In der Versorgung in Schleswig-Holstein sind sie unverzichtbar: Ärztinnen und Ärzte anderer Herkunft und Hautfarbe. Sie arbeiten am Universitätsklinikum in Kiel und Lübeck genauso selbstverständlich wie in der ambulanten Gesundheitsversorgung in Dithmarschen. Sie unterstützen als Ärzte in der Weiterbildung, als Oberärzte und in noch höheren leitenden Funktionen. Ohne sie wäre die Gesundheitsversorgung unserer Bevölkerung schwerer zu leisten.

Für die meisten Menschen ist das längst selbstverständlich, insbesondere für Ärzte: Viele aus Schleswig-Holstein stammende Mediziner haben einen Teil ihres Berufslebens selbst in anderen Ländern zugebracht und wissen um die Situation, wenn man in anderen Kulturen mit fremder Sprache lebt. Das Gesundheitswesen ist eine der Branchen, die von diesem globalen Personal- und Wissensaustausch massiv profitiert.

Ist das die Erklärung, weshalb aus dem schleswig-holsteinischen Gesundheitswesen keine rassistischen Übergriffe öffentlich werden? Spielt das Thema in unseren Kliniken und Arztpraxen womöglich gar keine Rolle? Fest steht: Der Ärztekammer Schleswig-Holstein waren hierzu bislang keine Fälle bekannt.

In der Realität sieht dies anders aus. Ärzte, denen die andere Herkunft anzusehen ist, sammeln bei uns auch negative, manchmal erschütternde Erfahrungen. Diese Vermutung erhielt die Kammerspitze in einem Gespräch bestätigt, zu dem Präsident Prof. Henrik Herrmann, Vizepräsidentin Dr. Gisa Andresen und der ärztliche Geschäftsführer Dr. Carsten Leffmann Jutta Tigenoah aus Ghana, Olajide Bisiriyu aus Nigeria und Likoh Nicholson aus Indonesien nach Bad Segeberg eingeladen hatten. Ziele: zuhören und zeigen, dass Menschen anderer Herkunft zu uns gehören. Dass ihre Erfahrungen auch geteilt werden müssen, um überhaupt zu akzeptieren, dass Rassismus bei uns stattfindet.

Tigenoah berichtete u. a. von ihrer Wohnungssuche, als sie in einem Formular unter Beruf „Ärztin“ eintrug und daraufhin bei den Verantwortlichen der Immobilie ungläubiges – und für Tigenoah verletzendes – Gelächter erntete. „Ich habe mir eine dicke Haut zugelegt“, sagt Tigenoah, die seit 2013 in Deutschland lebt und arbeitet. Ist das von ihr geschilderte Verhalten durch Voreingenommenheit geprägt oder Rassismus oder beides?
Klar zu beantworten ist diese Frage bei einer beruflichen Erfahrung von Bisiriyu, der in seiner Weiterbildung eine Unterhaltung zwischen einem älteren Patienten und einem deutschen Kollegen hinter seinem Rücken hörte. Der Patient fragte, ob es denn nötig sei, dass er von einem Farbigen behandelt werden müsste. Im weiteren Verlauf brachte er unter Verwendung des herabwürdigenden „N****-Wortes“ seine Abscheu über den Kontakt mit Farbigen deutlich zum Ausdruck.

Bisiriyu, seit 2012 in Deutschland, sprach den Mann damals nicht darauf an. „Ich dachte mir, das ist ein alter Mann und er ist nicht repräsentativ“, begründete er sein stilles Erdulden. Auch sein Vorgesetzter reagierte nur moderat, gab dem Mann eine ausweichende Antwort. Später erlebte Bisiriyu dies anders. Bei einer abfälligen Äußerung über seine Hautfarbe richtete eine Pflegende deutliche Worte an den Patienten: Entweder keine Behandlung für ihn in diesem Haus oder sofortige Zurücknahme dieser Worte.

Bisiriyu, als ärztlicher Leiter des Ärztezentrums Lunden beruflich längst etabliert und als Familienvater in seiner Region auch privat angekommen, weist Mitmenschen, die ihm rassistisch entgegentreten, inzwischen verbal in die Schranken. Er betont aber auch, dass solche Vorfälle nicht an der Tagesordnung sind.

