Mit einer jüngeren und weiblicheren Spitze geht der Hausärzteverband Schleswig-Holstein in die kommenden Jahre. Bei der Jahresversammlung im September wählte die Mitgliederversammlung einen neuen Vorstand. Vor dem Team um den Vorsitzenden Dr. Thomas Maurer liegen eine Menge „dicker Bretter“, die in den nächsten Monaten zu bohren sind.
Die Arbeit geht den Hausärzten jedenfalls nicht aus, sagte Maurer im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Der Allgemeinmediziner aus Leck ist erneut zum Landesvorsitzenden gewählt worden. Aktuell wirken die Mehrbelastungen der Corona-Zeit noch nach, nun beginnt die Saison der Grippe- und Atemwegserkrankungen. „Die Zahl von rund 30 Prozent Nicht-Geimpften findet sich in den Praxen nicht wieder“, sagte Maurer. Fast jeder, der in die Praxen komme, sei bereits gegen COVID-19 geimpft oder möchte eine Impfung. Doch weil die Frage nach der Impfung mit der Pandemie so sehr in den Mittelpunkt gerückt ist, gibt es in diesem Jahr viel Gesprächsbedarf, nicht nur zur Corona-, sondern auch zur Grippeimpfung.

Typische Fragen seien, ob der Wirkstoff gegen das COVID-19-Virus nicht auch automatisch vor anderen Krankheiten schütze, ob mehrere Präparate gemeinsam verabreicht werden könnten, oder ob eine Impfung angesichts von Vorerkrankungen verträglich sei, berichtet Maurer über seine Erfahrungen. Seine Wahrnehmung: „Impfen ist kein Selbstgänger mehr wie früher.“ Seit für einige Patienten eine dritte Impfung gegen COVID-19 empfohlen wird, gehe es aktuell in fast jeder Konsultation auch um diese Frage. „Wir Ärzte beraten zu diesen Themen gern, aber wir stellen fest, dass es großen Redebedarf gibt.“
Das kostet zusätzliche Zeit in den Arztpraxen, in denen sich ohnehin schon die Aufgaben häufen. Rund 20 Euro Honorar gibt es pro Corona-Impfung, weniger als in den Impfzentren, gibt Maurer zu bedenken. Ein weiteres Problem: Allgemeinmediziner, die versäumt hatten, die Impfungen am selben Tag beim Robert Koch-Institut zu melden, haben kein Honorar erhalten. Nachmeldungen scheinen aktuell nicht möglich, auch wenn die Praxen nachweisen können, dass sie die Leistung erbracht haben.
„Die Leute waren richtig sauer“, sagt Maurer. „Ich habe von vielen gehört, sie würden nun schneller als geplant ihre Praxen aufgeben, oder sie wünschen sich, sie wären im Krankenhaus geblieben.“ Auch bei Dr. Jens Lassen, dem neuen stellvertretenden Vorsitzenden des Landesverbandes, sind zahlreiche Proteste wegen der nicht ausgezahlten Impfhonorare angekommen: „Man muss sich das vorstellen – Ärzte sind teilweise in ihrem Urlaub oder an freien Tagen in die Praxen gekommen, um zu impfen. Und dann vergessen sie diesen einen bürokratischen Schritt, und das Honorar geht flöten.“ Solche Dinge würden den Nachwuchs von der Übernahme einer eigenen Praxis abschrecken, sagte Lassen, der sich mit Maurer die Leitung der Praxis in Leck teilt.

