Der Weltkongress hatte ein umfangreiches Themenangebot mit breitem Spektrum. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Inhalte?
Prof. Axel Hauschild: Das breite Programm beschäftigte sich mit Themen wie der primären Prävention (Kampagnen für UV-Schutz), der Früherkennung mit neuester Technologie, aber auch der künstlichen Intelligenz (KI) in der Diagnostik des Melanoms. Unzweifelhaft stellt die KI bei der Unterscheidung von benignen Pigmentnävi zu malignen Melanomen eine Bereicherung in der Hand jedes Dermatologen dar. Die Videoauflichtmikroskopie mit entsprechenden Software-Programmen mit Bildanalysesystemen ist der eindeutige Goldstandard in der Melanomdiagnostik, ersetzt aber den Hautarzt nicht. Unabhängig davon standen ganz klar die neuen therapeutischen Entwicklungen im Vordergrund, die in den vergangenen zehn Jahren zu insgesamt elf Neuzulassungen beim fortgeschrittenen metastasierten Melanom geführt haben. Zielgerichtete Therapien bei BRAF-mutierten Melanomen und die Immun-Checkpoint-Inhibitoren sind jetzt mehr oder weniger in jeder Therapiesituation die Standards in den Leitlinien. Die 5-Jahres-Überlebensrate hat sich von 5 % auf 52 % verbessert. Dies bedeutet einen Quantensprung!

Welche Botschaften gehen nach Ihrer Wahrnehmung von dem online abgehaltenen Kongress aus?
Hauschild: Der Online-Kongress wurde mit 2.200 Teilnehmern aus insgesamt 60 verschiedenen Ländern hervorragend angenommen. Eigentlich hätte die Tagung in einem neuen Kongresszentrum in Rom stattfinden sollen, aber COVID hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dennoch hat ein exzellenter Austausch zwischen den Referenten und Teilnehmern am Bildschirm stattgefunden und ich hatte zusammen mit den anderen Kongresspräsidenten die Gelegenheit, eine lebendige Diskussion aus einem Studio in Berlin heraus zu moderieren. Die Botschaft, dass das Melanom im Jahr 2021 keine schicksalhafte, todbringende Erkrankung mehr ist, sondern bei einer Früherkennung in mehr als 90 % geheilt werden kann, gilt natürlich vor allem für die westlichen Staaten. In vernachlässigten Regionen der Welt, zu denen leider auch einige osteuropäische Staaten gehören, versterben nach wie vor viel zu viele Melanompatienten an diesem Tumor. Die Früherkennung durch geschulte Dermatologen scheint hier nicht zu funktionieren, weil es dort entweder zu wenige Dermatologen gibt oder die Kollegen eher an Botox und Fillern als an Hautkrebsfrüherkennung interessiert sind. Dazu kommt, dass die Hausärzte in diesen Regionen keine entsprechenden Schulungen – wie in Deutschland – zur sicheren Erkennung von Hautkrebs erhalten haben. Ich würde das als einen Teufelskreis bezeichnen.

Sie wurden für vier Jahre zum Präsidenten der Melanoma World Society gewählt. Welche Aufgaben sind damit verbunden und welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Hauschild: Ich freue mich sehr über diese neue verantwortungsvolle Position. Die Präsidentschaft einer wahrlich globalen Organisation mit Vorstandsmitgliedern in allen Erdteilen und aus Ländern mit völlig unterschiedlichen Gesundheitssystemen ehrt mich. Wir wollen die Aufmerksamkeit für Hautkrebs im Allgemeinen und das Melanom im Speziellen in den Ländern Lateinamerikas, in Asien und z. B. auch in Südafrika weiter verbessern und beabsichtigen verstärkt dort Schulungskurse mit Falldemonstrationen durchzuführen.

Welche Bedeutung haben die Studien zu „Real World“, und wie ist die Situation in ausgewählten Ländern?
Hauschild: Ich möchte die „Real World Evidence“ durch retrospektive und prospektive Studien zu allen Fragen rund um das Melanom verbessern. Darunter verstehen wir, dass im Gegensatz zu prospektiven Zulassungsstudien nicht eine, sondern alle Fragen an einem realistischen Patientenkollektiv ohne zu starke Selektionskriterien beantwortet werden sollen. Auch Fragen zur unterschiedlichen Zulassung und vor allem Erstattung von neuen innovativen Medikamenten gehören zu diesem Fragenkomplex. Dies ist ein hochinteressantes Themengebiet, dem heutzutage immer mehr Aufmerksamkeit nicht nur beim Hautkrebs geschenkt wird. Auch die Etablierung von Leitlinien und Hautkrebsregistern in strukturschwachen Regionen sind Ziele der MWS.

