Laut Umfragen wird sich eine Mehrheit der Deutschen gegen Corona impfen lassen, sobald ein Impfstoff verfügbar ist und sie nach der Prioritätenliste an der Reihe wären. Die Ärzte in Schleswig-Holstein wiederum haben gezeigt, dass es nicht an Ärzten mangeln wird, die die Patienten in den Impfzentren aufklären und bei Bedarf auch selbst impfen werden. Mitte Dezember hatte die Zahl der Ärzte im Land, die für Sonderdienste in einem der landesweit 29 Impfzentren oder in einer mobilen Einheit bereit wären, fast 3.000 erreicht. Damit lag Schleswig-Holstein deutlich über anderen Bundesländern mit einer zum Teil weitaus größeren Zahl an Ärzten. Über die Unterstützung seiner Kollegen freute sich auch der Impfkoordinator in Neumünster, Dr. Johannes Kandzorra, als er Mitte Dezember mit Sebastian Auch von den Holstenhallen in Neumünster das betriebsbereite Impfzentrum inspizierte. 200 Menschen sollen sich in Neumünster täglich pro Impfstraße impfen lassen können, bis zu vier Impfstraßen sind möglich. Auch hier werden Ärzte täglich im Einsatz sein, hauptsächlich für die Aufklärung der Patienten.

Wie aber halten es die Ärzte, wenn sie selbst geimpft werden sollen – gehen sie mit gutem Beispiel voran? Kandzorra gehört zu den Ärzten, die sich impfen lassen wollen. Nachfragen bei weiteren Ärzten in ausgewählten Kliniken und Praxen sowie bei einem Gesundheitsamt zeigen, dass dies für viele seiner Kollegen zutrifft. Sie bemühen sich außerdem, über die Impfung zu informieren und mit Argumenten zu überzeugen. Kandzorra stellt aber auch klar: „Ich werde niemanden überreden.“ Wenn vom Personal in seiner Praxis jemand zunächst abwarten möchte, werde dies akzeptiert.

Im Kieler Praxisnetz wird sich eine große Mehrheit der Ärzte impfen lassen. Darauf lässt eine Umfrage schließen, die das Netz auf eine Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes kurzfristig gestartet hatte. Von den 29 Praxen, die auf die sehr kurzfristige Bitte antworteten, wollen sich 26 impfen lassen. Nur in zwei Praxen wird dies abgelehnt, in einer herrscht noch Unklarheit. Ein typischer Kommentar der Befürworter im Kieler Praxisnetz: „Das Risiko einer Erkrankung ist deutlich höher als ein mögliches Risiko Impfung.“ Eine andere Ärztin schrieb: „An der Technik des mRNA-Impfstoffs wird seit Jahren geforscht – man weiß, dass sie funktioniert. Wir werden die Pandemie ohne breitflächige Impfung nicht in den Griff bekommen.“

Auch die Netzvorsitzende Doris Scharrel selbst wird sich gegen Corona impfen lassen – „aus der Überzeugung, dass Impfung die einzig sinnvolle Prävention ist“. Auch als Vorsitzende des Landesverbandes der Frauenärzte fragte Scharrel nach: Das Ergebnis im Verband fiel ähnlich aus. Von 41 antwortenden Frauenärzten wollen sich 37 impfen lassen, drei sind noch unentschieden. Ein typischer Kommentar aus den Praxen: „Es gibt nichts Besseres als Prävention: Impfungen schützen.“ Eine ablehnende Haltung zur Impfung hörte das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt auch sonst in keinem der befragten Krankenhäuser und Praxen. Das heißt nicht, dass sich jeder Arzt in Schleswig-Holstein impfen lassen wird. Das war angesichts der im vergangenen Jahr auch unter Medizinern geführten Diskussion auch nicht zu erwarten. Das räumen auch Klinikchefs, die sich selbst impfen lassen, ein.

  „Nein, es sind nicht alle dafür“, sagt etwa PD Dr. Andrea Pace. Für den Chefarzt für Gastroenterologie am Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) in Neumünster ist es nur natürlich, dass auch unter Klinikmitarbeitern Unsicherheiten und Vorbehalte existieren. Er spricht von einer „ganz persönlichen Entscheidung“ und hält es für falsch, in dieser Frage Druck auf Mitarbeiter aufzubauen. Mögliche Unsicherheiten führt er hauptsächlich darauf zurück, dass zum Zeitpunkt der Anfrage noch die Auswertung der Zulassungsstudie ausstand und dass es sich um einen neuen Impfstoff handelt. Pace, der auch Mitglied der Krankenhausleitung am FEK ist, erwartet aber, dass nach Vorliegen der Daten Unsicherheiten weiter abgebaut werden können.

