Nach dem Studium zunächst promovieren, dann die Weiterbildung zur Fachärztin für Humangenetik – für die Lübeckerin Anna-Sophie Liegmann waren die Jahre nach dem erfolgreich absolvierten Medizinstudium inklusive Forschungssemester in den USA klar strukturiert. Dann kam die Corona-Pandemie.

Es wurden Ärzte benötigt, u. a. für die mobilen Impfteams – eine schwere Entscheidung für Liegmann, die aber schließlich einen Kompromiss fand und ihre Weiterbildung um wenige Wochen zugunsten der Impfungen verschob. Die ersten Monate des Jahres 2021 wird die 30-jährige Ärztin neben der Arbeit an ihrer Promotion kaum zu etwas anderem kommen als zum Aufklären und Impfen. Seit Jahresbeginn ist Liegmann Teil des „Teams Lübeck eins“.

Oft ist sie gemeinsam mit Krankenschwester Stephanie Lewe und der Zahnmedizinischen Fachangestellten Katja Puck in einem Team. Auch an diesem dunklen und kalten Samstagvormittag im Januar: Als das Team am Impfzentrum eintrifft, wird das Trio schon von zwei ehrenamt­lichen Helfern des Technischen Hilfswerks (THW) erwartet.

Ehrenamtler transportieren nachts den Impfstoff durch Schleswig-Holstein
Die beiden Helfer sind nachts um 3:30 Uhr in Flensburg mit ihrem Kleintransporter zu einer langen Autofahrt durch ganz Schleswig-Holstein gestartet. Erstes Ziel für sie ist an diesem Tag das zentrale Logistikzentrum des Landes, um die Impfdosen zu übernehmen. Dort erfahren sie, wohin sie die raren Impfdosen an ihrem arbeitsfreien Samstag transportieren müssen: Es geht noch weiter Richtung Südosten, nach Lübeck, wo sie gegen 7:30 Uhr eintreffen. In ihren Kühlboxen haben sie die heute zur Verfügung gestellten Dosen für das Impfzentrum und für zwei mobile Impfteams, die von hier aus in drei Lübecker Pflegeeinrichtungen fahren. Es sind zwei von insgesamt 19 mobilen Impfteams, die jeden Tag landesweit im Einsatz sind, um die Bewohner von Pflegeeinrichtungen und die Mitarbeiter zu impfen. Ziel ist es, dass möglichst jeder Bewohner bis Mitte Februar wenigstens die erste Impfung erhalten hat. In der zweiten Januarhälfte konnten die ersten von ihnen die zweite Impfung bekommen.

Im provisorischen Lagerraum der MuK suchen Lewe und Puck zunächst alles Material zusammen, das an diesem Tag benötigt werden könnte: Ein Notfallkoffer, Spritzen, FFP2-Masken, Verbandmaterial und vieles mehr wird im Kleinbus verstaut. Liegmann inspiziert unterdessen die Impfdosen und prüft das Temperaturprotokoll, das die lückenlose Kühlkette dokumentiert. Von minus 75 Grad im Logistikzentrum ist die Temperatur während des Transports nach Lübeck langsam hochgeklettert. Bei der Übergabe an Liegmann beträgt sie noch minus 0,3 Grad. Bis zur Impfung und mit Verdünnung steigt sie ungefähr auf Raumtemperatur an. Liegmann rechnet noch einmal nach: Sie bekommt 21 Ampullen, aus denen jeweils sechs Impfdosen aufgezogen werden. Das reicht für 126 Menschen, denen ihr Team heute zu einer Impfung verhelfen könnte. Am Vortag hat „Team Lübeck eins“ bis in den Abend hinein insgesamt 147 Menschen – Bewohner und Mitarbeiter – in einer Lübecker Einrichtung geimpft.

An diesem Tag geht es ins Pflegezentrum Nazareth, wo sie gegen 8:45 Uhr ankommen. Die Schnelltests für das Team liegen schon bereit. Während das Trio sich selbst abstreicht, ist Geschäftsführer Jorg Robbers erleichtert, dass geimpft werden kann. „Das ist für uns sehr wichtig, ein Corona-Ausbruch in der Demenzstation wäre eine Katastrophe.“

Mitarbeiter im Pflegeheim arbeiten unter großer Belastung
Pflegedienstleiterin Rebecca Meiske hofft, dass neben den Bewohnern heute auch viele Mitarbeiter geimpft werden können. Die vergangenen Wochen waren extrem belastend für die ganze Mannschaft. In einem der insgesamt vier Häuser des Zentrums war das Virus festgestellt worden. Einige der Heimbewohner, bei denen das Virus festgestellt wurde, sind inzwischen verstorben. Für die Mitarbeiter bedeutete der Corona-Ausbruch neben der mit den Erkrankungen und Todesfällen verbundenen psychischen Belastung auch eine größere körperliche Anstrengung. „Das Arbeiten unter Schutzkleidung und der Ausgleich der wegen Quarantäne fehlenden Mitarbeiter ist eine zusätzliche Belastung für alle gewesen“, berichtet Meiske.

Nach den Schnelltests geht es in einen Aufenthaltsraum mit angeschlossenem Zimmer. Hier richtet das Impfteam seine Arbeitsplätze für die kommenden Stunden ein. Liegmann und Meiske gehen zunächst die Einverständniserklärungen der Betreuer für die Bewohner der Demenzstation durch. Nebenan ziehen Lewe und Puck die ersten Spritzen auf.

