Bei neuen Entwicklungen lohnt manchmal ein Blick in die Vergangenheit – oft ist der Fortschritt dann gar nicht mehr so aktuell. Das zeigt sich auch bei einigen Trends, die wir gerade in der Medizin diskutieren.
  • Fernberatung durch Ärzte: Bereits seit 1850 in Deutschland im Angebot, als Patienten fern der eigenen Praxis von Ärzten angeschrieben wurden, um ausschließlich postalisch ohne Patienten-Arzt-Kontakt beraten und gegebenenfalls behandelt zu werden.
  • Übermittlung von Befunden: Anfang des 20. Jahrhunderts sandte Kollege Einthoven seine nach ihm benannten EKG-Ableitungen telegrafisch weiter.
  • Versandhandel durch Apotheken: Bereits ab 1910 wurde Salvarsan als Medikament zur Behandlung der Syphilis direkt zum Patienten geschickt, ohne vorhergehenden Patienten-Arzt-Kontakt – übrigens zur Wahrung des Patientengeheimnisses, heute würden wir Datenschutz sagen.
  • Ausschließliche Fernbehandlung über Kommunikationsmedien: Seit 1931 durch Ärzte des Krankenhauses Cuxhaven über Seefunk mit Schiffen praktiziert, wo der Kapitän für die medizinische Versorgung zuständig war.

Bei vielen dieser Versorgungsformen hat die ärztliche Selbstverwaltung schon in der Vergangenheit Stellung bezogen, einen Abgleich mit der Berufsordnung vorgenommen, auf Gefahren hingewiesen und Entscheidungen dazu getroffen. Seit der grundsätzlichen Änderung unserer ärztlichen Berufsordnung zur ausschließlichen Fernberatung und Fernbehandlung im vergangenen Jahr ist es erwartungsgemäß zu einer Aufbruchstimmung gekommen, die immer wieder neue Fragen aufwirft. Die ärztliche Selbstverwaltung ist mit allen Partnern im Gesundheitswesen gefordert, Fehlentwicklungen aufzuzeigen, Anpassungen vorzunehmen, aktiv Versorgung zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen und sinnvolle Weiterentwicklungen voranzubringen – immer vor dem Hintergrund der Patientensicherheit im Zeitalter der digitalen Transformation und Globalisierung.
Um die besten Lösungen zu erreichen, brauchen wir eine transparente, ergebnisoffene Diskussion. Die ärztliche Selbstverwaltung ist die geeignete Institution, um diesen Diskurs zu ermöglichen: Demokratisch gewählte, ehrenamtliche Vertreter ihrer Profession, die den ärztlichen Alltag kennen und ausüben, sind am besten in der Lage, diese Debatten zu führen und mit ihren Entscheidungen die zukünftige medizinisch-ärztliche Versorgung positiv zu gestalten. Wir als Ärztekammer wollen diese Veränderungsprozesse in unseren Gremien und insbesondere in unserer Kammerversammlung aktiv begleiten, immer im demokratischen Ringen um die beste Entscheidung, wie es schon im hippokratischen Eid steht: Nach bestem Vermögen und Urteil. Die Themen sind zwar nicht immer neu, aber drängender und vielfältiger. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit, die wir prägen können und die die junge Arztgeneration auch prägen möchte – darauf freue ich mich!

Foto: Jörg Wohlfromm