Es begann mit einer Reportage: Das Fernsehen begleitete Menschen aus Schleswig-Holstein, die von Dr. Thomas Wessinghage – damals noch in Damp tätig – auf einen Lauf vorbereitet wurden. Gawlik wurde zum Läufer. Der niedergelassene Internist und Allgemeinmediziner trainierte sich schnell zum Marathon hoch und absolvierte seinen ersten Lauf über die 42-Kilometer-Distanz in New York. Seitdem stellt er sich immer höheren sportlichen Herausforderungen. Weitere Marathonläufe folgten, später der 100-Kilometer-Lauf von Biel, Triathlon über die Langdistanz. Die Belastungen, denen sich Gawlik beim Ausdauersport aussetzte, wurden in den vergangenen Jahren immer größer. „Ich verlasse gerne meine Komfortzone“, nennt Gawlik als Erklärung für die Strapazen.
In seinem Sprechzimmer steht ein Stück aus der Berliner Mauer als Erinnerung an den Berliner Mauerweglauf, der ihn im August 100 Meilen an der früheren deutschen Grenze entlang führte. Der Ultralauf über 160 Kilometer diente Gawlik zur Vorbereitung auf den Marathon des Sables in Marokko. Dieser gilt als einer der härtesten Läufe der Welt, den nur austrainierte und gesunde Topläufer antreten und überstehen. Allerdings gab es auch schon Todesfälle – und Gawlik erlebte hautnah mit, als ein Läufer in diesem Jahr die Teilnahme mit seinem Leben bezahlte. Der Mann war wenige Kilometer vor dem Ziel der zweiten Etappe kollabiert. Gawlik kam kurze Zeit später hinzu und übernahm die Reanimation. Der Läufer wurde zwar noch vom Rettungshubschrauber geborgen, die Hilfe kam aber zu spät. Gawlik legte den Rest der Etappe gehend zurück und versuchte, den Vorfall zu verarbeiten.

Für den Sportmediziner war es ein innerer Zwiespalt: Einerseits machte der Tod des Läufers eine mögliche Folge der unmenschlichen Anstrengungen auf brutale Art und Weise deutlich. Andererseits vertraute Gawlik auf die Sicherheitsinstinkte seines eigenen Körpers. Er entschied sich fürs Weitermachen, kam im weiteren Verlauf aber immer wieder an Punkte, die ihn zweifeln ließen. Als er während einer Etappe Magenprobleme bekam, erbrechen und zwischendurch schlafen musste, glaubte er nicht mehr an ein Finish. Irgendwie erreichte er dann doch noch den Zwischenstopp innerhalb der Zeitgrenze.
Warum hat er nach solchen Vorfällen dennoch weitergemacht? „Ich kenne mich: Wenn ich aufgeben müsste, hätte ich es erneut versucht. Das wollte ich vermeiden.“
Freunde und Familie haben nicht versucht, ihn umzustimmen. Sicherheit gab ihnen, dass die Teilnehmer jederzeit per GPS geortet werden konnten. Die körperlichen Belastungen lassen sich damit aber nicht verringern.

Knieschmerzen, Probleme mit dem Sprunggelenk, Blasen an den Füßen und lose Zehennägel musste Gawlik wie fast alle Läufer unter „leichte Blessuren“ abhaken. Was andere Teilnehmer an Schmerzen in Kauf nahmen, zeigt das Beispiel einer Frau, die sich abends im Camp alle Zehennägel zog, damit sie am nächsten Tag weiterlaufen konnte. „Was sie aushalten konnte, hat mich beeindruckt und motiviert, ebenfalls weiterzumachen“, sagt Gawlik. Die Frau bewältigte den Lauf bis zum Ende.
Gawlik verbrauchte pro Etappe rund 15 Liter Wasser. In der Wüste geriet er dennoch mehrfach in eine Grauzone zwischen Benommenheit und Bewusstlosigkeit. Er erlebte eine Fata Morgana, war manchmal länger als eine halbe Stunde völlig ohne Sicht zu anderen Menschen in der Weite der Wüste und musste in der Dunkelheit Felsen erklimmen. Intensive Momente erlebte er auch, wenn er durch kleine Siedlungen mit bettelarmen, nach seinem Eindruck aber nicht unglücklichen Menschen, kam. „Das macht einen nachdenklich“, so Gawlik. Das gleiche gilt für den immensen Begleittross, der nötig war, um die Läufer nach Erreichen des Ziels jeder Etappe zu versorgen. In der Nähe zu Algerien wurden die Läufer sogar von der Armee begleitet, um die Grenze nicht zu überschreiten – ein unglaublicher Aufwand. Einer der intensivsten Momente kam, als er nach Erreichen einer Bergkuppe in der Entfernung das Ziel ausmachen konnte: Glücksgefühle, Stolz und Euphorie stellten sich ein.

Zurück in Neumünster ist Gawlik sicher, dass Menschen körperliche Belastungen aushalten können, die sie sich nicht vorstellen können. Auch unsportlichen Menschen würde er nicht pauschal von scheinbar zu hohen sportlichen Zielen abraten – allerdings nach Anleitung und mit medizinischer Begleitung. In seiner Praxis haben ihn Patienten auf den Lauf angesprochen. Trotz der Kritik, die immer wieder daran geäußert wird, bekam er von den Patienten Zuspruch und Motivation.
Wenige Tage nach seiner Rückkehr war sich Gawlik dennoch sicher, dass  er keine weiteren läuferischen Herausforderungen dieses Kalibers suchen wird. Stattdessen will er sich im kommenden Jahr seinem neuen Hobby zuwenden: Beim Gleitschirmfliegen will er einfach nur genießen, ganz ohne körperliche Strapazen.


Text: Dirk Schnack