Die Gemeinde Silberstadt gründet ein kommunales MVZ und lockt damit niedergelassene Ärzte unter das Dach eines neu gebauten Gesundheitszentrums. Die bislang allein praktizierenden Hausärzte sind begeistert von dem Modell. Nun hofft, die Gemeinde, das ihr Gesundheitszentrum auch junge Ärzte anlockt.

Was haben wir als Kommunalpolitiker mit der Gesundheitsversorgung zu tun? Diese Frage dürften sich manche Gemeindevertreter in Silberstedt gestellt haben, als Wolfgang Schulz vor einigen Jahren mit diesem Thema auf sie zukam. Schulz ist selbst Gemeindevertreter und seit 1988 als Hausarzt in dem kleinen Ort bei Silberstedt niedergelassen. Dass er sich nicht ausschließlich selbst um einen Nachfolger für seine Einzelpraxis kümmerte, ohne die Kommune damit zu beschäftigen, war zunächst unbequem für alle.

Heute dürften die Gemeindevertreter froh sein, dass Schulz so früh auf das Thema aufmerksam machte. Statt seiner Praxis haben die Silberstedter inzwischen ein neues Gesundheitszentrum, in das nicht nur Schulz, sondern noch zwei weitere Ärzte aus benachbarten Dörfern ihre Praxen verlagert haben. Zusammen mit einer Apotheke und weiteren Gesundheitsberufen bilden die Heilberufe das Kernstück des Silberstedter Gesundheitszentrums, um das viele andere Gemeinden vergleichbarer Größe den Ort beneiden dürften.

Das Konzept folgt der Annahme, dass die ambulante Versorgung auf dem Land zunehmend in Zentren statt in Einzelpraxen geleistet wird – zumindest prognostizieren Experten diese Entwicklung seit einigen Jahren. In der Realität gestaltet sich dieser Wandel allerdings langsam und scheitert in vielen Fällen an unterschiedlichen Einzelinteressen. Auch die Beteiligten in Silberstedt haben diverse Hürden aus dem Weg räumen müssen, bevor das Zentrum stand. Für ihr neues Gesundheitszentrum gründete die Gemeinde eine gGmbH, die Ärzte in einem MVZ anstellt und die ambulante Versorgung des Umlandes sichert. Wenn alles nach Plan verläuft, ist die Gründung in diesem Frühjahr abgeschlossen und der Betrieb kann beginnen.

Alle Voraussetzungen dafür sind geschaffen: Die Finanzierung steht, das Zentrum ist neu gebaut, die Ärzte sind eingezogen und andere Gesundheitsberufe sind im Boot. Der Managementauftrag für das MVZ ist ausgeschrieben und mit der Ärztegenossenschaft Nord steht ein ernsthafter Bewerber bereit, der entsprechende Expertise mitbringt. Die Genossenschaft hat bereits die Vorarbeiten für das MVZ begleitet und bringt Erfahrungen aus dem Management vergleichbarer Einheiten wie etwa aus der kommunal geführten Eigeneinrichtung in Büsum mit. 

Die entscheidende Hürde aber nahm das Projekt erst mit der Überzeugung der Ärzte vor Ort. Hierzu gab es schon vor Jahren Anstrengungen des Amtes Arensharde, um ein gemeinsames Zentrum für die ambulante Versorgung zu errichten. Grund für die ersten Überlegungen war die Erkenntnis, dass die bislang niedergelassenen Ärzte in der Region in einigen Jahren die Altersgrenze erreicht haben werden und nicht sicher sein können, dass sie Nachfolger für ihre Einzelpraxen finden werden. Immerhin vier der insgesamt nur sieben niedergelassenen Ärzte im Amtsgebiet waren schon damals in einem Alter, in dem erste Gedanken an mögliche Nachfolger aufkamen. Trotz dieser Einsicht scheiterte der erste Anlauf für eine gemeinsame Lösung – zu unterschiedlich waren damals die Interessen der sieben Ärzte und der Kommunalpolitik in sechs betroffenen Gemeinden. 

Silberstedt gab trotz des gescheiterten Anlaufs nicht auf. Wolfgang Schulz praktiziert seit 1988 in Silberstedt, und als Mitglied der Gemeindevertretung und Stellvertreter des Bürgermeisters fühlt er sich auch kommunalpolitisch verpflichtet, über die eigenen Praxisräume hinaus zu denken. Schulz informierte sich nach dem Scheitern auf Amtsebene über alternative Möglichkeiten, überzeugte Bürgermeister Peter Johannsen und die anderen Kommunalpolitiker in Silberstedt, suchte nach Kollegen, die Interesse an einem gemeinsamen Modell hatten – und fand sie schließlich doch noch in der direkten Nachbarschaft des Ortes. 

