Die Folgen des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen werden auch der Öffentlichkeit zunehmend deutlich. Über Wartezeiten und überlastetes Personal wird diskutiert, über Lösungen auch.  Die Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein setzt in dieser Frage auf gemeinsame Konzepte mit der Ärzteschaft, wie sie bei einem Besuch des Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, in Neumünster deutlich machte. 

Westerfellhaus selbst forderte in Neumünster den Schulterschluss von Ärzten, Pflegenden und anderen Berufsgruppen, die am Patienten tätig sind. Mit solchen „fundierten, interdisziplinären Konzepten“ rannte er bei der Präsidentin der Pflegeberufekammer, Patricia Drube, offene Türen ein. Erforderlich seien solche Konzepte, weil in beiden Berufsgruppen Fachkräftemangel herrsche und dies die Versorgung gefährde. Westerfellhaus kann sich vorstellen, dass gemeinsame Konzepte zu einer Entlastung beider Berufsgruppen führen. 

Unterstützung erhielt er dafür von der Ärztegenossenschaft Nord. Deren erster Sprecher Dr. Svante Gehring ist auch Mitglied des Vorstands der Ärztekammer. „Der Fachkräftemangel und Strukturwandel im deutschen Gesundheitswesen stellen uns vor Herausforderungen, die wir nur durch engere intersektorale und transprofessionelle Zusammenarbeit bewältigen können“, sagte Gehring. 

Den Willen dafür sehen beide Berufsgruppen bei ihren Mitgliedern vorhanden. „Das scheitert bislang aber an den unterschiedlichen Abrechnungssystemen und den Brüchen zwischen SGB V und SGB XI“, sagte Gehring. Er sprach sich für ein Abrechnungssystem aus, „das den Patienten folgt“.  Auch Drube kritisierte diese Brüche im System, die nach ihrer Beobachtung bei vielen Pflegenden zu Frust führen. Sie erwartet, dass die Politik auf gemeinsame Lösungsvorschläge für die künftige Versorgung von Ärzten und Pflegenden deutlich positiver reagiert, als wenn sich nur eine Berufsgruppe äußern würde. Neben eigenen Vorschlägen aus der Selbstverwaltung wünscht sich Westerfellhaus auch mehr Mut bei der Erprobung etwa von Modellen, die sich im Ausland schon bewährt haben. Als Beispiel nannte er das niederländische Buurtzorg-Modell. Um die Versorgungsprobleme in Deutschland zu überwinden, seien weitere Bausteine nötig, u. a. Fachkräfte aus dem Ausland. Großes Potenzial sieht er in der Rückgewinnung von ausgebildeten Pflegekräften, die derzeit nicht in ihrem Beruf arbeiten. Diesen müsse die Perspektive gegeben werden, dass sich die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern. 

Auch zur anhaltenden Kritik an der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein aus den Reihen der Mitglieder und von der Gewerkschaft Verdi äußerte sich Westerfellhaus. Er warb in Neumünster für mehr Geduld und Unterstützung für die Pflegeberufekammern. „So etwas wie Pflegeberufekammern hat es bei uns bis vor Kurzem noch nie gegeben. Wir brauchen diese Strukturen“, erklärte Westerfellhaus. Er appellierte an die Berufsgruppe, der Pflegeberufekammer eine Chance zu geben, ihren Wert für die Mitglieder unter Beweis zu stellen. „Das geht nicht in 100 Tagen, dafür braucht es drei, vier Jahre“, sagte Westerfellhaus.

In dieser Zeitspanne werden die demokratisch gewählten Vertreter nach seiner Überzeugung mit eigenen Vorschlägen und Initiativen den Beweis erbringen, dass die Pflegenden eine eigene Selbstverwaltung benötigen. Dem ersten gewählten Kammervorstand im Norden bescheinigte Westerfellhaus, „an den dringenden Gesundheitsfragen wie auch an der Festlegung gesetzlicher Rahmenbedingungen zwingend beteiligt“ zu sein. Auch auf Bundesebene wären Ärzte nach seiner Wahrnehmung froh, mit einer Bundespflegekammer einen zentralen Ansprechpartner zu bekommen. Zum Verhältnis zwischen Pflegekräften und Ärzten sagte Westerfellhaus: „Die Diskussion mit den Ärzten hat an Qualität gewonnen. Beide Seiten nehmen die bestehenden Probleme an.“

Dass auch die Ärzte froh über eine Pflegeberufekammer sind, machte Gehring in Neumünster erneut deutlich. „Zur Neugestaltung der Versorgung benötigen wir kompetente Ansprechpartner wie die Pflegeberufekammer.“ Drube ist überzeugt: „Wir brauchen sowohl all die engagierten Pflegenden vor Ort, die sich in ihrem Beruf stark machen, als auch die Pflegeberufekammer, die mit Weitsicht und strategischer Planung die Perspektive der beruflich Pflegenden dort vertreten kann, wo die Weichen für die Versorgung gestellt werden, zum Beispiel im Landespflegeausschuss und im Gemeinsamen Landesgremium zur medizinischen Versorgung.“ Die Kammer habe mehrere Projekte für mehr Versorgungssicherheit gestartet, u. a. für ambulante Pflegedienste, zur Personalbemessung, zur Ausweitung der Pflegestudienplätze und zum Ausbau pflegerischer Handlungskompetenzen. 
Foto/Text: Dirk Schnack