Selten wurden ethische Fragen im Gesundheitswesen öffentlich so stark diskutiert wie in den vergangenen Monaten. Mit der Pandemie rückten Themen wie Priorisierung und Triage in das öffentliche Interesse und mit ihnen die Arbeit des Deutschen Ethikrates. Es lag nahe, dass die Christian-Albrechts-Universität zum Auftakt ihrer Ringvorlesung über „Die Coronavirus-Pandemie und ihre Folgen II“  die Ethik in den Mittelpunkt rückte und mit der Ratsvorsitzenden Prof. Alena Buyx die derzeit wohl gefragteste Vertreterin ihres Fachs als Referentin gewann – wobei die früher in Kiel tätige Medizinerin, die auch Philosophie und Soziologie studiert hat, ausdrücklich nicht als Vertreterin des Ethikrates sprach.

Ethik – wozu braucht es die, ist das nicht weltfremd? Solche Fragen werden Buyx immer wieder gestellt und die vergangenen Monate haben nach ihrer Überzeugung die eindeutige Antwort geliefert. Ethische Fragen in einer Pandemie gestellt zu bekommen, bedeutet Antworten „in Echtzeit“, unter ständigem Zeitdruck, in einer emotionalen Ausnahmesituation und unter starker Unsicherheit über die weiteren Bedingungen zu liefern, umriss Buyx die derzeitigen Bedingungen – eine „Brennglas-Situation“, um die sie die politischen Entscheidungsträger nicht beneidet.  

Um drei ethische Themen ging es in den vergangenen Monaten besonders:

  • Lockdown versus Lockerungen: Der ethische Konflikt hinter dieser Frage dreht sich um den Erhalt des Gesundheitssystems, der gegen die Vermeidung oder Milderung von Nebenfolgen für die Gesellschaft abgewogen werden muss. Sind die Einschränkungen, auch der Grundrechte, also gerechtfertigt, wenn es um den lebenswichtigen Erhalt des Gesundheitswesens geht? „Ja, aber nicht bedingungslos“, war Buyx`Antwort. Sie sieht darin eine kontinuierliche Abwägungsfrage, „Ringen um das richtige Maß“, denn „Ein allgemeines Lebensrisiko ist von jedem zu akzeptieren.“
  • Triage: Bei diesem Begriff aus der Katastrophenmedizin wird die Grundorientierung ärztlichen Handelns erweitert: neben das Patientenwohl tritt die öffentliche Gesundheit – in aller Regel  nur in kurzzeitigen Notfallsituationen. In der Pandemie war dies an einigen Orten wie etwa 2020 in Bergamo oder in New York, nicht der Fall, stattdessen hatten Mediziner unter der Herausforderung einer „anhaltenden Knappheitssituation“ zu entscheiden. „Für solch einen Zustand gab es kaum Richtlinien“, verdeutlichte Buyx das moralische Dilemma, unter dem Ärzte dort agieren mussten. Wichtig waren für die Ärzte das Mehraugenprinzip und die klinische Erfolgsaussicht.
  • Impf-Priorisierung: Die von Beginn an absehbare Knappheit des Impfstoffs bedingt, dass sich eine Gesellschaft über die Zuteilung von Lebenschancen einigen muss. Als relevante rechtsethische Prinzipien führte Buyx hierfür Selbstbestimmung, Gerechtigkeit, Solidarität, Dringlichkeit und Schadensvermeidung sowie Wohltätigkeit an. Ziele waren bene der Verhinderung schwerer Fälle bzw. von Todesfällen ein Expositionsschutz, die Verhinderung von Übertragungen, Schutz vulnerabler Gruppen und die Aufrechterhaltung staatlicher Ordnung, woraus sich die bevorzugten Gruppen ableiten ließen.

Für Buyx haben die vergangenen Monate gezeigt, dass eine ethische Analyse öffentliche Debatten fördern und dabei helfen kann, Vertrauen zu schaffen. Sie kann in Krisen Orientierung bieten, als Begründung für Entscheidungen dienen, kann diese auch verbessern – abnehmen aber könne diese Entscheidung der Politik niemand.  

In der zweiten Vorlesung sprach Dr. Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen über die Ausbreitung  von Covid-19 und Strategien der Eindämmung.

Eine ihrer zentralen Botschaften: Menschen, die sich für nicht infektiös halten und sich entsprechend verhalten, gehören zu den Treibern der Pandemie. Um diesen "hidden pool" und damit die Dunkelziffer infizierter Menschen verkleinern zu können, brauche es Kapazitäten in den Gesundheitsämtern. Als die Gesundheitsämter in manchen Regionen mit der Nachverfolgung der Kontakte überlastet gewesen seien, sei dort auch die Fallzahl gestiegen.

Eine weitere Botschaft: Um Verhaltensmaßnahmen in der Pandemie zu formulieren, bleibt die Inzidenz als Kriterium sinnvoll. Priesemann sieht keine Vorteile von hohen, aber nur Vorteile von niedrigen Fallzahlen - sowohl für die Gesundheit, als auch für Gesellschaft und Wirtschaft. Trotz der fortschreitenden Impfungen riet Priesemann dazu, die Schutzmaßnahmen wie Abstand und Maske tragen nicht zu vernachlässigen, um die Fallzahlen weiter zu verringern.

Anders als die Vorlesung von Buyx war Priesemanns Vortrag von einem Chat begleitet, der auch stark polarisierende Meinungen beinhaltete. Diese auch in der Gesellschaft zu beobachtende Polarisierung hat es nach Überzeugung von Philosoph Prof. Konrad Ott der Politik schwer gemacht und dazu beigetragen, konsequente Lösungsstrategien zu verfolgen. Politik als Kunst des Kompromisses bedeute dann, sich auf weniger durchschlagskräftigere Lösungen zu verständigen. Die Konsequenz war ein abgeschwächter Lockdown und damit eine geringere Wirkung auf die Fallzahl. Ein "halber Lockdown", so Konrad und Priesemann, verfehle aber seine Wirkung.
Text: Dirk Schnack / Foto: Andreas Heddergott / Technische Universität München