Mit einer Sonderaktion über Pfingsten sorgte eine Schacht-Audorfer Hausarztpraxis dafür, dass zahlreiche Menschen ihre Erstimpfung mit AstraZeneca bekamen. Ohne Termin konnte sich jeder anstellen – was ausgiebig genutzt wurde.

Erst das Kind morgens in den Kindergarten gebracht, dann von Damp schnell nach Schacht-Audorf gefahren. Als Vanessa Hanke dort morgens eintrifft, ergattert sie den Platz ganz vorn vor der Praxistür der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis. Für sie ist das wichtig, weil damit sicher ist: Sie wird heute geimpft. Allerdings heißt es jetzt erst einmal warten.
Es ist der Freitag vor Pfingsten. Die Gemeinschaftspraxis von Dr. Wulf Hochmann, Dr. Ralf-Martin Ludwig, Dr. Sönke Timm-Tegethoff, Hakim Jaballah, Dr. Juliane Goebel und Dr. Andreas Füger macht gerade landesweit Schlagzeilen. Sie bieten eine offene Impfsprechstunde an. Mittwoch, Freitag, Sonnabend und Pfingstmontag wollen sie jeweils mehrere hundert Menschen impfen, insgesamt werden es am Pfingstmontag 2.006 sein, die sich mit dem Impfstoff von AstraZeneca haben impfen lassen. 499 haben sie am Mittwoch geschafft, heute steht der zweite große Einsatz bevor. Dass Menschen wie Vanessa Hanke schon so früh vor der Praxistür warten, obwohl die Impfung erst am Nachmittag nach der normalen Sprechstunde beginnt, findet Dr. Andreas Füger bemerkenswert.
Während er nach der Sprechstunde die Spritzen aufzieht, ist die Menschenmenge auf der Straße auf mehrere hundert angewachsen. Sie haben sich Stühle, Proviant und Lesestoff mitgebracht, von Ungeduld, Drängeln oder Unruhe keine Spur. „Typisch Schleswig-Holstein, die Menschen sind ganz gechillt“, sagt Füger. Tatsächlich kommen die Menschen aus dem ganzen Bundesland, schon am ersten Tag reichte die räumliche Spreizung von Husum bis Bad Oldesloe und vereinzelt stiegen auch Menschen aus Autos mit Kennzeichen aus anderen Bundesländern.

Für Füger, seine Praxispartner, für ihr Team und einige freiwillige Helfer ist tagelanger Großeinsatz, weil Füger im Familienkreis von der langen Warteliste an Impfwilligen in der Praxis berichtete. 2.000 Impfwillige stehen auf der Liste und im Normalbetrieb arbeitet die Praxis rund 150 ab – zu wenig, um den Andrang zu befriedigen.
Seine Tochter Lisa, Krankenschwester im benachbarten imland Krankenhaus Rendsburg, machte ihn auf die Massenimpfung in Köln-Chorweiler aufmerksam und fragte, ob das nicht auch bei ihnen zu realisieren sei. Von der Idee bis zur Umsetzung brauchte die Praxis nur wenige Tage. Die sechs impfberechtigten Praxispartner und ihr motiviertes Team rannten mit ihrem Plan überall offene Türen ein – bei Bürgermeisterin Beate Nielsen, bei der Freiwilligen Feuerwehr, aber auch bei anderen ärztlichen Kollegen.
Die Gemeinde erteilte ihnen unbürokratisch die Genehmigungen für die notwendige Straßensperrung, Helfer von der Freiwilligen Feuerwehr und vom Bauhof sorgten für die Absperrungen. Ein Patient schaltete seinen Arbeitgeber ein, der einen Toilettenwagen zur Verfügung stellte. Andere sorgten für die Verköstigung des Teams. Auch Fügers Familie ist dabei: Die beiden Töchter Lisa und Lena gehen vor dem Impfstart durch die wartenden Menschenreihen, kontrollieren die ausgefüllten Dokumente und tragen so dazu bei, dass in der Praxis kein Stau wegen offener bürokratischer Fragen entsteht.
Weil gleich sechs Ärzte impfberechtigt sind, konnten sie für die Aktion 1.100 Impfdosen erhalten. Weitere 600 steuerte ein benachbarter Apotheker bei. Und wenn der Andrang noch größer wird?

„Wir haben noch ein wenig Reserve. Und es ist sichergestellt, dass auch die Zweit­impfung in zwölf Wochen erfolgen kann“, sagt Füger. Anerkennend berichtet er auch von Anrufen mehrerer Kollegen, die bei Bedarf noch mehr Impfstoff von
AstraZeneca zur Verfügung stellen würden.
Die ersten Wartenden haben draußen inzwischen mehr als vier Stunden Wartezeit hinter sich. Die Medien, längst auf die ungewöhnliche Aktion in der 4.000 Einwohner-Gemeinde aufmerksam geworden, befragen die Menschen zu ihrer Motivation – schließlich könnten sie sich stattdessen auch bequem vom heimischen PC über das Impfportal des Landes für einen Termin im Impfzentrum einbuchen.
Aber genau das, berichtet Füger, treibt sie zu dieser Aktion: „Die Menschen wollen sich nicht mehr ständig vor den Rechner setzen und am Ende lesen, dass sie leer ausgegangen sind. Lieber sechs Stunden vor der Praxis warten und am Ende geimpft sein, als vier Stunden vor dem PC und nichts erreicht haben“, fasst er die Reaktion vieler Menschen zusammen. Das bestätigt auch Vanessa Hanke. „Ich bemühe mich schon lange um einen Termin bei Ärzten und in Impfzentren – ohne Erfolg“, berichtet sie. Wegen einer Erkrankung möchte sie so schnell wie möglich geimpft werden und nimmt dafür auch lange Wartezeiten in Kauf: „Hauptsache geimpft", sagt sie.
In ihrem Buch hat sie trotz der Wartezeit kaum gelesen: „Ich konnte mich nicht konzentrieren, weil ich so aufgeregt war. Es scheint jetzt tatsächlich zu klappen“, sagt sie noch ein wenig ungläubig. Dann drückt Lisa Füger ihr die Nummer in die Hand, die ihr gleich den Weg in die Praxis und damit zur Impfung ebnen wird. In zwölf Wochen sind sie und die zahlreichen weiteren Geimpften dann wieder in Schacht-Audorf.

Text: Dirk Schnack/ Foto: Dirk Schnack