Für manche Beobachter ist der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) so etwas wie das „Stiefkind“ im Gesundheitswesen: wenig beachtet und schlechter ausgestattet als die „Geschwister“ in den Krankenhäusern und Arztpraxen. Tatsächlich kritisieren viele Ärzte im ÖGD selbst, dass sie zu wenig Kollegen zur Unterstützung haben und die Bezahlung weniger attraktiv ist als in anderen Bereichen des Gesundheitswesens. Wie wichtig diese Aufgaben sind, war Mitte April trotz der gestiegenen Aufmerksamkeit längst noch nicht bei jedem Politiker angekommen. Zumindest sah sich der Verband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes der Länder in einem Offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, zu einer Erläuterung der ÖGD-Arbeit genötigt, als dieser bei einer Würdigung der „stillen Helden“ zwar Müllentsorger, Feuerwehrleute, Busfahrer und auch Ärzte aus vielen Bereichen des Gesundheitswesens hervorhob, die Ärzte im ÖGD aber schlicht vergaß. „Wir sind diejenigen, die einen großen Anteil der Arbeit leisten, damit möglichst wenige Menschen überhaupt stationär behandelt werden müssen. Wir ringen jeden Tag darum, dass Ärzte und Pflegepersonal in den Krankenhäusern nicht hauptsächlich COVID-19-Patienten versorgen müssen. Wir kämpfen darum, dass Patientenzahlen nicht in einem Ausmaß ansteigen, dass die vorhandenen Kapazitäten an Intensivbetten und Beatmungsplätzen nicht mehr ausreichen“, erinnerten sie den Politiker an ihre Aufgabe. Sie fassten am Ende des Briefes zusammen, was wohl viele ihrer Kollegen denken: „Ohne uns würden wesentliche Bereiche dieses Systems gar nicht funktionieren. Möglicherweise haben Sie uns auch einfach übersehen. Wir möchten aber nicht mehr übersehen werden!“

Einige Signale deuten darauf hin, dass das tatsächlich nicht mehr passiert. Mit der Coronakrise ist auch die Arbeit des ÖGD stärker in den Blickpunkt gerückt. Ein Beispiel ist die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kurz nach dem Offenen Brief an Müller, wonach die rund 400 Gesundheitsämter in Deutschland jeweils 150.000 Euro für einen „Digitalisierungsschub“ erhalten sollen. Davon verspricht sich Spahn u. a. kürzere Meldewege zwischen den Ämtern und dem Robert Koch-Institut. 

Solche politischen Signale verfolgt auch Dr. Maria Kusserow mit Interesse. Die Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen leitet den Fachdienst Gesundheit des Kreises Ostholstein in Eutin schon seit 1998. Derzeit registriert sie deutlich steigende Aufmerksamkeit für ihre und die Arbeit ihrer Kollegen im Vergleich zu früheren Zeiten. Das gilt nicht nur für die Gesundheitspolitik, sondern auch für die Bevölkerung. „Die Menschen wissen, dass sie bei uns kompetente Auskunft erhalten, und fragen deshalb nach bei uns. Und wir sind für die Bürger da“, berichtet Kusserow. 

Das ist umso bedeutsamer, als viele Aufgaben des ÖGD beim Infektionsschutz, wie etwa das Nachverfolgen von Kontaktpersonen infizierter Menschen, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit vollzogen werden, zugleich aber Routineaufgaben in anderen Bereichen zurückgefahren oder zeitweilig ganz eingestellt werden müssen. Die Nachverfolgung der Kontaktwege gehört zu den unverzichtbaren Aufgaben, um möglicherweise infizierte Menschen ausfindig zu machen. Beim Fachdienst Gesundheit machen dies hauptsächlich die Hygienekontrolleure. Positiv getestete Menschen werden vom Amt aus angerufen und nach ihrem persönlichen Zustand befragt. So kann schnell über neue Maßnahmen entschieden werden, falls sich der Gesundheitszustand ändert. Zugleich werden von den Patienten alle Personen abgefragt, die bis zwei Tage vor Beginn der Symptome mit den Infizierten Kontakt hatten. Auch sie werden täglich angerufen und nach ihrem Gesundheitszustand befragt. Über die Isolierung dieser Menschen entscheidet das Amt nach den Vorgaben des RKI. Eine wichtige Rolle spielt dabei u. a., ob jemand länger als 15 Minuten im direkten Kontakt mit dem Infizierten stand. Aber auch die Berufe der Infizierten entscheiden mit darüber, welche Quarantänemaßnahmen für die Kontaktpersonen ergriffen werden. 

Die zeitaufwendige Arbeit geht zulasten anderer Aufgaben. Schuleingangsuntersuchungen etwa finden derzeit nicht statt, auch amtsärztliche Gutachten oder Hygienebegehungen gibt es derzeit nicht – die Mitarbeiter Kusserows konzentrieren sich ausschließlich auf den Infektionsschutz. Einzige Ausnahme ist der sozialpsychiatrische Dienst des Fachdienstes, der nicht eingestellt werden kann. Erschwerend kommt hinzu, dass die Amtsarbeit derzeit ausschließlich über das Telefon erfolgt. Besucherverkehr im Amt findet nicht statt und Außentermine für die Mitarbeiter sind nicht gestattet, damit sich möglichst wenige anstecken und möglichst alle arbeitsfähig bleiben. 

Die Fokussierung auf den Infektionsschutz ist aus Sicht Kusserows zwar erforderlich, aber wenig abwechslungsreich. „Fachärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst haben ein breites und interessantes Aufgabenspektrum“, verweist sie auf die in der Regel vielfältige – und von manchen unterschätzte – Tätigkeit im ÖGD. Kusserow hofft aber noch aus einem zweiten Grund, dass die anderen Aufgaben nicht allzu lange brach liegen müssen: Wenn der ÖGD dazu wegen Corona personell nicht in der Lage ist, werden die zurückgefahrenen Aufgaben mittelfristig von anderen Anbietern, etwa von niedergelassenen Ärzten übernommen werden, wie dies in anderen Bundesländern zum Teil bereits erfolgt ist. So weit ist es aber noch nicht. Kusserow wünscht sich, dass jedes Gesundheitsamt aufgrund der individuellen Lage vor Ort und unter Berücksichtigung der Ressourcen im jeweiligen Kreis entscheiden kann, wann es die zurückgefahrenen Aufgaben wieder abdecken kann. 

Die Ressourcen in ihrem Amt hält sie keineswegs für gering, wie es die öffentliche Diskussion vielleicht erwarten lässt. Die Amtsleiterin hat sich zwar selbst zu Beginn ihrer Tätigkeit in Ostholstein einen überdimensionalen Rotstift angeschafft und als ständige Mahnung im Büro liegen – ihr Kreis hat diesen im Gesundheitsamt aber keineswegs angesetzt. So stieg etwa ihr Personalbestand seit ihrem Amtsantritt von 36 auf 75, darunter 15 Ärzte. Berücksichtigt werden muss dabei zwar, dass heute mehr Teilzeitkräfte beschäftigt sind und die Aufgaben zugenommen haben. Die vielerorts berechtigte Kritik wegen Einsparungen hört man von Kusserow aber nicht: „Unser Landrat schätzt die Arbeit seines Gesundheitsamtes sehr, notwendige Stellen wurden stets anerkannt und vom Kreistag bereitgestellt.“
Text/Foto: Dirk Schnack