Frau Mühlhausen, in Ihren Forschungsbeiträgen wagen Sie einen Blick in die Zukunft. Das klingt eingangs phantastisch. Wie funktioniert das und wie aussagekräftig sind Ergebnisse der Forschung?
Mühlhausen:
Die Trendforschung versucht Dinge, die im Hier und Jetzt passieren in die Zukunft zu transferieren. Ich untersuche welche Auswirkungen von Systemveränderungen sich auf den Einzelnen ergeben. Ich nehme bei meinen Forschungsbeiträgen also eine individuumzentrierte Perspektive ein. Mich interessiert dann etwa, wie sich Veränderungen im Gesundheitswesen auf die Bedürfnisse des Patienten auswirken. Hierbei wird die Nähe der Trendforschung zur Marktforschung offensichtlich.

Welche aktuellen Trends erkennen Sie im derzeitigen Gesundheitswesen?
Mühlhausen
: Trends, die wir heute erkennen, kommen nicht aus dem Nichts. Alles ist im Fluss. Schauen wir uns die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen in den vergangen Jahrzehnten an, werden wir feststellen, dass mehrere Themen dominant waren und sich gegenseitig bedingt haben. Zum Beispiel das wachsendeBewusstsein für gesundheitliche Themen des Patienten und die Ökonomisierung des Gesundheitswesens.

Wie passen diese beiden Themen zusammen?
Mühlhausen
: In den 80er und 90er Jahren noch eine gewisse Vollkaskomentalität, in der nicht aufs Geld geachtet wurde und keine Rede von Reglementierung oder Privatisierung war, hat man irgendwann gemerkt, dass das Geld nicht mehr reichte. Kosten und Verantwortung wurden teilweise auf den Patienten verlagert und Fallpauschalen wurden eingeführt. Ab diesem Zeitpunkt ging es jedoch nur noch in eine Richtung: Gewinnmaximierung. Das ganze System wurde über die Jahre immer weiter zurecht gestutzt.
Die Rolle des Patienten hat sich im gleichen Zeitraum enorm verändert. Krankwerden wurde vom Patienten als eine Laune des Schicksals verstanden. Bei der Behandlung von Krankheiten oder anderen Leiden hatte der einzelne Nichtmediziner nicht mitzureden, war das Gesundheitswesen zu dieser Zeit noch sehr hierarchisch aufgebaut. Das Aufkommen von Wellnessbewegungen brachte dann schrittweise ein Bewusstsein für die eigene Gesundheit bei den Patienten hervor. Der Einzelne merkte, dass ihm bestimmte Behandlungen, die er sich selbst aussuchte und zahlte, für sein Wohlbefinden förderlich waren. Der Patient konnte plötzlich mitbestimmen, welche Behandlung er möchte. Das war eine neu erlangte Freiheit für den Patienten. Nach und nach entwickelten sich neue Trends, etwa die Selbstoptimierung und zuletzt die Achtsamkeit.

Wenn das System also abgebaut wird, erlangt der Einzelne mehr Entscheidungsfreiheiten. Je weniger System desto besser?
Mühlhausen
: Nein, nicht zwangsläufig. Der Mensch neigt dazu zu übertreiben. Neue Freiheiten werden oft extrem ausgelebt. Erst nach einer gewissen Zeit rudert er zurück zu einer gemäßigten Form. Der Gedanke seinen Körper selbstoptimieren zu können, wenn man nur in sich investierte, führte dazu, dass Menschen immer höher, schneller, weiter wollten. Stress beim Entspannen war das Ergebnis. Auch im Gesundheitssystem führte die Gewinnmaximierung zu gewissen Auswüchsen. Klar, ein System muss sich finanzieren können, Gewinne, die nicht wieder in das Gesundheitssystem refinanziert werden, sollte es aber nicht geben. Und über die Auswirkungen auf der Individualebene von Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, haben wir noch nicht gesprochen. Denn die Gewinnmaximierung hat gerade in den deutschen Kliniken starke negative Veränderungen bewirkt. Immer weniger Angestellte bei gleichzeitig zunehmenden Patientenzahlen und immer kürzeren Klinikaufenthalten. Vor einigen Monaten wurde noch darüber diskutiert, ob man deutschlandweit nicht auf mehrere Hundert Kliniken verzichten könne, um ein effizienteres Gesundheitswesen zu schaffen. Die aktuelle Coronakrise hat die zunehmende Ökonomisierung vorerst gestoppt und gibt den Akteuren so Zeit bekannte Entwicklungen neu zu verhandeln.

Wie passt die ärztliche Selbstverwaltung in dieses Gefüge?
Mühlhausen
: Die Rolle der ärztlichen Selbstverwaltung ist gigantisch. Für den einzelnen Arzt ist es nicht möglich, jede einzelne Forderungen an das politische System zu äußern oder im Namen aller anderen Ärzte vertreten zu können. Bei den grundlegenden Entwicklungen, die das Gesundheitssystem zurzeit erlebt, muss sich eine Ärztekammer als Moderator und Mediator verstehen. Außerdem muss sie selber heiße Eisen anfassen. Dabei muss sie den ganzheitlichen Blick auf das gesamte System behalten. Die aktuellen Veränderungen betreffen viele, wenn nicht alle Bereiche des Gesundheitssystems und ihre Akteure, Patienten, Therapeuten, Pflegekräfte. Sie alle müssen in die Betrachtung und Beurteilung des Gesundheitswesens miteingeschlossen werden. Das Thema Gesundheit kann nur ganzheitlich betrachtet werden.
Gleichzeitig darf der einzelne Arzt nicht aus dem Auge verloren werden. Eine starke Interessenvertretung ist wichtiger denn je. Die angesprochene Ökonomisierung hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark auf die Arbeitsbedingungen der im Gesundheitswesen tätigen Menschen ausgewirkt. Eine Ärztekammer muss sich hier gegenüber der Politik stark positionieren und auf die Bedürfnisse der Mitglieder hinweisen.

Sie haben eben die Coronakrise als neuen Startpunkt für die Diskussion bekannter Probleme im Gesundheitswesen markiert. Welche Chance schreiben Sie der Krise zu?
Mühlhausen
: Zukunfts- und Trendforscher versuchen den kritischen Optimismus walten zu lassen. Denn Krisen und Veränderungen bergen durchaus Chancen, die wir aufzeigen möchten. Für Zukunftsforscher wie mich, stehen nun neue Fragen im Raum: Wie wird es in den nächsten Jahren weitergehen? Wird Corona dazu führen, dass Menschen ihre Präventionsbemühungen intensivieren? Was passiert mit meinen Daten? Bin ich nach den Entwicklungen der vergangenen Wochen eher bereit meine Daten preis zu geben, weil ich gute Erfahrungen mit den digitalen Angeboten im Gesundheitswesen gemacht habe? In gewisser Weise ist Corona ein Reset-Knopf. Nicht nur wurden bestehende Entwicklungen gestoppt. Sie wurden viel eher auf Null gesetzt und müssen nun unter einer neuen Perspektive verhandelt werden. Für die ärztlichen Institutionen wie der Ärztekammer ergeben sich hieraus daher neue und alte Aufgaben zugleich. Themen wie Ökonomisierung, Datenschutz und Patientenwohl bleiben und müssen unter Corona neu betrachtet werden. Neue Akteure werden künftig dazu kommen und neue Ansprüche an das System stellen.

Vielen Dank für das Gespräch.
(Interview: Stephan Göhrmann/ Foto: Privat)