Seit 2014 gibt es am UKSH in Lübeck eine Nachsorgesprechstunde für Patienten, die im Kindes- oder Jugendalter an Krebs erkrankt waren. Das Land fördert das Projekt nun für drei Jahre mit insgesamt 495.000 Euro. Ziel ist es, die sektorenübergreifende Vernetzung auf diesem Gebiet auszubauen.

Über 80 % der krebskranken Kinder werden heute geheilt. Die hierfür oft notwendigen aggressiven Chemo- und Strahlentherapien hinterlassen ihre Spuren auch in gesunden Zellen; Herz, Hormondrüsen, Knochen und Gehör sind in der Folge besonders gefährdet. „Während es in der onkologischen Nachsorge anfangs vor allem um die Frage geht, ob sich ein Rezidiv entwickelt, kommt es spätestens nach fünf Jahren zu einem Fokuswechsel. Dann steht die Vermeidung von Folgeerkrankungen besonders im Blick“, sagt Projektleiter Prof. Thorsten Langer. In der landesweit einmaligen Sprechstunde wird unter anderem nach familiären Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen geforscht und eine individuelle Sport- und Ernährungsberatung ausgearbeitet. „Die Botschaft lautet: Ihr habt den Krebs überstanden, seid jetzt gesund – und das soll auch möglichst lange so bleiben“, sagt Kinderonkologe Langer.
Gleichwohl kann die Lübecker Einrichtung nicht alle ehemaligen Krebspatienten, die in jungen Jahren erkrankt und behandelt worden sind, betreuen. Laut Gesundheitsministerium leben in Schleswig-Holstein über 4.000 Menschen, die vor ihrem 40. Lebensjahr an Krebs erkrankt sind. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die an der Schwelle zum Erwachsensein stehen, fehlt es landesweit an interdisziplinären Strukturen zur systematischen Nachbetreuung. Diese Versorgungslücke soll laut Ministerium mit den gewährten Mitteln aus dem Versorgungssicherungsfonds geschlossen werden.

Angestrebt wird jetzt insbesondere, die sektorenübergreifende Versorgung auszubauen, indem die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und kinderonkologischen Einrichtungen gestärkt wird. „Wir wollen das Gespräch mit niedergelassenen Ärzten intensivieren, uns etwa per Videosprechstunde über einzelne Patienten austauschen“, erläutert Langer. In Planung sei ebenfalls eine Fortbildungsveranstaltung zur Krebsnachsorge für Niedergelassene. Die Teilnahme daran könne für Ärzte attraktiver werden, wenn sie die Leistung Krebsnachsorge gesondert abrechnen können. Um Fragen zur Implementierung zu klären, seien neben weiteren UKSH-Vertretern wie Prof. Jost Steinhäuser, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin, und Prof. Alexander Katalinic, Leiter des Landeskrebsregisters, auch die KVSH und die Techniker Krankenkasse in das Projekt eingebunden, so der Kinderonkologe. Niedergelassene Haus- oder Kinderärzte und Onkologen melden sich bei Interesse an dem Projekt bei t.stamer@uni-luebeck.de.

In der Lübecker Sprechstunde werden die jungen Patienten eingehend untersucht und beraten. Sie erhalten bislang einen sogenannten Nachsorgekalender, der unter dem Motto „Nachsorge ist Vorsorge“ (www.nachsorge-ist-vorsorge.de) alle wichtigen Empfehlungen zu einer effektiven Krebsnachsorge enthält. Dieser wird künftig durch eine App fürs Smartphone ersetzt, die sich aktuell in der Entwicklung befindet. Eine Beta-Version wird derzeit von 25 Probanden evaluiert, im Herbst soll die App frei verfügbar sein und in den kommenden drei Jahren mit zahlreichen weiteren Funktionen, darunter einem Chat für Patienten, weiterentwickelt werden.
Die Kranken- und Behandlungsdaten der jungen Patienten tragen seit langem zur weiteren Erforschung von Spätfolgen bei. Sie werden von der Arbeitsgruppe LESS (Late Effects Surveillance System) der Gesellschaft für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie zentral dokumentiert, analysiert und ausgewertet. Die Auswirkungen auf Behandlung und Nachsorge jetziger Patienten sind unmittelbar, wie Langer betont. So könne heute auf die prophylaktische Schädelbestrahlung bei Leukämiepatienten verzichtet werden, was helfe, Zweittumoren im ZNS und Hormonnebenwirkungen an der Hypophyse zu verhindern. Außerdem seien bei der Gabe von Anthrazyklinen hohe Chemodosierungen unnötig. Dadurch reduziere sich das Risiko einer Kardiomyopathie.



Text: Uwe Groenewold
Foto: UKSH