahme von Flüchtlingen, Einwanderung und Integration auf Landesebene mitzugestalten und die Rechte von Zugewanderten zu vertreten. Dazu berät das Büro Beratungsstellen im Land, wird von Fraktionen und Parteien angefragt und wird in Gesetzesänderungsprozesse eingebunden. In seiner Rolle sieht sich Schmidt daher auch als eine Art Politiker, der den Interessen von Geflüchteten, Zugewanderten und Asylbewerbern verpflichtet ist.
Die Stelle ist daher zwar nicht für die Beratung von Einzelfällen gedacht. Schwierige Fälle werden aber nicht abgewiesen. „Wir schauen, wo wir helfen können.“ Nicht zu helfen ist Schmidt zufolge keine Option. „Wenn es um Menschen geht, kann man nicht sagen ‚Nee, das machen wir nicht‘“. Eine Eigenschaft, die Kammervize, Dr. Gisa Andresen, aus dem ärztlichen Bereich nur zu gut kennt: „Wir haben alle das Helfersyndrom.“

Für Andresen lag in der empfundenen Ungerechtigkeit und dem Willen, etwas zu verändern, der Ansporn, ehrenamtlich in die Berufspolitik einzusteigen. Erst beim Marburger Bund und dann bei der Ärztekammer. Dass die ärztliche Versorgung von Geflüchteten nicht überall so präsent sei, wie man sich das vorstellen möchte, sei schade. Zu viele Hürden gebe es nach wie vor, obwohl auf politischer Ebene bereits einiges in Gang gesetzt worden sei. Die Gesundheitskarte, die in Schleswig-Holstein an alle Geflüchteten verteilt wird, führe zu einem schnellen Versorgungseintritt der Menschen. Aber dem Flüchtlingsbeauftragten geht das nicht schnell genug. Zudem seien damit nicht sofort alle Probleme gelöst. Die Ankündigung der vergangenen Gesundheitsministerkonferenz verdeutlicht die verschiedenen rechtlichen Verantwortungsbereiche und unterschiedlichen Rechtssysteme, die mit individuellen Freiheiten und medizinischen Versorgungsansprüchen einhergehen.
Der Großteil der Menschen, die seit 2015 nach Deutschland kamen, fiel unter das Asylbewerberleistungsgesetz. Menschen, die in Deutschland ankamen, wurden zuerst in den Erstaufnahmestellen aufgenommen. Dort gibt es einen gesonderten ärztlichen Dienst, der etwa Impfungen durchführt und Krankheiten sowie Schmerzzustände behandelt. Der Aufenthalt in den Einrichtungen kann bis zu 18 Monate andauern. Die Menschen stellen dort ihren Asylantrag und werden anschließend in die Kommunen verteilt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kommen geflüchtete Menschen mit der ambulanten ärztlichen Versorgung in Kontakt.
Ukrainische Geflüchtete fallen unter die sogenannte Massenzustromrichtlinie, können sich frei bewegen und werden erst im Kontakt mit öffentlichen Einrichtungen erfasst. Spätestens aber nach 90 Tagen sind die Menschen angehalten, sich bei den örtlichen Behörden zu melden. Dass ein Mensch mit Fluchthintergrund aus der Ukraine in einer Arztpraxis vorstellig wird, ist daher zu jeder Zeit möglich.
Auch fern von rechtlichen Unterschieden, bleiben sprachliche Hürden zwischen Arzt und Patient, die es zu überwinden gilt. „Der Bedarf an qualifizierten Dolmetschern ist auch nach den Erfahrungen seit 2015 noch heute nur zu einem Bruchteil gedeckt“, merkt Andresen an. Beide Gesprächsparteien fordern einen Pool qualifizierter Dolmetscher für eine regelhafte flächendeckende Inanspruchnahme der Praxen. Eine standardisierte Kostenübernahme von qualifizierten Dolmetschern in der Fläche sei auch im Interesse der Ärzte im Land. Die Ärztekammer hatte sich in der Vergangenheit mehrmals für diese Forderung ausgesprochen. Die Stelle für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsangelegenheiten unterstützt diese Forderung: „Es ist Aufgabe der Politik, dies zu ermöglichen.“
Die Hintergründe, mit denen geflüchtete Menschen in Deutschland ankommen, sind vielschichtig. Die Trennung von der zurückgelassenen Familie verbunden mit Verantwortungsgefühl, oder die Angst, die Verfolger in Deutschland anzutreffen oder Erlebnisse im Herkunftsland und auf der Flucht und in Deutschland sind hier zu nennen. „Flucht hat einen Grund und ist mit vielen Entbehrungen verbunden. In der Regel dauert eine Flucht Monate oder Jahre. Wenn die Menschen in Deutschland sind, heißt dies nicht, dass sie alle Erlebnisse und Probleme gleich hinter sich lassen können. Trocken, satt, sauber – ja. Aber Konfrontationen mit Bürgerkriegsparteien und Verfolgern sind auch in Deutschland weiterhin möglich“, so Döhring. Die Unsicherheit über den weiteren Aufenthaltsstatus führe darüber hinaus gerade bei jüngeren Männern zu einer tiefen Unsicherheit. Genitalverstümmelungen sind ein Beispiel für Versorgungsherausforderungen von Ärztinnen und Ärzten in Deutschland.
Interkulturelle Kompetenzen könnten Döhring zufolge helfen, Zugangsbarrieren abzubauen und schambehaftete Leiden, Unsicherheiten und Unwissen seitens der Patienten zu begegnen. Migrations- und Sozialberatungsstellen im Land unterstützen Geflüchtete in den ersten drei Jahren nach ihrer Ankunft dabei, sich im deutschen Gesundheitswesen zurechtzufinden.

Eine ärztliche Fortbildung für interkulturelle Kompetenz kam bisher nicht zustande. Stattdessen setzt Andresen auf eine breit gefächerte Aufklärung: „Wir müssen Bewusstsein in allen Gesellschaftsbereichen schaffen.“ Ärzte als Vertrauenspersonen könnten niedrigschwellig Ängste abbauen, nicht zuletzt durch ehrenamtliches Engagement. Doch Ärztekammer und Flüchtlingsbeauftragter vernehmen eine schwindende Bereitschaft, eine ehrenamtliche Aufgabe wahrzunehmen. Seit 2015 gab es zwar viele Menschen, die ehrenamtlich tätig wurden. Doch der Hype sei vorbei. Viele seien mit falschen Vorstellungen in die Tätigkeit gegangen, ohne zu wissen, wie es ist, mit Menschen zu arbeiten. Die aktuelle Fluchtbewegung, die durch den Ukraine-krieg hervorgerufen wurde, läuft Schmidt zufolge viel ruhiger ab. Er nennt eine empfundene direkte Betroffenheit der Aufnahmegesellschaft, die sich direkt durch den Krieg bedroht sehe, als möglichen Grund. Doch dies sei problematisch. Eine Auf- oder Abwertung von geflüchteten Menschen dürfe es nicht geben. „Menschliches Leben bleibt menschliches Leben. So oder so muss man helfen.“ Ein Satz der genau so auch für Ärztinnen und Ärzte zutreffe, wie Andresen feststellte.



Text: Stephan Göhrmann
Foto: Rubia Kieckbusch