Gleichwohl findet es Pace wichtig, „als Führungskraft mit gutem Vorbild voranzugehen“. Ihn persönlich überzeugt, dass bei den bislang veröffentlichten Daten noch keine ernsthaften Nebenwirkungen beschrieben wurden und das bisherige Ausmaß dem entspricht, was auch von anderen Impfstoffen bekannt ist. „Darüber hinaus erscheint eine Immunität von 95 Prozent sehr gut“, stellte Pace fest. Unter den Patienten am FEK ist laut Pace die nach der Sicherheit des neuen Impfstoffs die am häufigsten gestellte Frage, außerdem fragen sie die Mitarbeiter nach deren Einschätzung, wann wer geimpft werden könnte.

 Prof. Andreas Kieback, Ärztlicher Direktor an der Diako in Flensburg und Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, sagte auf Nachfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes: „Ich lasse mich zum nächstmöglichen Zeitpunkt selbst impfen.“ Er ist sicher, dass der in Deutschland erarbeitete und mit amerikanischen Partnern massenproduzierte Impfstoff „rigoros getestet“ und deshalb von beiden Zulassungsbehörden freigegeben wurde. „Diese extrem strengen Testkriterien werden auch auf alle weiteren Impfstoffe angewendet werden, die dann erst hier auf den Markt kommen dürfen. Es bestehen für mich daher keinerlei Sicherheitsbedenken“, sagt Kieback. Für ihn ist die Impfung „die einzige Möglichkeit, sich selbst zu schützen und eine durch die eigene Person hervorgerufene Gefährdung seiner Mitmenschen zuverlässig zu vermeiden“. Nur mithilfe der Impfung, ist Kieback überzeugt, „kann es uns gelingen, der Pandemie Herr zu werden und weitere Opfer zu vermeiden“.

Viel Überzeugungsarbeit muss Kieback unter den Mitarbeitern seines Teams nicht leisten. Nach seinen Angaben gibt es nur einen Kollegen, der die Impfung verweigert. Zwei stillende Kolleginnen, die ansonsten für die Impfung sind, verzichten vorerst. Kieback schätzt, dass sich mehr als 80 Prozent seines Teams impfen lassen werden. Das ist eine Information, die für Patienten wertvoll ist: Sie fragen die Ärzte in der Diako, wie sie zur Impfung stehen und vor allem, ob sie sich selbst impfen lassen. Kieback hat sich auch für die Tätigkeit in einem Impfzentrum registrieren lassen. Das allerdings hält er nur für eine Zwischenlösung. Er würde es begrüßen, wenn die niedergelassenen Kollegen die Impfungen in den Praxen durchführen könnten und diese damit schon bald wie die Grippe-Impfung zur Routine gehört.

 „Selbstverständlich“, antwortet Prof. Daniela Berg aus dem UKSH in Kiel auf die Frage, ob sie sich impfen lassen wird. Dies sei sie nicht nur der eigenen und der Sicherheit ihrer Familie schuldig, betont Berg, sondern auch ihren Kollegen und Patienten. Die Klinikchefin in der Kieler Neurologie sieht in der Impfung „die einzige Möglichkeit, die Pandemie in einem zeitlichen Rahmen zu durchbrechen, der dringend eingehalten werden sollte, um noch größeres Leid zu verhindern“. Ihre Überzeugung teilen nach ihrer Wahrnehmung die meisten Mitarbeiter, mit denen sie bislang über das Thema gesprochen hat. „Natürlich gibt es auch Fragen, gerade bei Personal, das im Arbeitsalltag weniger mit medizinischem Fachwissen konfrontiert ist. Und diese Fragen sind berechtigt und müssen verständlich adressiert werden“, sagt Berg. Auch sie bestätigt: Immer wieder wird die Frage nach der Sicherheit des Impfstoffs gestellt. Ihr Vertrauen stützt Berg auf folgende Punkte, die z. T. zuvor auch schon von Experten öffentlich genannt worden waren:

  1. Die Forscher mussten nicht bei Null anfangen, weil auf die bei anderen Viruserkrankungen gewonnenen Erkenntnisse aufgebaut werden konnte. Insbesondere in die Entwicklung von RNS-Impfstoffen sei seit Jahren investiert worden.
  2. Es gab erstmals die Möglichkeit, die Wirksamkeit einer Impfung weltweit in der Bevölkerung zu testen.
  3. Es gab ein beschleunigtes Verfahren, mit dem die Zulassungsbehörden die Studienergebnisse fortlaufend prüfen konnten und damit nicht warten mussten, bis alle Studienphasen durchlaufen waren und alle Ergebnisse vorlagen.

