PD Dr. Katharina C. Kähler, Leiterin des Hautkrebszentrums am UKSH, Campus Kiel, ist seit Kurzem stellvertretende Vorsitzende der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft. Zusammen mit dem ersten Vorsitzenden Prof. Frank Gieseler sprach sie mit Stephan Göhrmann über veränderte Erwartungshaltungen der Patienten und deren Konsequenzen.

Frau PD Dr. Kähler, Sie sind Nachfolgerin von Prof. Peter Dohrmann als stellvertretende Vorsitzende der Krebsgesellschaft. Wird sich jetzt alles ändern?
PD Dr. Katharina C. Kähler: Nicht ganz. Jede neue Person bringt in irgendeiner Form Veränderung mit. Ich möchte aber keinen neuen, sondern einen anderen Wind in dieses Amt bringen. Ich möchte partiell andere Schwerpunkte setzen, neue Angebote gestalten und vorhandene Angebote weiterentwickeln. Hierbei müssen wir uns sicherlich selbst kritisch hinterfragen: Erreichen wir die Menschen im Land mit unseren Angeboten und wo können wir etwas besser machen?

Wieso passen die Angebote nicht mehr? Was hat sich verändert, dass sich die Krebsgesellschaft neu ausrichtet?
Prof. Frank Gieseler: Das hat mehrere Gründe. Früher war die Diagnose ein Tabu, über die man selbst mit dem Ehepartner nicht sprach. Das hat sich geändert. Auch die Zahlen haben sich verändert. Heute gibt es viel mehr Krebspatienten als früher. Einerseits werden die Menschen immer älter und mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken. Andererseits gibt es bessere Therapiemöglichkeiten: Verstarben die Krebspatienten früher ein halbes Jahr nach der Diagnose, leben die Menschen heute gut vier bis fünf Jahre länger.
Heute gibt es oft andere Schwierigkeiten. Da die Menschen älter werden und sich durch die gute Therapierbarkeit der Erkrankungen eine steigende Lebenserwartung abzeichnet, steigt auch das Bedürfnis nach einer hohen Lebensqualität mit der Diagnose. Auf der anderen Seite lässt sich erkennen: Trotz verbesserter Versorgungsstrukturen wollen viele Menschen oftmals nicht den Therapieempfehlungen folgen.

Trotz höherer Lebenserwartung wollen Patienten die Therapien nicht beanspruchen?
Gieseler: Gerade bei den über 69-Jährigen lässt sich das beobachten. Das Gespräch lief gut, der Arzt war sympathisch, die Therapieempfehlung nachvollziehbar, aber am Ende entscheidet man sich gegen eine weiterführende Therapie. Mehrere Faktoren beeinflussen diese Entscheidung. Die tägliche einstündige Fahrt für zehn Minuten Bestrahlung ist in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein keine Seltenheit. Ebenso ist bei älteren Menschen, die womöglich den Ehepartner überlebt haben, die Abwägung zwischen Lebensqualität und der Bereitschaft, früher zu sterben, zu beobachten.
Vieles hat sich verbessert, aber es gibt auch negative Tendenzen wie den Fachärztemangel im ländlichen Raum bei gleichzeitiger Überversorgung in den Metropolregionen Kiel und Lübeck. Dabei brauchen wir mehr gut ausgebildetes Personal in der Versorgung, das sich mit den immer komplexer werdenden Krebstherapien auskennt.

Was bedeutet das für die Krebsgesellschaft?
Kähler: Die Welt und die Menschen verändern sich und es gibt andere Erwartungen, etwa wie kommuniziert wird und wie die Menschen Hilfe in Anspruch nehmen können. Wir sind somit herausgefordert, uns und unsere Angebote an die neuen Gegebenheiten zu adjustieren. Es gibt Themen, die im Kontakt mit dem Arzt oder dem Sozialdienst im Krankenhaus nicht ausreichend zu klären sind. Dann kommen wir ins Spiel. Wir geben keine medizinische Zweitmeinung. Wir beraten um das Thema herum. Denn oft geht es gar nicht um die Krankheit, sondern um das, was sie mit sich bringt, im sozialen und familiären Umfeld. Viele sind sehr dankbar, wenn sie an dem Punkt, an dem sie gerade stehen, abgeholt werden. Die vordergründigen Fragen bei unseren Überlegungen lauten: Welche Bedarfe gibt es in Hinblick auf das Alter, das Geschlecht, familiäre Hintergründe? Und wie kann man die vorhandenen Angebote schärfen und auf das Informationslevel der Betroffenen zuschneiden? Die Krebsgesellschaft muss sich und ihre Angebote zielgruppen- und bedarfsgerecht orientieren.

