Bad Bramstedt und Brunsbüttel wollen 2021 kommunal getragene hausärztliche MVZ mit jeweils vier Vertragsarztsitzen gründen. In beiden Städten haben die kommunalen Gremien grünes Licht gegeben. Beide Orte hoffen, mit diesem Modell jüngere Ärzte für eine Anstellung zu finden.

Damit engagieren sich nun erstmals Städte mit mehr als 10.000 Einwohnern als Träger von Einrichtungen. In beiden Städten begleitet die Ärztegenossenschaft Nord die Entwicklung seit 2019 und hat dafür mit niedergelassenen Ärzten und Kommunen Gespräche über mögliche Lösungen geführt. Auch in der Gründungsphase wird die Genossenschaft die MVZ unterstützen.
Brunsbüttel ist bereit, 800.000 Euro in die Gründung des MVZ zu investieren. Für die Folgejahre erwartet Bürgermeister Martin Schmedtje dann keineswegs Gewinne. „Unser Businessplan sieht mittelfristig noch keine Gewinne vor. Uns ist bewusst, dass die ärztliche Versorgung Geld kostet“, sagte Schmedtje. Er begründete das finanzielle Engagement mit dem Ziel, die hausärztliche Versorgung in Brunsbüttel und im Umland sichern zu müssen: „Es fällt mir schwer, mir eine attraktive Stadt ohne hausärztliche Versorgung vorzustellen.“

Das Thema ambulante Versorgung spielte nach seinen Angaben bereits im Kommunalwahlkampf 2018 eine wichtige Rolle bei allen maßgeblichen Parteien in der Stadt. Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt informierte sich Schmedtje deshalb beim Koordinator des Kreises Dithmarschen für die hausärztliche Versorgung, Harald Stender, über die Optionen. Bei der Mehrzahl der Hausärzte in Brunsbüttel zeichnete sich damals ab, dass sie für ihre bestehenden Praxen kaum Nachfolger finden werden. Die Hoffnung der Stadtväter: Junge Ärzte lassen sich von der Tätigkeit in einem MVZ von Anstellung, Teamwork und Entlastung von administrativen Aufgaben überzeugen.

„Wir können uns so auf unsere ärztliche Tätigkeit konzentrieren. In der Praxis stören uns Bürokratie und die Organisation, das wird uns im MVZ abgenommen“, sagt der künftige ärztliche Leiter Dr. Stefan Krüger, der seinen Vertragsarztsitz in das MVZ einbringen wird. Krüger diskutiert mit seinen niedergelassenen Kollegen viel über die Zukunftsperspektiven. Er beschreibt die Stimmung unter den Kollegen zum Thema MVZ als „kritisch interessiert“. Insbesondere im Medizinischen Qualitätsnetz Westküste (MGW) gibt es nach seinen Angaben auch Ärzte mit Vorbehalten gegen ein Hausarzt-MVZ. Stenders Argument gegen solche Vorbehalte: Jeder angestellte Arzt im MVZ kann sich mit seinem Vertragsarztsitz jederzeit selbstständig machen. „In anderen MVZ in Schleswig-Holstein weisen wir junge Ärzte immer wieder auf diese Option hin und machen die Zahlen dafür auch transparent“, sagt Stender.

Eine Besonderheit im Vergleich zu anderen MVZ in kommunaler Hand ist der Standort. Das MVZ in Brunsbüttel wird im Krankenhaus seinen Standort haben. Die Stadt mietet dafür 670 Quadratmeter im sechsten Stock im Gebäude des Westküstenklinikums (WKK). Damit ergänzt das hausärztliche Angebot Facharztpraxen, Therapeuten, Tagesklinik und Belegarztpraxen unter dem Dach des kleinen Krankenhauses. „Das ist für uns eine wichtige Ergänzung des Angebots“, sagt Geschäftsführer Dr. rer. pol. Bernward Schröder von der WKK gGmbH. Zwar hatte das WKK stets erklärt, sich nicht selbst in der hausärztlichen Versorgung zu engagieren. Als Vermieter für die städtische Einrichtung tritt das WKK dagegen gern auf. Der ärztliche Direktor des WKK-Standortes, Dr. Thomas Thomsen, erwartet, dass das Angebot unter einem Dach den Weiterbildungsassistenten in der Allgemeinmedizin entgegenkommt. Er ist überzeugt, auch Kritiker mit den Vorteilen des MVZ unter dem Klinikdach durch Transparenz über die Pläne überzeugen zu können.         
Text/Foto: Dirk Schnack