Aktiv, ehrenamtlich engagiert, in der eigenen Wohnung zu Hause – es ist ein positives Bild vom Alter, das die Landesregierung in einem Bericht zeichnet, mit dem sich das Kieler Parlament im August befasste. Wie es den Älteren geht, wird immer wichtiger, denn ihre Zahl steigt: 2019 war rund ein Viertel der Bevölkerung in Schleswig-Holstein über 65 Jahre alt. 2050 werden es 37 Prozent sein, heißt es in dem Bericht. Der Anteil der Hochaltrigen über 85 Jahre wird dann drei Mal so hoch sein wie heute. Darauf muss sich auch die gesundheitliche Versorgung einstellen.
Zwar bleiben Ältere länger gesund und aktiv als frühere Generationen, dennoch steigt die Zahl der Krankheiten mit dem Alter: „85 Prozent aller Patienten in unserem Haus sind über 65 Jahre alt“, sagt Dr. Klaus Weil vom Malteser Krankenhaus St. Franziskus in Flensburg. In der Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation, die Weil leitet, liegt das Durchschnittsalter bei 82 Jahren – Tendenz steigend.

Die Politik reagiert darauf mit einem dreistufigen Konzept, das im Krankenhausplan von 2017 beschrieben ist. Ziel ist der „geriatrische Versorgungsverbund“, ein sektorenübergreifendes Netzwerk. „Angesichts des demografischen Wandels gewinnt die bedarfsgerechte Versorgung und Behandlung älterer Menschen an Bedeutung“, sagte Gesundheitsminister Dr. rer. pol. Heiner Garg (FPD) auf Anfrage. Das Konzept, das in der Akutversorgung geriatrischer Patienten zum Tragen komme, umfasse die stationäre, die teilstationäre und die ambulante geriatrisch-rehabilitative Versorgung (AGRV). „Damit stellen wir sicher, dass geriatrische Patientinnen und Patienten in Schleswig-Holstein angemessen, bedarfsgerecht und regional ausgeglichen versorgt werden können“, so Garg.
Der Plan wird stetig fortgeschrieben, denn die Bedarfszahlen für geriatrische Betten in Kliniken und Tageskliniken steigen. Aktuell warten an 20 Standorten 1.227 stationäre sowie 389 tagesklinische Betten auf Hochbetagte, teilte das Ministerium mit (siehe Info-Kasten). Im Jahr 2017, als der Krankenhausplan erstellt wurde, waren es noch 1.179 Klinikbetten. Die Planung für das Jahr 2022 sieht 1.301 Betten in den Krankenhäusern und 356 Plätze in den Tageskliniken vor.
Angewendet wird das sogenannte „fallabschließende Konzept„, bei dem nach der Akutbehandlung auch die Reha im Krankenhaus oder an einer angeschlossenen Tagesklinik folgt. Dieses Konzept findet sich außer in Schleswig-Holstein in den Stadtstaaten und in Hessen, so Weil. Ein Vorteil sei, dass „man bei Komplikationen nicht durch die ganze Stadt wieder ins Krankenhaus fahren“ müsse. Zudem sei es für die oft auch betagten Angehörigen einfacher, eine zentral gelegene Klinik zu erreichen statt eine Reha-Einrichtung im Umland. Auch dass die Abrechnung in der Hand eines Kostenträgers bleibe, vermeide Probleme.

