„Die Gesundheit und das Wohlergehen meines Patienten wird mein oberstes Anliegen sein. Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung, soziale Stellung oder jegliche andere Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder Patienten treten.“ Auf einer Fachtagung zur Gesundheitsversorgung von Geflüchteten zwischen Menschenrechten und struktureller Ausgrenzung ist mir der tiefe Sinn dieser im Genfer Gelöbnis hinterlegten ärztlichen Werteorientierung noch einmal bewusst geworden.

Es bestehen für Geflüchtete vielfältige Zugangsbarrieren, medizinische Leistungen sind gerade in der ersten Zeit außerhalb von Akutsituationen stark eingeschränkt. Interprofessionelle Netzwerke mit hohem Engagement aller Beteiligten haben sich in Schleswig-Holstein regional gebildet, um die gesundheitliche Versorgung von Geflüchteten zu verbessern. Diese sind bislang noch wenig bekannt und sichtbar. Es gilt, Hürden zu überwinden, Ausgrenzungen zu vermeiden und eine anhaltend umfassende Gesundheitsversorgung darzustellen.
Als Ärztekammer setzen wir uns dafür ein, dass folgende Ziele erreicht werden:

  • Integration der Geflüchteten in unser Gesundheits- und Hilfsmittelsystem mit Überwindung sprachlicher und kultureller Barrieren
  • Aufarbeitung psychotraumatischer Folgen der Vertreibung und Flucht mit vulnerablen Erlebnissen bei Kindern und Erwachsenen
  • Aufbau einer Gesundheitskompetenz im präventiven und krankheitsbezogenen Bereich.

Wir haben gelernt, dass Geflüchtete nicht Träger von seltenen Erkrankungen sind, sondern die gleichen chronischen Krankheiten aufweisen wie unsere Bevölkerung. Der Zugang zu unserem Gesundheitswesen ist dabei teilweise schwer durchschaubar – dies gilt durchaus auch für alle Bürgerinnen und Bürger in unserem Land. Diesen Zugang zu ermöglichen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der Politiker, Wissenschaft, Sozial- und Wohlfahrtsverbände und die Ärzteschaft gefordert sind. Gerade uns als Ärztinnen und Ärzten kommt dabei die wichtigste Rolle zu, da wir präventiv, kurativ und sozial am Patienten tätig sind. Mir ist auch der letzte Aspekt besonders wichtig im Virchowschen Sinne: „Die Medicin ist eine sociale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts, als Medicin im Grossen“.
Diese Fachtagung mit der Überschrift „Gesundheit ist ein Menschenrecht“ hat mich noch einmal sensibilisiert für die ethischen Grundsätze unserer Profession. Gerade auch in gesundheitspolitischen Diskussionen und Auseinandersetzungen müssen sie jederzeit unsere oberste Handlungsmaxime bleiben.

 

Foto: Jörg Wohlfromm