Dr. Christiane Schmitz-Boje war im Nachbarort Hollingstedt niedergelassen, entdeckte eine von Schulz in der Fachpresse geschaltete Anzeige und nahm Kontakt mit ihrem benachbarten Kollegen auf. Hinzu kam Hans Christian Brall, der eine Einzelpraxis in Treia führte. Die drei Ärzte kannten sich zwar schon, hatten nach eigenen Worten in den vergangenen Jahrzehnten aber als Einzelkämpfer „nebeneinander her gearbeitet“ – eine Arbeitsweise, die sie mit zahlreichen in Einzelpraxis niedergelassenen Kollegen auf dem Land teilen. 

Sie alle wussten um die Perspektive der Praxen im Amt und konnten sich eine Zusammenarbeit unter einem Dach vorstellen. Mit dieser positiven Grundeinstellung der Ärzte konnte Silberstedt Nägel mit Köpfen machen: Für ein Investitionsvolumen von 4,4 Millionen Euro wurde ein Gesundheitszentrum errichtet, für das die Ärzte den Grundriss ihrer Praxisräume bestimmen konnten. Neben den Ärzten fanden die Silberstedter eine Apotheke und eine Physiotherapie, die das Konzept überzeugte und die ebenfalls schon eingezogen sind. Die Ärzte arbeiten im Gesundheitszentrum bis zur offiziellen Gründung des gemeindeeigenen MVZ noch selbstständig in Praxisgemeinschaft. Mit Gründung des MVZ werden sie dann angestellte Ärzte des MVZ – genauso wie ihre Mitarbeiter. Die dann insgesamt zwölf Beschäftigten haben sich schon jetzt zum Team zusammengefunden: „Wir sind alle erstaunt, wie gut es menschlich passt“, sagt Schulz.

Die Teamarbeit unter einem Dach gefällt den erfahrenen Ärzten und gibt ihnen auch Hoffnung auf junge Ärzte, die sich für das Modell interessieren. Schulz ist sicher, dass sich in den kommenden Jahren, in denen die drei noch praktizieren, Interessenten für eine Anstellung finden. Aufmerksamkeit bei ersten Ärzten in Weiterbildung haben sie bereits geweckt, genügend Behandlungsräume für weitere Ärzte sind im Zentrum vorhanden. 

Sie selbst ziehen derzeit das Fazit, dass die Entscheidung zum Arbeiten unter einem Dach gerne auch früher hätten fallen können. „Ich hätte meine Einzelpraxis bequem weitermachen können. Aber so macht es mehr Spaß – das hätten wir auch schon zehn Jahre früher machen können“, sagt Dr. Schmitz-Boje. 

Ganz ohne Reibungen gelang die Zentrumsbildung allerdings nicht. Treia und Hollingstedt stehen nun ohne eigenen Arzt auf Gemeindegebiet dar. Zwar akzeptieren die meisten Patienten in diesen Gemeinden, dass sie einige Kilometer fahren müssen und dort auch ein tragfähiges Zukunftsmodell vorfinden – begeistert waren sie über die zusätzliche Distanz aber nicht. Auf den Patientenandrang im Silberstedter Zentrum hat sich dies allerdings nicht negativ ausgewirkt. Brall schätzt die Zahl der Patienten aus Treia, die ihn seit dem Umzug nach Silberstedt nicht mehr konsultieren, nur auf rund zehn.

Auch die Finanzierung ist kein Selbstgänger, wie Laura Löffler von der Ärztegenossenschaft Nord zu bedenken gibt. Zuschüsse für das Modell gab es keine und eine schwarze Null für den künftigen Betrieb der Praxen ist auch nicht zu erwarten. Bürgermeister Peter Johannsen verweist in diesem Zusammenhang aber auf die wichtige Funktion des Gesundheitszentrums für seine wachsende Gemeinde. 
Ein kleines Defizit darf durch den ärztlichen Betrieb entstehen, die Mieten der übrigen Nutzer im Gesundheitszentrum werden dieses Minus aber ausgleichen. Wie optimistisch man in Silberstedt bei diesem Thema ist, zeigt sich neben dem Gesundheitszentrum: Dort wird derzeit in einem zweiten Bauabschnitt Platz für eine Tagespflegeeinrichtung, ein Sanitätshaus und weitere Gesundheitsberufe wie Logopäden, Ergotherapeuten und Podologen geschaffen. 

Schulz und Johannsen sind heute sicher, dass die Realisierung in Silberstedt nur möglich war, weil sie von Beginn an auf Transparenz gesetzt und die Gemeindevertreter früh über jeden Schritt informiert haben. Schulz: „Es braucht viel Vertrauen, um so ein Projekt mitzutragen. Wenn sich jemand nicht mitgenommen fühlt, stirbt das Projekt.“
Text/Foto: Dirk Schnack