Auf dem Gelände des Städtischen Krankenhauses Kiel entsteht ein neues Gebäude. Die Baumaßnahmen markieren den Beginn einer langfristigen Erneuerung aller Kliniken und Abteilungen des Krankenhauses.

Wer in letzter Zeit über den Hasseldieksdammer Weg in Kiel stadtauswärts unterwegs war, hat es wahrscheinlich schon bemerkt: Auf dem Gelände des Städtischen Krankenhauses (SKK) klafft eine freie Fläche. Das Gebäude der ehemaligen Kinderklinik musste in den vergangenen Monaten Platz für einen geplanten Neu- und Ersatzbau machen. Das neue Gebäude soll nicht nur das alte ersetzen, die Baumaßnahmen sind erst der Anfang. In den nächsten Jahren ist eine langfristige Erneuerung aller Kliniken und Abteilungen „im Sinne einer medizinisch strategischen Weiterentwicklung“ des SKK geplant, wie Geschäftsführer Dr. Roland Ventzke auf einer Pressekonferenz mitteilte. Im Mittelpunkt dieser Weiterentwicklung steht eine sektorenübergreifende und interdisziplinäre Versorgung der Patienten.

PD Dr. Sebastian Ullrich, ärztlicher Direktor am SKK, sieht in dem Neubau und der Neuausrichtung die Abkehr von veralteten Versorgungsstrukturen. Eine Trennung zwischen ambulant und stationär könne es künftig nicht mehr geben. Die vorgestellten Pläne des neuen Hauses 6 veranschaulichen, wie man im SKK die Neuausrichtung umsetzen möchte. Denn auf den einzelnen Stockwerken werden die ambulante und stationäre Versorgung miteinander verbunden:

  • Das Erdgeschoss teilen sich die Radiologie und zwei radiologische Praxen.
  • Im ersten Obergeschoss (OG) befinden sich die insgesamt 12 OP-Säle des Ambulanten Operationszentrums und des neuen Zentralen Operationszentrums des Krankenhauses.
  • Im zweiten OG werden die Alterstraumatologie und die Geriatrische Tagesklinik untergebracht.
  • Das dritte OG bietet Platz für die Gastroenterologie und die Station „Klinik Flechsig“ Hals-Nasen-Ohren-Station.
  • Im vierten OG sind die Kardiologie und die Unfallchirurgie untergebracht.
  • Im fünften OG sollen sich die Räumlichkeiten der Hebammenpraxis, der Onkologischen Ambulanz und einer neuen Palliativstation befinden.

Zentral gelegene, die Stationen miteinander verbindende Teamräume sollen die Funktionsbereiche auf jedem Stockwerk näher zusammenbringen und die intersektorale sowie interdisziplinäre Kommunikation und Arbeit fördern.
„Das Städtische Krankenhaus muss sich entwickeln können, damit es bestmöglich ausgestattet ist und die Versorgung in Kiel und Umgebung funktioniert“, sagte Gesundheitsdezernent und Aufsichtsratsvorsitzender des Krankenhauses, Gerwin Stöcken. Mit Blick auf die schwierige Situation der imland Klinik Rendsburg-Eckernförde äußerte sich der Politiker besorgt: „Als Kieler betrifft uns das natürlich auch, wenn ein benachbartes Krankenhaus in Schieflage gerät.“ Umso deutlicher betonte Stöcken die Weiterentwicklung der Versorgungslandschaft. In Kiel habe man frühzeitig auf die Kooperationen zwischen den Partnern in der Versorgung gesetzt, anstatt miteinander in Konkurrenz zu stehen.
Da die Finanzierung der Krankenhäuser dem Land obliegt, will sich der Gesundheitsdezernent dort für die Finanzierung des 122 Millionen teuren Neubaus und die weiteren Schritte des Erneuerungsprogramms des Krankenhauses stark machen. Dem Land liegt ein Förderantrag vor und die Baumaßnahme wurde in den Investitionsplan des Landes aufgenommen. Auch wenn der Förderbetrag noch nicht feststeht, ist man im SKK optimistisch; das Gesundheitsministerium hat sich mit 12,3 Millionen Euro an den Planungskosten des Neubaus beteiligt. Für Ventzke insgesamt „ein klares Bekenntnis der Stadt Kiel und des Landes Schleswig-Holstein“.