Lassen weiß, was die Jüngeren bewegt: Er hat bisher Schleswig-Holstein im Forum Weiterbildung des Bundesverbandes der Hausärzte vertreten. Diese Aufgabe will er nun abgeben, der Verband sucht daher eine Ärztin oder einen Arzt in Weiterbildung, der/die dem Vorstand als kooptiertes Mitglied angehört und an den Bundestreffen teilnehmen möchte. „Wenn man etwas gegen den Mangel an Hausärzten tun will, sollten bürokratische Hürden abgebaut werden“, forderte Lassen. Auch die beschränkten Budgets und die noch immer bestehende Angst vor Regressen seien geeignet, Ärzte von der Selbstständigkeit abzuhalten.
Maurer schaut dabei auch kritisch in Richtung der eigenen Körperschaften, die nach seiner Wahrnehmung zum Teil zur Vermeidung von Bürokratie beitragen und damit den Ärzten die Arbeit erleichtern könnten. Als Folge dieser Erleichterungen würde die Patientenversorgung profitieren: „Wir haben den schönsten Beruf der Welt und wollen so viel Zeit wie möglich für unsere Patienten haben.“
Doch der „schönste Beruf der Welt“ verändert sich, und dem trägt die neue Zusammensetzung des Vorstands Rechnung. Ausgeschieden sind die langjährigen aktiven Mitglieder Dr. Stefan Jost und Dr. Michael Sturm, beide aus Altersgründen. Nachgerückt ist Dr. Jonas Hanf aus Flensburg. Er ist der erste angestellte Arzt im Vorstand des Landesverbandes. „Da immer mehr Kollegen nicht selbstständig, sondern in Anstellung tätig sind, ist es durchaus relevant, dass diese Gruppe im Vorstand vertreten ist“, sagte Lassen. Außerdem gehört mit der neuen Beisitzerin Katrin Berger nun eine zweite Frau dem Gremium an.
Dr. Miriam Führ, Schriftführerin im Landesverband, wird künftig in einem neuen bundesweiten Forum mitarbeiten, das sich speziell um die Belange der Ärztinnen und dabei besonders um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kümmern wird. „Die Rahmenbedingungen sind immer noch auf die Vollzeitpraxis bei gleichzeitiger Selbstausbeutung des Arztes zugeschnitten“, sagt Maurer. Doch heutzutage wünschten sich viele Ärztinnen und auch Ärzte andere Arbeitsmodelle. Gerade junge Eltern – überwiegend immer noch die Mütter – bräuchten in dieser Phase mehr Flexibilität und Teilzeit.

Maurer appelliert in diesem Zusammenhang an die Organe der Selbstverwaltung, neue Modelle zu entwickeln, aber er kritisiert auch die Erwartungshaltung einiger Patienten: „Die hätten am liebsten, dass nicht nur die Praxis von morgens bis spätabends geöffnet hat, sondern dass auch noch ihr vertrauter Arzt oder ihre Ärztin rund um die Uhr zur Verfügung steht. Das passt einfach nicht.“
Zu denen Dingen, die aus Sicht des Verbandes ebenfalls nicht besonders gut passen, gehören die neuen technischen Anforderungen der Digitalisierung. „Ärzte sind keineswegs gegen neue Techniken, aber wenn sie nur mehr Arbeit machen, statt uns Arbeit abzunehmen, dann sehen wir keinen Sinn darin“, sagt Maurer.
Er befürchte, dass die jetzt eingeführte Telematik in kürzester Zeit wieder umgestellt werden müsse. Die neue Technik sei nicht flächendeckend erprobt worden, erste Testläufe hätten Probleme gezeigt, die seiner Einschätzung nach nicht behoben seien. Auch versprochene Erleichterungen sehe er nicht, Beispiel elektronisches Rezept: „Mag sein, dass es für den Patienten bequem ist, ein Rezept auf dem Handy zu bekommen“, sagte Maurer. „Aber für die Praxis macht es mehr Arbeit. Ein klassisches Rezept kann ich schnell unterschreiben, für ein elektronisches Rezept muss ich die Karte einstecken, eine PIN eingeben – und am Ende muss dennoch ein Papier ausgedruckt werden.“
Offene Fragen und Debatten gibt es derzeit zwischen dem Hausärzteverband und der Ärztekammer zur Frage, welche Berufsgruppen auf welche Weise künftig den Ärzten Aufgaben abnehmen könnten.
Der Verband setzt sich dafür ein, die Rolle der Medizinischen Fachangestellten (MFA) beziehungsweise der VERAHs, also der Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis, zu stärken. Fest steht für beide Seiten, dass es weitere Personen braucht, um die Ärzte in ihrer täglichen Arbeit zu entlasten und die Aufgabenflut zu bewältigen. „Neue Berufsbilder zu entwickeln ist nicht ganz leicht, aber dieser Aufgabe müssen wir uns stellen“, sagte Maurer.

Text: Esther Geisslinger