Als im Frühsommer 2020 die ersten Patienten nach einer Covid-19-Erkrankung in das Ameos Reha-Klinikum Ratzeburg kamen, mussten sich auch erfahrene Ärzte und Therapeuten an die neue Herausforderung herantasten. Komplettes Neuland mussten sie dennoch nicht betreten − das bewährte Instrumentarium der Reha stand zur Verfügung und führte auch zu Fortschritten. Wie wichtig die Reha für die Patienten ist, zeigte sich in den kommenden Monaten in somatischer und psychosomatischer Hinsicht.

„Eine Corona-Erkrankung setzt nicht nur der Lunge, den Nieren und dem Herz zu, sondern auch der menschlichen Psyche“, sagte Dr. Stefan Nagel in einem Pressegespräch Ende Januar in Ratzeburg. Das allerdings machten sich nach Beobachtung des Chefarztes des Reha Klinikums für Psychosomatik und pflegende Angehörige in diesen ersten Monaten mit Covid-19 weder Patienten, noch alle behandelnden Ärzte klar − zu groß war die Erleichterung, die Erkrankung überstanden zu haben. Folge: Viele Patienten wurden in die Häuslichkeit entlassen und fanden anschließend nur schwer zurück in den Alltag. Was aber bedeutet das Gefühl, wegen der Erkrankung plötzlich gealtert zu sein? Wie verarbeitet man die aufgetretenen Verlustängste? Wie verändert uns die fehlende körperliche Nähe, wenn die Distanzregeln strikt eingehalten werden? Diesen und weiteren Herausforderungen begegnet Nagels Team in der psychosomatischen Klinik mit einer 35-tägigen Reha.

Damit es zu dieser Reha kommen kann, muss nach seiner Ansicht die Aufmerksamkeit für das Thema erhöht werden. Dies gilt auch für die somatischen Beschwerden nach der Akutphase. Dr. Jan Schmielau, Chefarzt des Reha Klinikums und Dr. Burghart Lehnigk, Facharzt für Pneumologie in der Klinik, wünschen sich ebenfalls mehr Sensibilität für die Reha nach Covid-19. Noch sind nach ihrer Wahrnehmung nicht alle weiterbehandelnden niedergelassenen Ärzte über die Möglichkeiten informiert, mit denen eine Reha den aus Akutkliniken entlassenen Patienten weiterhelfen kann. „Viele dieser Patienten haben eine Lungenembolie durchgemacht und haben noch Wochen später Luftnot. Das geht in der Nachbehandlung zum Teil unter“, nennt Lehnigk als Beispiel.

Viele scheinbar genesene Patienten − als solche werden sie in allen Statistiken geführt − sind nach der Akutklinik keinesfalls in der Lage, in ihren Alltag zurückzukehren. Manche von ihnen bleiben zu Hause und erholen sich, wenige kümmern sich eigeninitiativ um eine Reha. Diese kleine Gruppe hat schon geschafft, was vielen nicht gelingt − das Eingeständnis, dass sich der frühere Gesundheitszustand ohne weitere Unterstützung gar nicht oder nur sehr langsam wieder einstellen wird. „Diese Akzeptanz, dass nicht sofort alles wieder funktioniert, muss sich erst einmal einstellen“, sagt Schmielau. Deshalb wird auch in der somatischen Reha mit den Experten der psychosomatischen Klinik zusammengearbeitet. Die Akzeptanz ist nach Erfahrungen der Ratzeburger Reha-Ärzte stark von der „Fallhöhe“ abhängig. Insbesondere zuvor junge und körperlich fitte Menschen haben es schwer, den erlittenen Leistungsabfall zu verarbeiten und die Geduld aufzubringen, die gewohnten Fähigkeiten nur langsam zurückzuerlangen.

Wann und wie Patienten nach der Akutklinik in die Anschlussheilbehandlung kommen, ist derzeit so individuell wie die speziell auf sie zugeschnittenen Therapiepläne. Die Zeitspannen zwischen Akut und Reha liegen nach Angaben der Ärzte zwischen einer und acht Wochen. Die meisten der Ratzeburger Patienten kommen bislang auf Empfehlung der Akutkliniken, mehrheitlich aus dem regionalen Einzugsgebiet inklusive Lübeck. Nur wenige Patienten kommen auf Initiative aus dem niedergelassenen Bereich, oder weil sich Patienten selbst darum gekümmert haben. Das Klinikum würde die Erfahrungen mit bislang erst rund 30 Rehabilitanden gerne ausbauen, auch Studien über die Wirkung der Reha von Covid-19 Patienten wären nach ihrer Ansicht hilfreich. Die Kostenträger sind bei den Anträgen nach Erfahrungen von Krankenhausdirektor Stephan Freitag bislang mehrheitlich aufgeschlossen, wenn es um die Bewilligung der Reha geht.
Text/Foto: Dirk Schnack