Allerdings decken die Finanzmittel nicht alles ab, was man im Neubau umsetzen möchte. Mit einer neuen Palliativstation will man im SKK die palliative Versorgung neu aufstellen. Die Ausstattung der Station soll über das Standardmaß hinausgehen. Eine Förderung einer neuen Palliativstation durch öffentliche Mittel wird daher nur bis zu einem gewissen Punkt möglich sein.
Im SKK werden jährlich rund 500 Patienten palliativmedizinisch versorgt. Die bisherige Palliativstation wurde vor vier Jahren gegründet, als man die bestehenden Räumlichkeiten einer Krankenhausstation mit einfachen Mitteln für die Versorgung von Palliativpatienten umgestaltete. Mit dem Neubau verfolgt man nun das Ziel, die Bedürfnisse der Patienten in die baulichen Maßnahmen einfließen zu lassen. Die Patienten verbringen bei wiederkehrenden Aufenthalten – etwa zur Behandlung belastender Symptome – viel Zeit im Krankenhaus. Außerdem bleiben Krankenhäuser ein Hauptsterbeort in Deutschland, in dem fast 50 Prozent der Menschen sterben.
Dass Palliativpatienten dort nur selten im Beisein ihrer Angehörigen sterben oder wiederholt Untersuchungen in der Notaufnahme über sich ergehen lassen müssen, hält Prof. Roland Repp, Leiter der Sektion für Hämatologie und Onkologie sowie Vorstandsvorsitzender des Hospiz- und Palliativverbandes Schleswig-Holstein, für unmenschlich.
Der geplante Neubau soll das ändern. „Palliativpatienten benötigen eine optimale palliative Versorgung. Mit der neuen Station möchten wir ein Anlaufpunkt für Palliativpatienten sein – ohne große Voruntersuchungen in einer Notaufnahme“, so Repp. Der Palliativ-Ausweis, der kürzlich in Kiel für Menschen in der letzten Lebensphase eingeführt wurde, kann zudem helfen, direkt auf die Station zu kommen. Das SKK ist daran interessiert, zusammen mit den niedergelassenen Palliativmedizinern und Pflegenden eine möglichst lückenlose Versorgung ohne Doppeluntersuchungen zu gewährleisten.

Die Mehrheit der Patienten, die auf eine Palliativstation aufgenommen werden, können diese auch mit oft deutlich gebessertem Befinden wieder verlassen. „Der Aufenthalt im Krankenhaus ist nur ein Zwischenstopp. Danach möchten die Menschen wieder nach Hause gehen. Denn die allermeisten wollen in ihrem Zuhause sterben“, sagte Repp.
Größere Zimmer, Dachterrasse und Küchenzeile – um den Aufenthalt in der Station möglichst angenehm zu machen, soll sie wohnlicher werden und nicht direkt mit einem Aufenthalt im Krankenhaus in Verbindung gebracht werden. Die Patientenzimmer erinnern daher eher an eine Herberge als an ein Krankenhauszimmer. Mehr Raum für ein weiteres Bett soll den Familienangehörigen die Möglichkeit geben, vor Ort zu übernachten.
Die Unterbringung im Neubau schafft zudem räumliche Nähe zur Onkologie, Kardiologie und Geriatrie, den Disziplinen mit den meisten Patienten, die eine palliative Versorgung beanspruchen. Die Palliative Care Teams sind zudem schnell auf den benachbarten Stationen. Patienten können so schon früh in die Versorgung eingebunden werden.

Wenn alles nach Plan verläuft, soll der Neubau am SKK Ende 2023 fertiggestellt sein. Die Umsetzung der medizinisch strategischen Weiterentwicklung soll über 2030 hinausgehen.


Text und Foto: Stephan Göhrmann