Kommen wir zur Situation bei uns in Deutschland. Sie haben in früheren Interviews die immensen Fortschritte in Forschung und Versorgung betont, die es schon gegeben hat. Haben wir weitere Fortschritte zu erwarten?
Hauschild: Ich hatte bereits die zunehmend bedeutende Rolle der künstlichen Intelligenz in der Diagnostik des Hautkrebses genannt. Wir werden in Kürze aber weitere Fortschritte in der medikamentösen Therapie mit weiteren Neuzulassungen erleben dürfen. Dann wird sich auch zeigen, ob wir die 5-Jahres-Überlebensrate für das fernmetastasierte Melanom von jetzt 52 % noch wesentlich verbessern können oder nur ein Finetuning möglich wird. Die Hoffnung ist, dass sich die Therapien in frühen Tumorstadien, beispielsweise bei Melanom-Primärtumoren, die noch keine Lymphknotenmetastasen gesetzt haben, noch weiter verbessern. Im AJCC-Stadium IIB/C gab es im September die Veröffentlichung einer positiven Zulassungsstudie zum PD1-Antikörper Pembrolizumab. Dies wäre die erste Substanz, die somit auch ohne Hinweise für eine Metastasierung appliziert werden könnte. Weitere Studien sind auch hier zu erwarten. Ganz große Hoffnungen setze ich auch auf neue Genexpressionstests (GEP), die eine bestimmte Gensignatur am Primärtumor untersuchen. Damit könnte das Rezidivrisiko besser vorhergesagt werden und die Patienten, die eine adjuvante Therapie wirklich benötigen, diese auch erhalten. Umgekehrt kann eine gewisse Toxizität denjenigen erspart bleiben, die einen niedrigen Risiko-Score bei dem GEP-Test zeigen. Die Zukunft wird also auf eine immer weiter personalisierte onkologische Versorgung hinauslaufen.

Was bedeutet das für die ambulante Versorgung und die Arbeit der niedergelassenen Dermatologen?
Hauschild: Der niedergelassene Dermatologe übernimmt bei Niedrigrisiko-Melanomen schon zum jetzigen Zeitpunkt sowohl die ambulante Operation als auch die weitere Nachsorge. Die systemische medikamentöse Therapie von Hochrisiko- oder metastasierten Patienten ist die Domäne der ambulanten Versorgung an Spezialzentren, den interdisziplinären zertifizierten Hauttumorzentren an den Krankenhäusern. Die Verzahnung zwischen Praxis und Klinik im ambulanten Bereich wird also auch zukünftig eine sehr große Bedeutung haben. Ohne die Hautkliniken wird es keine Ausbildung für Dermatologen und Dermato-Onkologen und auch keine Rund-um-die Uhr-Versorgung von komplexen (metastasierten) Melanom-Patienten geben. Ohne niedergelassene Dermatologen wären weder ein Hautkrebsscreening noch eine ambulante Versorgung von Tausenden von Patienten mit hellem und schwarzem Hautkrebs vorstellbar. Eine kollegiale Zusammenarbeit zwischen Klinik und Praxis ist also der Schlüssel zum Erfolg!

Welche Folgen hat die Pandemie für die Bekämpfung des Hautkrebses – ist das Screening seltener in Anspruch genommen worden?
Hauschild: Ja, in der Tat sind etwa 25 % weniger Patienten vor allem in der Anfangsphase der Pandemie zum Hautkrebsscreening gekommen. Insbesondere aus Italien gibt es interessante Folgeuntersuchungen, die gezeigt haben, dass die Tumordicke als der wichtigste Prognoseparameter des Melanoms zugenommen hat. Ob das auch in Deutschland Folgen haben wird, die sich in Zahlen im Hinblick auf das Überleben ausdrücken, wissen wir noch nicht. Die medikamentöse Versorgung der metastasierten Patienten hat aber während der COVID-Krise keinen Dämpfer bekommen, sie konnte in unseren Landen von Anfang an unverändert fortgeführt werden. Studien haben gezeigt, dass die beim Melanom eingesetzten zielgerichteten und immunmodulatorischen Medikamente keine Erhöhung des COVID-Risikos beinhalten und im Falle einer COVID-Infektion die Prognose auch nicht verschlechtern.

Wie können wir das wieder aufholen?
Hauschild: Ich glaube, dass wir uns hier als Dermatologen nicht zu weit hinauslehnen sollten, da es im Bereich des Mammografie- und vor allem auch des Koloskopie-Screenings viel größere Defizite mit bis zur 85 % Rückgang während der COVID-Pandemie gegeben hat. Beim Hautkrebsscreening haben sich die Zahlen mittlerweile wieder fast auf dem alten Niveau eingependelt und ich glaube nicht, dass der ca. 1-jährige Knick bei unserem Screening erhebliche Auswirkungen auf die Überlebenskurven haben wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Text: Dirk Schnack