Nicholson, der erst seit 2019 in Deutschland ist und als Indonesier chinesische Vorfahren hat, erlebt Rassismus in unserem Land eher schwach ausgeprägt. Allerdings würde er sich über eine rassistische Äußerung ihm gegenüber wohl auch nicht beschweren: „Rassismus gibt es überall in der Welt“, lautet seine Einschätzung. In vielen Ländern sei Rassismus stärker ausgeprägt – was unter anderem seine Eltern selbst erlebt hätten.

Bei der persönlichen Konfrontation mit rassistischen Äußerungen stellt sich stets die Frage nach der Reaktion. Im privaten Bereich wägt Bisiriyu genau ab und stellt sich bei jedem Einzelfall die Frage: „Bringt es etwas, sich mit solchen Menschen auseinanderzusetzen?“ Im beruflichen Umfeld duldet er inzwischen keine rassistischen Äußerungen mehr und hat in diesem Zusammenhang auch klare Erwartungen an seine Kollegen, insbesondere an Vorgesetzte: „Wenn Vorgesetzte rassistische Äußerungen hören, müssen sie einschreiten.“ Volle Unterstützung bekam er für diese Haltung von der Kammerspitze. Präsident Prof. Henrik Herrmann betonte die Verantwortung der ärztlichen Führung. Er erwartet, dass ärztliche Vorgesetzte in solchen Fällen einschreiten, klären und bei Bedarf Konsequenzen mit dem Arbeitgeber besprechen.

Und was erwarten Betroffene in solchen Fällen von ihrer Ärztekammer? Die Reaktionen darauf zeigten, dass sie diese Möglichkeit bislang gar nicht in Betracht gezogen hatten.

Tatsächlich gibt es bei der Kammer keinen Beauftragten, der sich explizit mit diesem Thema beschäftigt. Dr. Carsten Leffmann machte allerdings deutlich, dass entsprechende Meldungen von der Kammer sehr ernst genommen und an oberster Stelle behandelt würden. Herrmann sicherte zu: „Als Ärztekammer stehen wir für alle unsere Mitglieder ein – ungeachtet der Hautfarbe oder Herkunft.“ Die Kammer könne in solchen Fällen zumindest eine vermittelnde Rolle übernehmen und öffentlich deutlich machen, welche Haltung sie von ihren Mitgliedern erwartet – nämlich eine, die Ausgrenzung, Vorurteile und Diskriminierung im beruflichen Alltag erschwert und im Idealfall unmöglich macht. Dass Rassismus – oft auch unbewusst – im Berufsalltag noch immer vorkommt, beschämt Vizepräsidentin Dr. Gisa Andresen. „Es ist mir peinlich“, sagte sie in Bezug auf unterbliebenes Einschreiten von Vorgesetzten und auf Äußerungen deutscher Mitbürger über die Kollegen anderer Hautfarbe. Sie hakte nach: „Was muss passieren, damit das aufhört?“ Zum Beispiel:

