Die Nähe zum Menschen gilt als Pfeiler der Heilkunde. Wie aber soll es damit etwas werden, wenn wegen drohender Infektionen Distanz gefordert ist? Studierende und Lehrende der Kieler Universität und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) berichten ziemlich übereinstimmend: Es funktioniert nicht ideal, aber ein Stück weit besser als gedacht.

Ob es um Kunstgeschichte oder Humanmedizin geht, die Landesverordnung zum Infektionsschutz an Hochschulen gilt für alle Bereiche: Lehre hat im Wintersemester 2020/21 digital stattzufinden, sofern dies irgendwie möglich ist. „Daran müssen und wollen natürlich auch wir uns halten“, betont Prof. Ingolf Cascorbi, Studiendekan für Humanmedizin an der Medizinischen Fakultät der Uni Kiel.

Konkret bedeutet das, dass Seminare und Vorlesungen derzeit nicht unter realen Dächern stattfinden, sondern im Live-Stream übertragen oder auf einem Server abgelegt werden, sodass die Studierenden flexibel darauf zurückgreifen können. Die Erfahrungen damit sind bemerkenswert positiv. „Bei Vorlesungen in digitaler Form ist die Beteiligung höher als in den Präsenzveranstaltungen zu Vor-Corona-Zeiten, berichtet Cascorbi. Er verweist zugleich auf eine „große, große Einschränkung“, weil Untersuchungen und Behandlungen von Patienten aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht einfach so gefilmt und ins Netz gestellt werden dürfen.

Trotz allem fanden zumindest bis zum jüngsten scharfen Lockdown im Dezember Untersuchungskurse nach wie vor am Krankenbett statt, allerdings unter hohen Sicherheitsvorkehrungen. Statt sechs waren nur drei Studierende dabei, ausgestattet mit bestmöglich schützenden Masken und im gebotenen Abstand. Die begleitenden Seminare fanden digital statt, sodass aus Sicht des Studiendekans die Mensch-zu-Mensch-Kontakte tatsächlich auf ein Minimum beschränkt werden konnten.

Nicht in allen Bereichen der Medizin lässt sich dieses Modell gleichermaßen gut anwenden. Während es in der Chirurgie oder Traumatologie keine großen Probleme gibt, erweist sich die Augenheilkunde als schwierig, weil bei Untersuchungen oder Eingriffen kaum Abstand zum Gesicht eingehalten werden kann. Der Praxis annähern muss man sich unter solchen Umständen laut Cascorbi mithilfe von Videoaufnahmen.

Was indes allen Beteiligten zu schaffen macht, sind wechselnde Vorgaben der Politik. „Diese ständige Ungewissheit ist schon belastend“, formuliert es Amos Weichberger, der als Erstsemester-Student wohl auch ohne Corona hinreichend damit beschäftigt wäre, sich im neuen Umfeld zu orientieren. Zugleich bekundet er aber sein Verständnis für die Schutzmaßnahmen und auch für den Umstand, dass die sich wegen der schwankenden Infektionslage verändern können.

Gleichwohl kann es dadurch kompliziert werden. Die obligatorischen Blockpraktika zum Beispiel waren bis Mitte Dezember noch unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen möglich, dann brachten die neuerlichen Verschärfungen so manchen individuellen Zeitplan durcheinander. So wurde das Blockpraktikum Chemie bei Weichberger verschoben, in der Folge geriet auch das mindestens 30- und besser noch 45-tägige Pflegepraktikum ins Wanken.

Das ist kein Einzelfall, weiß der im neunten Semester studierende Fachschaftler Martin Sammel. „Natürlich stehen wir alle voll dahinter, dass der Gesundheitsschutz das Wichtigste ist“, betont er. Immer wieder ruft das aber – auch nach den Erfahrungen des ersten Lockdowns im März 2020 – Probleme im Studienablauf hervor, berichtet der angehende Arzt. Für die Fachschaft bedeutet das mehr Arbeit, doch die lohnt sich aus Sammels Sicht absolut: „Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen Studierenden und Lehrenden. Dabei zeigt sich immer wieder, wie wichtig es ist, Perspektiven einzubringen, die die andere Seite gar nicht haben kann.“ Konfrontativ geht das praktisch nie vonstatten. Im Gegenteil freuen sich Sammel und Co. über ein fast immer „gutes Miteinander“.

