Der neue Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach (SPD) sah sich zum Amtsantritt im Dezember gezwungen, erst einmal Inventur zu machen. Er wollte sich einen Überblick über die Zahl der noch vorrätigen und schon bestellten Impfvorräte verschaffen. Das Ergebnis stellte ihn nicht zufrieden, er befürchtet für das erste Quartal 2022 einen erneuten Engpass bei den Impfstoffen.
Während in der Politik und Standespolitik über den Sinn der Inventur und die Interpretation der erhobenen Zahlen gestritten und außerdem darüber diskutiert wurde, wer von den Heilberufen denn nun mitimpfen darf, arbeitete das Personal in Kliniken, Arztpraxen und Gesundheitsämtern mit unverminderter Anstrengung weiter – und schaffte beim Impfen in den Dezemberwochen neue Rekordzahlen.

In Schleswig-Holstein trugen die 26 Impfstellen und rund 1.400 impfende Arztpraxen ihren Anteil zu diesen Zahlen bei. Viele Arztpraxen richteten regelmäßige Impftage ein, an denen sie mit reibungsloser Organisation eine Vielzahl von Impfungen schafften. Nicht immer konnten sie für solche Tage die gewünschte Menge an Impfdosen erhalten.
Außerdem gab es viele Sonderaktionen, mit denen die Impfkampagne unterstützt wurde. Ergebnis war, dass mehr als ein Drittel der Schleswig-Holsteiner noch vor Weihnachten eine Auffrischungsimpfung erhalten hatte. Drei von vier Schleswig-Holsteinern waren bis dahin zweifach geimpft.
Wie aber ließ sich die Eigeninitiative von Ärzten und Kommunen, die neben diesen unverzichtbaren Stellen die Kampagne unterstützen wollten, forcieren? Die Kassenärztliche Vereinigung und das Landesgesundheitsministerium halfen zum Beispiel mit einer Kurzanleitung zur gemeinsamen Organisation von Schutzimpfungen gegen COVID-19 unter dem Slogan „Unser Dorf soll sicher werden“.
Unter den zahlreichen Sonderaktionen stach die Initiative von Internist Hendrik Metzger aus Rieseby heraus, der sich die Unterstützung von drei Zahnärzten sicherte, die ihn an insgesamt vier Impfterminen außerhalb der üblichen Sprechzeiten unterstützen. Unter den Patienten stieß die Einbeziehung der Zahnärzte auf positive Resonanz. „Die können das“, lautete die Einschätzung von Patienten, die sich übrigens genauso aufgeschlossen gegenüber Impfungen durch Veterinäre zeigten.
Zahnarzt Dr. Lars Ossenkop, der Metzger am ersten Sonntag in Rieseby unterstützte, hätte auch kein Verständnis für andere Einschätzungen gehabt.
„Wir Zahnärzte spritzen täglich im sensiblen Mund-Rachen-Raum. Eine Corona-Spritze in die Schulter ist da nicht unbedingt eine Herausforderung“, sagt Ossenkop. Er verwies außerdem darauf, dass Zahnärzte in ihren Praxen die nötige Infrastruktur vorhalten, mit den Hygienebestimmungen vertraut sind und auch bei Notfällen nicht hilflos wären. Die Ausdehnung auf andere Berufsgruppen hält er für sinnvoll, um die Lasten besser zu verteilen und um die Impfkampagne zu beschleunigen.
Trotz der geballten Expertise – neben dem in Elmshorn niedergelassenen Ossenkop halfen auch die Zahnärzte Dr. Constantin Friebel aus Nortorf und Dr. Friedrich Hey aus Laboe – blieb der Andrang am ersten Impf-Wochenende ohne Termin in Rieseby überschaubar: Von den 240 Menschen, die zur Impfung erschienen, waren die Initiatoren schon ein wenig enttäuscht. Die georderte Impfstoffmenge hätte an diesem Wochenende schließlich für 2.000 Menschen gereicht. Arzt und Zahnärzte wollten dennoch weitermachen und weitere Aktionen in Kiel, Kosel und Nortorf anbieten.
Deutlich mehr Andrang herrschte in den 7 Tagen von Nikolaus bis dritter Advent auf dem Rendsburger Messegelände. Der „Booster-Marathon“ des Kreises Rendsburg-Eckernförde zog rund 11.000 Menschen an, die sich impfen ließen.