Abgerechnet wird die geriatrische Reha in Schleswig-Holstein ausschließlich als Leistung der Krankenversicherung. Die Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck – am dortigen Krankenhaus Rotes Kreuz befindet sich Schleswig-Holsteins größte Geriatrie mit 164 Betten – beschreibt den Mindeststandard für die AGRV: „Mindestens zwei halbstündige Therapieeinheiten täglich durch mindestens zwei verschiedene Professionen.“ Auf der Homepage des Gesundheitsministeriums werden als Beispiele Bewegungsbad, Krankengymnastik oder Sprachtherapie genannt, die innerhalb von zwei oder drei Stunden absolviert werden. Für ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind, dass sie in die Klinik kommen können, gibt es darüber hinaus die ambulante mobile geriatrisch-rehabilitative Versorgung (MGRV). Dabei werden die Patienten bei sich zu Hause versorgt. Diese Maßnahme greift etwa bei immobilen oder kognitiv eingeschränkten Patienten.
Auch deren Zahl wächst, und ihre Versorgung im Krankenhaus ist schwierig. Allerdings arbeiten alle Kliniken daran, die Probleme zu verringern. Oft helfen bereits kleine Veränderungen wie ein klares Farbkonzept, durch das sich Verwirrte – Besucher und Beschäftigte übrigens auch – leichter zurechtfinden. Wichtig sind auch Schulungen für den Umgang mit Betroffenen für das gesamte Personal, also von der Ärzteschaft bis zu den Putzkräften. Mehrere Kliniken haben inzwischen eigene Stationen für von Demenz Betroffene, etwa die „Silvia-Station“ in Flensburg, die wie berichtet auf ein schwedisches Konzept und die Silviahemmet-Stiftung der schwedischen Königin zurückgehen. Zur besseren Versorgung der Betroffenen trägt auch bei, dass das Thema Demenz allmählich aus der Tabuzone kommt. So wurde in diesem Jahr der Welt-Alzheimer-Tag am 21. September in Schleswig-Holstein von einem Programm umrahmt, das nicht nur aus Vorträgen für ein Fachpublikum, sondern auch aus öffentlichen Veranstaltungen wie einem Filmabend bestand.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls nennt Verteilung und Zahl der geriatrischen Kliniken in Schleswig-Holstein ausreichend. Sie sieht ein anderes Problem: „Der weiße Fleck in Schleswig-Holstein heißt Kurzzeitpflege. Wir versprechen den Angehörigen, dass sie ein Recht auf Auszeit haben, aber bieten keine Plätze an. Das ist ein Riesenproblem.“
Die Kurzzeitpflege soll in Krisensituationen greifen, bis eine andere Lösung gefunden ist, sei es, um häusliche Pflege zu organisieren oder eben auch, wenn pflegende Angehörige ausfallen, etwa wegen eigener Krankheit. Heime täten sich aber schwer, Kurzzeitpflege-Plätze anzubieten, da sie personalaufwendiger und damit teurer seien, so Pauls. Das Land könnte finanziell einspringen – „aber die Regierung will nicht“, kritisierte die Abgeordnete. Am besten wäre aber eine Bundeslösung. Organisatorisch könnten Kurzzeitpflege-Plätze an Krankenhäuser angedockt werden, wenn sich keine anderen Träger fänden, schlägt Pauls vor.
Der Übergang zwischen den Systemen, zwischen stationär und ambulant sei entscheidend, sagt Weil: „Die Versorgung lebt und stirbt mit der Qualität der Zusammenarbeit.“ Aber es gibt Dauerbaustellen. So beklagt die Hausärzteschaft, dass Patienten zu früh und mit zu langen Medikamentenlisten aus der Klinik entlassen werden. Weil sieht ein Problem in der novellierten Weiterbildungsordnung, die für Allgemeinmediziner keine feste Zeit in der Geriatrie vorsieht. Stationen drohe der Verlust der Weiterbildungsgenehmigung, wenn zu wenige Nachwuchsärzte kämen. Die Folge sei, dass alterstypische Krankheiten wie Demenz zu spät diagnostiziert würden: „Immer noch gilt Tüdeligkeit als normale Alterserscheinung“, sagt Weil.

Michael Sturm vom Hausärzteverband Schleswig-Holstein kontert: „Was bringt eine frühere Diagnose bei einer Krankheit, die wir nicht heilen können?“ Er sieht wenig Veränderungen, „schon gar nicht zum Besseren“, bei der Versorgung geriatrischer Patienten: „Sicher gibt es viele Ideen und Konzepte, in der Fläche und in den Praxen merken wir aber wenig davon.“ So kämen Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt in die Praxis mit einer Liste von Behandlungen, die eigentlich in der Klinik hätten erledigt werden können. Zudem gebe es Drehtüreffekte, weil die Älteren zu früh oder nicht vollständig geheilt entlassen würden oder weil eine neue Krankheit auftritt.
Einige wären vermeid- oder zumindest aufschiebbar: Prävention ist ein weiterer  Baustein der Versorgung. Minister Garg nennt neben weiteren Angeboten für kognitiv Erkrankte die „Anpassungen im häuslichen Umfeld“ als ein Instrument. So wird zurzeit in Lübeck der „präventive Hausbesuch“ getestet, für den sich die SPD im Parlament stark gemacht hatte. Dabei kommt eine Fachkraft in die Wohnung und berät. Oft geht es um Kleinigkeiten, etwa darum, einen Teppich wegzunehmen, der zur Stolperfalle für alte Beine werden kann.

Im Idealfall sollten sich multiprofessionelle Teams um die Älteren kümmern – etwas, das aus Sicht der Hausärzte zwar gut klinge, aber zeitlich nicht zu bewerkstelligen sei, glaubt Sturm. Er sieht für viele Probleme der Hochaltrigen eine pragmatische Lösung: Mehrgenerationenhäuser, Wohngemeinschaften aus Alt und Jung oder andere Wohnformen, die zu sozialen Kontakten führen: „Mehr Gemeinsamkeiten, auch mal Streiten, das hilft mehr als Tabletten.“ Da ist der Hausarzt mit dem Kliniker Weil einig: „Es gilt, die Lebensqualität zu erhalten und die Pflegephase auf eine kurze Spanne zu komprimieren.“

Text: Esther Geisslinger
Foto: Malteser Krankenhaus