  • Eigenes Verhalten hinterfragen: Wenn ein Arzt anderer Hautfarbe und Sprache nachfragt, welches Präparat genau gemeint ist, darf dies nicht auf mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache zurückgeführt werden. Leffmann machte klar, dass diese Frage aus Gründen der Qualitätssicherung richtig und ein Unterbleiben dieser Frage fahrlässig ist. Tigenoah aber hat erlebt, dass ein deutscher Kollege ihr dies negativ auslegte.
  • Zeit geben: Besonders Kollegen, die erst kurze Zeit in Deutschland sind, müssen sich eingewöhnen und zugleich höchsten Anforderungen im Beruf genügen. Bisiriyu warb dafür, diese Kollegen stärker zu unterstützen. Andresen kann sich ein Mentoring-Modell vorstellen, für das von der Politik die nötigen finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen.
  •  Bei der Integration unterstützen: Nicholson scheint die Integration in Deutschland leichter zu gelingen als den beiden aus Afrika stammenden Kollegen. Er knüpft in erster Linie über den Sportverein private Kontakte. Bisiriyu, der mit einer Rumänin verheiratet ist, hat dies über die Kirche versucht und erfahren, dass eine Integration über diesen Weg für ihn schwierig wird. Und Tigenoah sagt deutlich: „Es ist ganz schwer, in Deutschland Freunde zu finden.“ Selbst der oft funktionierende Weg über Eltern von Freunden der Kinder war nicht von Erfolg gekrönt.
  • Gleiche Chancen: Menschen aus Afrika, so die Erfahrung Tigenoahs, werden in Deutschland nicht immer die gleichen Chancen eingeräumt wie Menschen aus anderen Ländern. Dies gelte für das Vertrauen in persönliche Fähigkeiten genauso wie für die behördliche Anerkennung von Dokumenten aus ihren Heimatländern. Sie empfindet dies als Benachteiligung und hat mit den Jahren in Deutschland gelernt, gegen diese Benachteiligung anzugehen. „Ich bin kämpferischer geworden“, sagte sie in der Ärztekammer.
  • Angebote schaffen: Um den oft unbewusst geäußerten Rassismus zu verringern, könnten Fortbildungsangebote, die sich dem Thema widmen, helfen. Andresen hält es für sinnvoll, dass entsprechende Angebote in das Fortbildungsprogramm der Akademie der Ärztekammer für Weiterzubildende und ärztliche Führungskräfte geschaffen werden.
  • Anlaufstellen: Die Ärztekammer steht als vermittelnde Plattform bereit, wie Herrmann betonte. Wichtig ist ihm, dass solche Anlaufstellen niedrigschwellig sind, damit Betroffene sie auch annehmen. Er wünscht sich, dass auch Arbeitgeber im Gesundheitswesen dieses Thema in den Blick nehmen und überlegen, welche Anlaufstellen sie ihren Beschäftigten im Sinne ihrer Fürsorgepflicht bieten können.
  • Sensibilisieren: Die Diskussion in der Ärztekammer kann nur ein erster Schritt sein, um auf bestehende Probleme aufmerksam zu machen. Anlass waren die Internationalen Wochen gegen Rassismus, die in der zweiten Märzhälfte stattfanden. Herrmann betonte: „Die Bemühungen, für dieses Thema zu sensibilisieren, dürfen nicht auf einen Tag oder einen kurzen Zeitraum begrenzt bleiben. Wir wollen im Gespräch bleiben und das Thema weiter durchleuchten.“

Diese Punkte wurden nach intensiver Diskussion zwischen den drei Mitgliedern und der Kammerspitze herausgearbeitet. Deutlich wurde zugleich, dass Nicholson, Tigenoah und Bisiriyu mit Kritik sehr zurückhaltend waren und keinesfalls den Eindruck erwecken wollten, Forderungen zu stellen. Eher waren sie bemüht, einen positiven Gesamteindruck ihrer bisherigen Erfahrungen in Deutschland in den Vordergrund zu stellen.

Bisiriyu verwies sogar darauf, dass er die Erwartungshaltung mancher Menschen anderer Herkunft nicht nachvollziehen kann. „Wir wollen akzeptiert werden, müssen aber auch bereit sein, uns einzulassen“, sagte er. Dieses Einlassen aufeinander erlebt er persönlich, seit er im Ärztezentrum Lunden als Facharzt für Allgemeinmedizin zusammen mit einem Kollegen aus Serbien tätig ist. Von Problemen in seiner Praxis berichtet er nicht, wohl aber vom Miteinander der Kulturen – oft auch mit witzigen Zügen. So bekam Bisiriyu zu Beginn seiner Tätigkeit in Lunden oft mit, wenn sich die wartenden Patienten darüber unterhielten, wie sie den neuen Hausarzt ansprechen sollten und wie sich sein für sie ungewohnter Name wohl ausspricht. „Sie haben meinen Namen dann geübt und immer wieder ausgesprochen. Wenn sie dann bei mir im Sprechzimmer waren, sagten sie schlicht Herr Doktor.“
Bisiriyu freut sich nicht nur über solche Anekdoten, sondern zieht auch ein Fazit, das Mut macht. „Ich bin gerne Hausarzt in Deutschland und versorge zusammen mit meinem Kollegen aus Serbien 1.600 Menschen in Dithmarschen, die gerne zu uns kommen. Das ist eine Win-Win-Situation.“
Text: Dirk Schnack / Foto: Adobe STock Good Studio

Rassismus im Gesundheitswesen - Podcast-Folge 13


Im Gespräch mit Dr. Gisa Andresen, Vizepräsidentin der Ärztekammer Schleswig-Holstein, spricht der junge Arzt Felix Aguilar über seine Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung im Gesundheitswesen. Was kann eigentlich eine Ärztekammer leisten, um ihre Mitglieder vor Diskriminierung zu schützen?