Und wie erfassen Sie die Bedarfe der Krebspatienten im Land?
Gieseler: Zum einen sind wir gut verteilt und haben einen guten Überblick. Ich bin am UKSH in Lübeck tätig und Katharina (Kähler) am UKSH in Kiel. Als Professor und werdende Professorin bringen wir das notwendige Fachwissen mit in die Krebsgesellschaft ein und sind dadurch auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Gleiches gilt für den gesamten Vorstand: Erst die breite Fächerung der fachlichen Expertise der Vorstandsmitglieder ermöglicht diese eine umfassende Herangehensweise. Bei der Initiierung neuer Projekte greifen wir zudem auf aktuelle Studien zurück. Außerdem sind wir im ständigen Austausch mit den Erkrankten.

Kähler: Es gibt einen alten Spruch unter den Pflegenden: „Der Patient erzählt seinem Arzt nur einen Bruchteil von dem, was er den Pflegenden erzählt.“ Ich möchte es zuspitzen und sagen, dass Sie erst außerhalb der Behandlungsräume ein Verständnis davon bekommen, was den Menschen bewegt. Durch die unmittelbare Resonanz nach unseren Veranstaltungen erfahren wir, was den Menschen guttut, und bekommen mit, bei welchen Problemen sie Unterstützung brauchen. So wissen wir etwa, dass auch die Partner in unser Beratungs- und Seminarangebot für die Erkrankten einbezogen werden müssen.

Gieseler: Krebs ist eine Krankheit der Familie und betrifft damit weit mehr Menschen als die Erkrankten allein. Wir müssen es als Gesellschaft schaffen, dass Patienten und Familie mit der Diagnose gut leben können.

Kähler: Die direkte Rückkopplung und die Möglichkeit, die Dinge zu gestalten, die das Leben des Betroffenen verbessern, macht diese Arbeit für mich so spannend: Neue Konzepte, Veranstaltungen und supportive Themen wie Sport, Ernährung, Self-Care und Spiritualität werden in Zukunft verstärkt in das Angebot der Krebsgesellschaft einfließen. Ebenso wie ich das Format der Selbsthilfe weiterentwickeln möchte. Mehr Hilfe zur Selbsthilfe und die Rückkehr in die individuelle Handlungsfähigkeit.
Gieseler: Hier sind wir mitten in der Diskussion über die Ausrichtung der Krebsgesellschaft. Wir sind zwar punktuell unterwegs, finden aber auch Wege, um die Menschen in der Fläche in Schleswig-Holstein zu erreichen. Corona hat uns gezeigt, dass auch ältere Menschen keine Angst davor haben, Tablets zu verwenden oder an Zoom-Konferenzen teilzunehmen. Gleichzeitig werden wir unsere Angebote im ländlichen Raum erweitern.

Also Qualität verbessern und die Masse erreichen? Wie lässt sich das bewerkstelligen?
Kähler: Das sind Ausrichtungsfragen. Was soll der Geist der Krebsgesellschaft sein? Wie wollen wir in Schleswig-Holstein mit dem Thema Krebs umgehen? Es gibt quasi eine unendliche Fülle an Feldern, in denen wir strukturbildend tätig werden können. Und das ist auch unsere Aufgabe: Strukturen bilden, um die Qualität in der Fläche zu verbessern – durch Tumorzentren, Tumorboards und Zertifizierungen der Deutschen Krebsgesellschaft. Gleichzeitig erreichen wir den Einzelnen und können dabei helfen, mit der neuen, individuellen Lebenssituation durch die Krebsdiagnose bestmöglich zurechtzukommen. Doch digitale Möglichkeiten werden den direkten Kontakt nicht ersetzen, Präsenzveranstaltungen werden nicht verschwinden. Im Gegenteil, das möchten wir weiter ausbauen. Digitale Angebote sollen ein zusätzlicher Bestandteil unseres Leistungsspektrums werden.

Gieseler: Ganz richtig: Unsere Stärke ist das Persönliche. Und das werden wir mit zusätzlichen Angeboten weiter ausbauen. Derzeit planen wir, mit einem Bus die Marktplätze der Ortschaften im ländlichen Raum abzufahren und vor Ort Beratungen zu ermöglichen, um die Menschen zu erreichen.

Das sind vielfältige Aufgabenbereiche.
Kähler: Dafür setzen wir uns ein. Manche Dinge können und müssen gar nicht vom Arzt geleistet werden. Wir ermöglichen ein ergänzendes Angebot für Krebspatienten, nachdem sie die Klinik verlassen. Damit wir den Menschen helfen können, müssen wir auch bekannt sein. Ich wünsche mir daher von der Bevölkerung und der Ärzteschaft die Solidarität uns gegenüber, die wir wiederum den Erkrankten in Schleswig-Holstein entgegenbringen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Interview und Foto: Stephan Göhrmann