Seit rund einem Jahr arbeiten Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) am Standort Kiel in einer Endokarditis-Konferenz zusammen. Beteiligt sind Infektiologen, Kardiologen, Herzchirurgen, Nuklearmediziner und Apotheker. Von dem interdisziplinären Austausch profitieren die betroffenen Patienten nach Auskunft der beteiligten Ärzte ohne Ausnahme.

Initiatorin der interdisziplinären Runde war Dr. Anette Friedrichs, Internistin und Infektiologin sowie Fachärztin für Mikrobiologie. Sie leitet die klinische Infektiologie und das Antibiotic Stewardship am Campus Kiel. Grund für ihre Initiative war die Erfahrung, dass Patienten von der Zusammenarbeit profitieren. Die Endokarditis-Konferenz trägt dazu bei, die Erkrankung bei allen Ärzten stärker ins Bewusstsein zu rücken und Patienten mit dieser Erkrankung in den Kliniken auch dann zu erkennen, wenn sie wegen anderer Beschwerden eingewiesen wurden. Dass dies gelungen ist, lässt sich schon nach einem Jahr an der steigenden Zahl der in der Konferenz besprochenen Patienten feststellen: 2020 berieten sich die Konferenzteilnehmer zu insgesamt 50 Prozent mehr am UKSH behandelten Endokarditis-Patienten, als im Jahr vor Einrichtung der Konferenz am Kieler UKSH-Standort bekannt waren.

Erster Schritt in der Gründungsphase war die interne Bekanntmachung der Konferenz, die sich in ihrer Idee an die Arbeit von Tumorboards anlehnt, in den einzelnen Kliniken des Maximalversorgers. Oberärzte der genannten Fachgebiete setzten sich dann zusammen, um anhand von Bildgebungsbefunden verschiedener Untersuchungsmethoden (TEE, TTE, CT, PET CT) sowie Befunden der Mikrobiologie, Serologie und Pathologie die passgenauen Therapien zu empfehlen.
Dieser Austausch zwischen den einzelnen Fachdisziplinen hat sich nach Friedrichs Wahrnehmung bewährt. „Die Interdisziplinarität hilft uns ungemein. Jedes Fachgebiet hat eine andere Herangehensweise und in der Konferenz ergänzen wir uns“, sagt Friedrichs.

Bei Nachweis von z. B. Staphylococcus aureus oder Streptokokken in der Blutkultur empfiehlt Friedrichs mit ihrem Team bei den betroffenen Patienten eine Echokardiografie, mit der diese Vermutung ausgeschlossen oder bestätigt werden kann.

Die Kollegen auf den Stationen sind inzwischen auch entsprechend sensibilisiert und melden die Patienten zur Endokarditis-Konferenz an.

In der Konferenz werden nicht nur Entscheidungen hinsichtlich der Notwendigkeit und Dringlichkeit von Operationen oder der Zusammensetzung der medikamentösen Therapie getroffen, es wird auch der ambulante Nachsorgemodus festgelegt. Besonderes Augenmerk liegt auf der leitliniengerechten Antibiotikatherapie gemäß standardisiertem Protokoll. Die Fälle werden zur Qualitätssicherung und für wissenschaftliche Auswertungen in einem Register geführt.

Obwohl eine Endokarditis-Konferenz in den europäischen Leitlinien der Gesellschaft für Kardiologie (ESC) für Einrichtungen der Maximalversorgung empfohlen wird und die Konferenz als Referenzzentrum für umliegende Häuser dienen soll, ist sie keineswegs selbstverständlich. In Kiel ist man froh über den interdisziplinären Austausch, von dem auch zuweisende Krankenhäuser in Schleswig-Holstein profitieren. Im vergangenen Jahr haben sich mehrere Kliniken im Land mit der Bitte um eine Einschätzung zur Therapie von Endokarditis-Patienten an die Konferenz gewandt.

Die weitere Verbesserung der Behandlungsqualität bei Patienten mit infektiöser Endokarditis ist das gemeinsame Ziel aller Konferenzmitglieder. Folgende Punkte tragen nach ihrer Einschätzung dazu bei:

  • Früheres Erkennen einer Endokarditis und damit frühere Therapie und leichtere Verläufe
  • Konsentierte, interdisziplinäre Therapiepläne
  • Steigendes Bewusstsein für die Erkrankung
  • Planung der poststationären Behandlung: Besonderes Augenmerk liegt beim ambulanten Nachsorgemodus auf der leitliniengerechten Antibiotikatherapie gemäß standardisiertem Protokoll.
  • Sinkende Mortalität

Friedrichs Pläne gehen nach dem ersten Jahr mit der Konferenz weiter. Zum einen möchte sie den weiteren Verlauf der entlassenen Endokarditis-Patienten erfahren und dokumentieren. „Das hilft uns, die Erkrankung besser zu verstehen und mehr darüber zu erfahren, wie es den Patienten nach dem Klinikaufenthalt ergangen ist“, sagt Friedrichs. Zum anderen kann sich Friedrichs vergleichbare Konferenzen auch für andere Erkrankungen vorstellen, beispielsweise für Patienten mit Knochenentzündungen.

Krankenhäuser in Schleswig-Holstein, die der Endokarditis-Konferenz einen Fall zur Einschätzung vorlegen möchten, können sich per Mail an die interdisziplinäre Runde unter folgender Mailadresse wenden: endokarditis.kiel@uksh.de.

Text/Foto: Dirk Schnack