Frau Straub, Sie haben bei Ihrem Amtsantritt angekündigt, dass Sie die Versorgung im Land aktiv und verantwortungsvoll mitgestalten wollen. Mal konkret – was heißt das?
Claudia Straub:
Oberstes Ziel ist Qualität. Das klingt vielleicht ein bisschen schwammig, aber dieser Leitgedanke lässt sich durch alle Bereiche deklinieren. In der stationären Versorgung etwa erreichen wir Qualitätssteigerung durch Konzentration von Leistungen und Spezialisierung. Diese 
Entwicklung ist auch angesichts des Personalmangels unumgänglich. Was nützt die beste Ausstattung ohne Fachkräfte? Auch im Bereich Pflege ist die Ressource „Personal“ der entscheidende Faktor. In Hamburg, wo ich zuletzt tätig war, ist Pflege etwas anders aufgestellt. In Schleswig-Holstein herrschen kleine Einrichtungen vor, was für die Betreuten schön ist. Um eine hochwertige Pflege dauerhaft sicherzustellen, muss der Beruf attraktiver und der Personalnotstand bekämpft werden. Darum machen wir uns für eine bessere Bezahlung stark – nach Tarif. Wir können bei Vertragsschlüssen an Stellschrauben drehen, aber die Politik legt die Rahmenbedingungen fest.

Was ist mit dem ambulanten Bereich?
Straub:
Nach meinem ersten Eindruck ist Schleswig-Holstein gut aufgestellt. Natürlich funktioniert ein Flächenstaat anders als eine Metropole, das Landarztsterben ist ein Problem. Aber hier wurde das bislang gut gelöst, und wir achten darauf, dass alle Möglichkeiten genutzt werden, damit es nicht zu Notlagen kommt. 

Eine Stellschraube der Kassen sind Förderprojekte, in denen neue Ideen getestet werden können. Welche Projekte schweben Ihnen vor?
Straub:
Ein konkretes Projekt kann ich noch nicht nennen, aber generell ist uns wichtig, die Vernetzung und Digitalisierung zu stärken. In der Corona-Krise waren plötzlich digitale Lösungen wie Telemedizin oder Videosprechstunden gefragt. Ich wünsche mir, dass die Ärzteschaft dafür aufgeschlossen ist und die Vorteile neuer 
Techniken erkennt.

Was wünschen Sie sich noch in der Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft? Wo hapert es?
Straub:
Mein erster Eindruck ist, dass die Ärzteschaft durchaus offen ist, neue Modelle zu entwickeln und Versorgungsprobleme anzugehen. Es gibt einen Austausch der Akteure der Selbstverwaltung. Mein Einstieg in diesen Austausch findet unter besonderen Bedingungen statt, weil alle Veranstaltungen zu Corona-Zeiten abgesagt und die persönlichen Kontakte dramatisch reduziert sind. Alle sind derzeit mit der Bewältigung der Krise beschäftigt. Wir als vdek haben als ein Rad im Getriebe dazu beigetragen, die Rettungsschirme zu spannen. „Versorgung first“ war Konsens.

Wie wichtig ist der vdek eigentlich? Sind Sie im Verhältnis zu den starken Einzelkassen nur die „Frühstücksdirektorin“?
Straub:
Nein! Zwischen den Ersatzkassen und ihrem Verband besteht eine klare 
Aufgabenverteilung. Die Kassen sind frei in ihren Einzelprojekten. Der Verband schließt die gemeinsamen Verträge und vertritt gemeinsame Interessen. Wir tauschen uns aus, damit es insgesamt in eine Richtung geht. Da unsere Mitgliedskassen untereinander im Wettbewerb stehen, ist das eine spannende Aufgabe.

Was wünschen Sie sich von der Landespolitik, wo sollte der Gesetzgeber steuernd eingreifen?
Straub:
Wir brauchen Transparenz darüber, was geplant ist und wie Investitionsmittel vergeben werden. Wir wünschen uns, dass die Politik Zielvorstellungen formuliert, wie sich die Versorgung entwickeln soll. In den vergangenen Wochen stand natürlich auch für die Politik die Bewältigung der Krise im Vordergrund, und da sehen wir in Schleswig-Holstein gut aus. Die Corona-Krise hat unseren Blick auf das System geschärft und hat erkennen lassen, was wichtig ist und welche Strukturen wir weiterentwickeln müssen. Dazu gehören Vernetzung und Digitalisierung, aber auch der Öffentliche Gesundheitsdienst. Vielleicht war ein wenig vergessen worden, dass Gesundheit nicht nur eine Sache der Selbstverwaltung, sondern auch eine öffentliche Aufgabe ist. 

Text/Foto: Esther Geisslinger