Auch Regieanweisungen helfen manchmal wenig, wenn der Medientross um einen als Krisenmanager auftretenden Bundesgesundheitsminister zu groß wird. Als Jens Spahn am 19. August die Leistungsschau des UKSH und eine Visite auf der Intensivstation bewältigt hatte, war eigentlich eine Diskussion mit den Beschäftigten des UKSH auf dem Kieler Campus geplant. Die aber wurden weitgehend ausgebremst, weil Journalisten zu viele Fragen an den Gast aus Berlin hatten.

Spahn gelangen dennoch ein paar Worte direkt an die Beschäftigten, an die er nicht nur die üblichen Dankesworte richtete. Er ging auch darauf ein, dass die Mitarbeiter im Gesundheitswesen in den zurückliegenden Monaten noch mehr als sonst geleistet haben und dafür zu Recht auch eine Gegenleistung über die schon mehrfach ausgesprochene Anerkennung hinaus erwarten. Allerdings blieb er bei der Frage, in welcher finanziellen Form dies erfolgen könne, vage. Er sagte: „Applaus ist nicht nichts. Ich bitte, die Wertschätzung durch die Bevölkerung ernst zu nehmen. Ich weiß aber: Das reicht nicht.“

Die Mitarbeiter wiederum ließen mit Applaus erkennen, an welchen Stellen sie die Arbeit des Bundesgesundheitsministers in den wahrscheinlich anstrengendsten Monaten seiner Amtszeit unterstützen. Nämlich dann, wenn er vor der Verharmlosung des Virus und den Folgen von zu laxen Regelungen im Umgang mit der Pandemie warnte.

Seine Erinnerung „nicht ich bin der Spielverderber, das Virus ist es“ hätte es in Kiel nicht gebraucht. Die Klinikmitarbeiter applaudierten, als Spahn die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ins Verhältnis setzte zu den damit verhinderten Risiken. Zu Masken und Abstandspflicht sagte Spahn: „Das nervt. Aber im Vergleich zu allem, was passieren könnte, ist das das kleinere Übel.“ Diese Erinnerung an die Tragweite der Bedrohung durch eine „Jahrhundert-Pandemie“ und Sätze wie „Es geht nicht um Endzeitstimmung, sondern um Ernsthaftigkeit“ kamen bei den Beschäftigten, die bislang 128 ernsthaft erkrankte Corona-Patienten behandelt und die erlebt haben, dass Menschen an dem Virus sterben können, gut an. Den Applaus, den die Beschäftigten aus Sicht Spahns für ihre Leistungen in der Krise verdient haben, gaben sie deshalb an zwei Stellen in seinen Ausführungen auch zurück.

Unter den Beschäftigten musste er ohnehin nicht für Vorsichtsmaßnahmen werben und sich auch nicht für politische Entscheidungen rechtfertigen, die vor Monaten vielleicht schlüssig schienen, aber später wegen geänderter Erkenntnisse angepasst wurden. Deutlich wurde dies, als UKSH-Chef Prof. Jens Scholz klarstellte: „Wissenschaft hat täglich neue Erkenntnisse, dann muss man daraus auch neue Schlussfolgerungen ziehen.“ Deshalb sei es mitunter unfair, Entscheidungen von gestern zu kritisieren.

Scholz selbst hatte in den Wochen zuvor zusammen mit anderen Hochschulvertretern und den Wissenschaftsministern der Länder gegenüber dem Bundesgesundheitsminister eine neue Schlussfolgerung gefordert, nämlich als er die Pauschalen für freigehaltene und nicht belegte Betten in der Corona-Pandemie als zu niedrig befunden und eine Angleichung gefordert hatte. Spahn sicherte in Kiel zwar keine höheren Pauschalen für die Uniklinika zu, stellte aber finanzielle Unterstützung für alle betroffenen Krankenhäuser in Aussicht: Wenn diese in der Gesamtschau des Jahres 2020 wegen dieser frei gehaltenen Betten finanzielle Probleme nachweisen können, soll es eine Nachbesserung geben. Ein entsprechender Gesetzentwurf sei für September angestrebt.

Auch bei privaten Feiern konnte sich Spahn im August eine neue Regelung vorstellen. Im Einklang mit Ministerpräsident Günther sprach er sich in Kiel für eine bundesweite Regelung zur Begrenzung der Teilnehmerzahl aus, zu klären auf der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz − die Länderchefs könnten sich hierauf allerdings nicht verständigen.
Text/Foto: Dirk Schnack