Viele Fragen lassen sich erst nach Rückfragen bei Angehörigen klären
Die Ärztin fragt gezielt nach, wenn ein Kreuz auf einem Formular fehlt, greift zum Telefon, wenn sie eine Auskunft bei Betreuern oder Angehörigen benötigt. Das kostet Zeit, die sich Liegmann aber nimmt. Auch wenn Nebenwirkungen in den Anwendungsstudien selten auftraten, will sie die Risiken so gering wie möglich halten.

Vor der Tür warten die ersten Bewohner, um in den Aufenthaltsraum zu gelangen. Jeweils zu fünft kommen sie zur Ärztin, die sich vorstellt: „Guten Morgen, mein Name ist Anna-Sophie Liegmann und ich trage
eine Maske, um mich gegen Corona zu schützen“, beginnt sie ihre Aufklärung. Die Bewohner, die in Kohorten zusammenleben, müssen die Maske nicht tragen. Liegmann erklärt ausführlich, worum es sich bei dem Virus handelt, wie man sich schützen kann, was die Impfung bewirken kann und versichert: „Ich selbst bin auch geimpft. Die Impfung ist ein Angebot an Sie, um Sie zu schützen.“ Jedem Bewohner wird angeboten, im Vier-Augen-Gespräch nachzufragen.
Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. „Ich bin nicht einverstanden“, sagt ein älterer Herr sofort mehrfach und schüttelt energisch den Kopf. Er bleibt auch auf Nachfragen und neuen Erläuterungen bei seiner eindeutigen Haltung. Obwohl der Betreuer zugestimmt hat, wird der Bewohner nicht geimpft. „Wer nicht möchte, wird nicht geimpft, auch wenn der Betreuer seine Einwilligung gegeben hat“, sagt Liegmann.

Ein anderer Mann aus der ersten Gruppe ist dagegen extrem interessiert. „Mit welchem Impfstoff impfen Sie? Ab wann profitiert man von der Impfung?“, will er wissen. Er entscheidet sich als erster an diesem Tag: „Ich bin einverstanden.“
So intensiv wie er fragen längst nicht alle. Eine ältere Dame hört sich zunächst still und interessiert alles an und bricht plötzlich in Tränen aus: „Ich habe Angst“, sagt sie. Die Impfung möchte sie trotzdem. Stephanie Lewe und Katja Puck wissen mit solchen Situationen umzugehen. Beruhigend sprechen sie mit den Bewohnern. Hilfreich ist für sie, dass ständig Pflegekräfte und damit für die Bewohner bekannte Gesichter dabei sind. Mit kleinen Scherzen lockert das Team die Stimmung. „Na, Sie haben aber Muckies“, hört ein älterer Herr aus dem Impfzimmer in Anerkennung seines gerade freigemachten Oberarms. Der revanchiert sich: „Halten Sie mein Händchen?“

Erst die Bewohner, dann die Mitarbeiter des Pflegeheims
Bei aller Lockerheit bleibt Liegmann professionell und sorgfältig. Eine dokumentierte Penicillin-Allergie erfordert Nachfragen bei einer Tochter, ein unentschiedener Bewohner braucht eine wiederholte Aufklärung und die Frage nach Nebenwirkungen wird auch beim dritten Mal gewissenhaft beantwortet. Nach den Bewohnern bekommen Mitarbeiter die Chance auf eine Impfung, auch wenn nicht für alle Impfstoff vorhanden ist. Betreuungsassistentin Sylvia Lehmann nutzt die Chance und fragt, ob sie sich als Asthma-Patientin impfen lassen sollte. Sie gehört zu denen, die an diesem Tag geimpft werden können.

Das Impfteam ist am Nachmittag mit dem ersten Haus des Pflegezentrums Nazareth fertig und kann noch in eine zweite Einrichtung fahren. Dort zeigt ein Bewohner mit Down-Syndrom nach der Impfung eine Reaktion. Seine rechte Wange ist gerötet – ein „Flush“, außerdem berichtet er von Hitze im Nacken. Die Betreuer holen Liegmann, die das Impfen für 20 Minuten unterbricht und sich ausschließlich diesem Patienten widmet. Sie beruhigt ihn und erklärt, dass das in seltenen Fällen vorkommen kann. Rötung, Hitze und Aufregung lassen schnell nach, als der Bewohner einen Kakao genießen kann. Zur Sicherheit bleibt eine Pflegekraft eine weitere Stunde bei ihm. Es bleibt die einzige Aufregung an diesem langen Samstag. Als am Abend alle 126 Impfdosen verabreicht sind, geht Liegmann noch einmal zu dem Bewohner mit der jetzt nicht mehr roten Wange: Alles ist in Ordnung – „Team Lübeck eins“ kann seinen Bus beladen und zurück ins Impfzentrum fahren. Um 19:30 Uhr, nach einem Zwölf-Stunden-Tag, ist Feierabend für das Trio. 18 solcher Arbeitstage hat Liegmann im vergangenen Monat absolviert. Zusammen mit ihrem Team hat sie allein im Januar mehr als 2.000 Menschen aufklären, impfen und schützen können.
Text/Foto: Dirk Schnack