Alle interessierten Erwachsenen des Kreises, deren zweite Impfung mindestens 5 Monate zurücklag, konnten sich an diesen 7 Tagen impfen lassen. Wenn diese Zeitspanne noch nicht abgelaufen war, wurde individuell im ärztlichen Gespräch entschieden. Parallel zum Booster-Marathon wurden in der Impfstelle des Kreises im benachbarten Büdelsdorf täglich weitere rund 500 Menschen geimpft. Hinzu kamen die Impfungen in den vielen Arztpraxen im Kreisgebiet.
„Das war großartig“ bilanzierte Landrat Dr. Rolf-Oliver Schwemer die gemeinsame Kraftanstrengung des Kreises mit zahlreichen Helfern des örtlichen Imland-Krankenhauses, der Bundeswehr, des DRK, der Johanniter-Unfall-Hilfe und der Feuerwehr.
Insgesamt rund 80 Menschen waren an den 7 Tagen auf dem Messegelände im Einsatz, darunter 20 Ärzte. Professor Stephan Ott, zuständiger Fachbereichsleiter im Kreis, sprach am Schlusstag von einer „bundesweit ungewöhnlichen Aktion, die den Kreis in Sachen Impfschutz und Image weiterbringt“.
Imland-Geschäftsführer Markus Funk verwies darauf, dass viele Klinikbeschäftigte trotz der ohnehin großen Belastung außerhalb ihrer Dienstzeiten geholfen hätten. Mit Blick auf die Finanzmittel, mit denen der Kreis der defizitär arbeitenden Klinik wie berichtet unter die Arme greifen muss, sagte Funk: „Hier konnten wir mal dem Kreis helfen.“

Neben den Erwachsenen und Jugendlichen können seit Dezember auch die fünf- bis elfjährigen Kinder geimpft werden. Am Starttag konnte nicht überall der Andrang abgearbeitet werden, Medien berichteten von Wartezeiten etwa in Lübeck, was viele Eltern vor nachvollziehbare Probleme stellte. Seit dem 23. Dezember können die Kinder dieser Altersgruppe zweimal wöchentlich in fast allen Impfstellen geimpft werden. Insgesamt könnten bis Februar rund 17.000 Kinder geimpft sein. Eine weitere Sonderaktion lief am letzten Sonnabend vor Weihnachten im UKSH in Kiel und in Lübeck, das der Gruppe der unter 30-Jährigen eine Auffrischungsimpfung anbot.
Ein positiver Effekt, der im vergangenen Monat beobachtet wurde, war die noch einmal leicht steigende Zahl an Menschen, die sich nach langer Bedenkzeit doch noch für eine Erstimpfung entschied – möglicherweise aufgrund der zahlreichen Einschränkungen, die nicht geimpfte Menschen in Kauf nehmen müssen.
Überschattet wurde die Impfkampagne von der weiteren Verbreitung der Omikron-Variante. Zwar gingen viele Experten im Dezember bei einer Ansteckung von einem milderen Verlauf aus, aber auch von einer deutlich höheren Infektiösität. Hochrechnungen aus Großbritannien ließen befürchten, dass sich möglicherweise die Hälfte der Bevölkerung infizieren könnte. Grund: Omikron besitzt offenbar eine Vielzahl an Mutationen, die eine schnellere Verbreitung als bei der bis dahin vorherrschenden Delta-Variante ermöglichen. Die ernüchternden Nachrichten machten allerdings auch deutlich, dass eine Booster-Impfung den bislang wirksamsten Schutz bietet. Die Entwicklung eines an die neue Variante des Coronavirus angepassten Impfstoffs war bis Weihnachten noch nicht genau absehbar. Das Paul-Ehrlich-Institut nannte es gegenüber Medien realistisch, dass im Frühjahr solche Impfstoffe in höherer Zahl auf dem Markt verfügbar sein könnten.


Text: Dirk Schnack
Foto: Dirk Schnack