Ein kreativer Umgang mit der jeweiligen Situation ist auf allen Ebenen hilfreich – nicht zuletzt im Landesprüfungsamt. Dessen Verantwortliche zeigten sich wiederholt offen für pragmatische Lösungen, sodass unter anderem im Zweifel klinische Aushilfseinsätze wegen der Corona-Krise auf Praktika angerechnet werden konnten. Auch dass Famulaturen oder andere Pflichtelemente zeitlich gestückelt werden, ist in diesen Monaten keine Seltenheit.

So viel Mühe sich auch alle geben, so fordernd kann die Ausbildung zuweilen dennoch sein. Was im Einzelfall stark von der jeweiligen Situation abhängig ist. Tabea Thalenhorst befindet sich im fünften Semester und damit im Übergang von der vorklinischen zur klinischen Phase ihres Studiums. Ein großer Teil ihrer Ausbildung spielt sich damit auf dem Gelände des Klinikums ab, doch wegen der vielen aktuellen Beschränkungen ist es aus ihrer Sicht „schwierig, in den Klinikalltag hineinzukommen“. Virtuelle Alternativen und Zusatzangebote sind nach Meinung der Nachwuchsmedizinerin zwar sinnvoll, aber nicht ausreichend: „Ich vermisse den direkten Austausch mit anderen Leuten. Das ist nicht nur menschlich schön, es kann das Lernen auch viel produktiver machen.“

Mangels einschlägiger Erfahrungen mag sich Anfängerin Laura Groninger über die Vor- und Nachteile des Studiums unter Corona-Bedingungen nicht groß auslassen. Allerdings machte sie schon ihr Abitur samt Vorbereitung unter diesen Bedingungen, sodass sie hinreichend Gelegenheit hatte, Selbstorganisation zu trainieren. Ihre Haltung dazu: „Ich finde das ganz gut, weil ich mir so meine eigenen Strukturen schaffen kann.“

Das gilt nicht für jeden. „Das ist typabhängig“, sagt Sammel, der auch Studierende kennt, die sich nur mit Mühe in die Pflicht nehmen können. Sein größtes Problem mit der Corona-Situation ist ohnehin ein anderes, nämlich der „Mangel an Erfahrung und Praxisnähe“. Der Unterschied zu den Lehrenden ist da allem Anschein nach gar nicht groß. Prof. Cascorbi, nicht nur als Studiendekan, sondern auch als Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie für die Uni Kiel tätig, vermisst nach eigenen Worten ebenfalls den Kontakt zu den Studierenden. Ansonsten bleibt aus seiner Sicht nicht viel mehr übrig, als die Defizite so gut es geht auszugleichen oder in günstigeren Zeiten entsprechende Einheiten nachzuholen.

Immerhin: Zumindest die bisherigen Erfahrungen an der Medizinischen Fakultät deuten darauf hin, dass die Leistungen nicht gelitten haben. Eine Evaluation des vergangenen Sommersemesters förderte laut Cascorbi keine schlechteren Ergebnisse als sonst zutage. Und das, obwohl bei Klausuren keinerlei „Corona-Rabatt“ gewährt werde. Das einzige Zugeständnis: Wer eine Klausur vermasselt, hat die Möglichkeit, sie zu wiederholen, ohne dass damit Nachteile verbunden wären.

Coronabedingte Belastungen, die aufs Leistungsvermögen drücken könnten, wollen dabei zumindest die Studierenden nicht ganz ausschließen. Abgesehen von den ganzen Umstellungen, die es zu meistern gilt, müssen etliche von ihnen Geld verdienen. Wer in der Gastronomie, im Verkauf oder anderen betroffenen Branchen als Aushilfskraft tätig ist, hat derzeit ein Problem. Allerdings warten auf Medizin-Studierende Alternativen. „Es gibt zurzeit viele Jobangebote in unserem Metier“, verweist Sammel auf Aushilfstätigkeiten in Krankenhäusern oder die Möglichkeit, in Test- beziehungsweise Impfstationen Geld zu verdienen. Keinen Ersatz gibt es allerdings für die Erlebnisse und Rituale, auf die Groninger, Weichberger und viele andere Anfänger verzichten mussten. Kein großer Abi-Ball, kein Auslandsjahr, keine Ersti-Partys, nichts mit ausgiebigen Kennenlernabenden in den einschlägigen Kneipen. Dennoch: Irgendwie, so scheint es, arrangieren sich Lehrende wie Studierende auf allen Ebenen mit den schwierigen Verhältnissen. Sie werden wohl noch Geduld mitbringen müssen, befürchtet Tabea Thalenhorst: „Ich glaube, das wird langsam gehen, bis wir Corona ganz hinter uns gelassen haben.“

Text: Martin Geist/Foto: Privat