Dr. Annette Rogge leitet das Projekt "Ethik first" in Kiel. Medizinstudierende setzen sich in in dem extracurricularen Angebot mit ethischen Fragen auseinander, die ihnen sonst im Studium nicht begegnen.

Eine junge Frau, die keine 25 Kilogramm mehr wiegt und nach eigener Aussage lieber sterben möchte, als von anderen zum Essen gezwungen zu werden. Eltern, die sich aus Sorge um ihre erwachsene Tochter ausschließlich um deren Erkrankung kümmern und den behandelnden Ärzten im Krankenhaus mit rechtlichen Konsequenzen drohen. Psychia­trische Gutachter, die der Patientin volle Urteilsfähigkeit attestieren. Und mittendrin hilfloses Klinikpersonal, das der Patientin gerne helfen möchte, aber keine Fortschritte erzielt und keinen Ausweg mehr weiß. 

Wie sollen die behandelnden Ärzte in solch einer Situation reagieren? Dr. Annette Rogge hat an diesem Tag einen Fall aus der Literatur, der sich tatsächlich zugetragen hat, mitgebracht. Fälle wie dieser oder selbst erlebte im Klinikalltag diskutiert sie regelmäßig im extra-curricularen Angebot „Ethik first“ mit einem kleinen Kreis an Kieler Studierenden im fortgeschrittenen Medizinstudiumin ihrem Büro. Meistens haben die Teilnehmer das Praktische Jahr (PJ) schon absolviert und die erste Klinikerfahrung hinter sich. Und das heißt: Ihre in der Regel hohen ethischen Ansprüche treffen auf die Realität im Krankenhausalltag. 

Für viele junge Ärzte verändert diese Realität den Blick auf ihren künftigen Beruf, wenn sie Zwänge und moralische Konfliktsituationen erleben, die sie nicht oder kaum beeinflussen können: Personal- und Bettenmangel, aber auch Entscheidungen, die die Autonomie der Patienten nicht berücksichtigen, die ökonomisch beeinflusst sind oder aus Angst vor haftungsrechtlichen Konsequenzen getroffen werden. Folge ist zum Teil, dass sie sich machtlos vorkommen in Situationen, in denen Patienten Hilfe von ihnen erwartet hatten. 

„Einige junge Ärzte werfen das Handtuch und entscheiden sich beruflich doch noch anders, andere stumpfen ab“, berichtet Rogge von zwei Reaktionsmustern auf diesen „moral distress“. Beides möchte sie gerne vermeiden. Sie strebt an, dass auch junge Ärzte schon den Mut und die Kompetenz mitbringen, um bei Entscheidungen in heiklen Situationen ihre eigenen Wertvorstellungen einzubringen und zu hinterfragen, warum anders entschieden wurde. 

Im Idealfall werden aus den Teilnehmern des Kreises sogar Ärzte, die in ihrem beruflichen Umfeld später selbst als Ansprechpartner in ethischen Fragestellungen dienen. Rogge selbst ist Neurologin und von der Göttinger Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) zertifizierte Trainerin für Ethikberatung im Gesundheitswesen – sie schult also Personen, die andere Menschen in ethischen Fragen beraten. 

In „Ethik first“ lässt Rogge die Studierenden zunächst beraten, welche Behandlungsmöglichkeiten den Ärzten im diskutierten Fall noch offen stehen, gibt ihnen Hintergrundinformationen mit Urteilen zu vergleichbaren Fällen, lässt alternative Lösungen abwägen und fragt nach den dabei berührten medizin-ethischen Grundsätzen. 

Die Studierenden sind nicht das erste Mal dabei und betonen im diskutierten Fall insbesondere die Autonomie der Patientin. Das Gutachten der Psychiater ist ihnen wichtig: Die erwachsene Frau handelt aus ihrer Sicht selbstbestimmt ohne Einschränkung der Urteilsfähigkeit. Hinzu kommt, dass noch keine lebensbedrohliche Situation eingetreten ist. Kommt eine Zwangsernährung also nicht infrage? Darf man dem von der Patientin geäußerten Wunsch, in einem palliativen Setting „in Ruhe zu sterben“ nachkommen? 

„Beide Optionen sind nicht gut“, steht für die Teilnehmerinnen des Kieler Kreises fest. In diesem Fall spricht für die Studierenden vieles dafür, dem Wunsch der Patientin nachzukommen. Rogge bekräftigt sie darin, dass in so komplexen Fällen eine Team- der Einzelentscheidung vorzuziehen ist. Sie betont darüber hinaus die Notwendigkeit, sich in solchen Fällen interdisziplinär auszutauschen. Leider geschieht dies nach ihrer Erfahrung im Alltag zu selten – oft aus Zeitdruck, aber auch, weil ethische Fragen in der Ausbildung der Ärzte nicht in dem Maß behandelt werden, wie es wünschenswert wäre. 

Auch im Medizinexamen werden Themen aus anderen Bereichen stärker bewertet als ethische Fragestellungen. Im späteren beruflichen Alltag kann sich dies als Nachteil herausstellen. „Im Alltag verbrauchen ethische Fragen oft viel Energie und beschäftigen insbesondere junge Ärzte, aber auch ganze Teams lange Zeit“, sagt Rogge. „Ethik first“ will genau hier ansetzen und wird dafür seit 2017 von der Stiftung UKSH Gutes tun gefördert.

Den zusätzlichen Nutzen der Veranstaltung beschrieb eine Teilnehmerin auf Nachfrage so: Ihr ohnehin vorhandenes moralisches Gerüst sei durch die Teilnahme an  „Ethik first“ gestärkt worden.

Das Team von „Ethik first“ in Kiel würde sich übrigens freuen, wenn andere Krankenhäuser in Deutschland die Veranstaltung als Vorbild für eigene Initiativen in gleicher Richutng nehmen würden. Weitere Informationen zum Kieler Projekt finden sich im Internet unter www.ethik-first.de
Text/Foto: Dirk Schnack