„Für mich sind diese Argumente sehr überzeugend und ich halte es für wichtig, Menschen, die verunsichert sind, in diesem Sinne aufzuklären“, sagt Berg. Ihre Patienten interessiert besonders, ob sie sich bei Immunsuppression impfen lassen können, ob die Impfung den Zustand ihrer Grunderkrankung beeinträchtigen kann und wie sie erfahren, wann und wo sie an der Reihe sind.

Für die Impfung entscheidet sich auch Internist Prof. Thomas Herrmann, Chefarzt der Medizinischen Klinik 1 am WKK Heide. Er sieht sich in der Pflicht, mithilfe der Impfung leistungsfähig zu bleiben, und hofft zugleich, mit der Impfung das Risiko einer potenziellen Infektion anderer Menschen durch seine Person reduzieren zu können, „auch wenn noch nicht gezeigt ist, dass eine Impfung das Risiko einer Virusübertragung auf andere reduziert“. Ihn überzeugen Stellungnahmen der Gesellschaft für Virologie und der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, wonach Impfungen für den Schutz des Einzelnen und einer ganzen Bevölkerung vermutlich die effektivste Errungenschaft der Medizin sind. „Nur durch die Entwicklung und Anwendung eines Impfstoffs lassen sich Krankheiten und Todesfälle durch bekannte und neue Krankheitserreger wie SARS-CoV-2 nachhaltig vermeiden“, sagt Herrmann. In seiner Klinik in Heide hört er wenig Vorbehalte, die Bereitschaft zur Impfung unter dem WKK-Personal gibt er mit 70 Prozent an. Zur Information über die Impfung stellt das Westküstenklinikum seinen Mitarbeitern einen Film zur Verfügung. Von den Patienten gab es nach seinen Angaben bis Mitte Dezember erst wenige Nachfragen, meist dazu, ob er sich selbst impfen lässt.

 Auch die Leiterin des Fachdienstes Gesundheit im Kreis Ostholstein, Dr. Maria Kusserow, wird sich „auf jeden Fall“ impfen lassen. „Ich vertraue den deutschen Behörden, was die Zulassung und Prüfung der Impfstoffe gegen Corona angeht“, sagt Kusserow. Seit sie 1995 mit einer schweren Grippeerkrankung stationär behandelt werden musste, lässt sie sich auch regelmäßig gegen Influenza impfen. In ihrem Fachdienst werben die Ärzte bei den anderen Mitarbeitern für die Impfung gegen Corona. Die Haltung der Mitarbeiter insgesamt schätzt sie ähnlich ein wie im Bevölkerungsdurchschnitt – es gibt auch Vorbehalte, aber überwiegend Zustimmung.

 Dr. Thomas Maurer, Hausärztechef in Schleswig-Holstein und niedergelassen in Leck, verweist in seinen Antworten ausdrücklich auf den Vorbehalt, dass zum Zeitpunkt der Abfrage Mitte Dezember vieles noch nicht geklärt war: Welche Impfstoffe wann zugelassen werden, welche Anwendungseinschränkungen und welche Kontraindikationen bei der Zulassung ausgerufen werden. Er findet es aber „großartig, dass wir so schnell einen Impfstoff entwickelt haben“. Maurer selbst will sich impfen lassen, denn: „Wir können nicht schnelle Hilfe fordern und dann beklagen, dass noch nicht fünf Jahre Erfahrung vorliegen.“ In seinem Team will sich mehr als die Hälfte impfen lassen, die anderen waren Mitte Dezember noch unentschieden. Eine Beeinflussung durch die Praxischefs findet ganz bewusst nicht statt. Patienten fragen in der Praxis kaum nach Nebenwirkungen und Risiken: „Da haben die Patienten gut verstanden, dass sowieso niemand in die Zukunft schauen kann. Aber ganz viele Patienten fragen, ob sie denn zur Risikogruppe gehören und wie sie dann an einen Impftermin kommen. Das ist für die Patienten, die sich impfen lassen wollen, ein hochemotionales Thema“, sagt Maurer. Er hofft, dass die Impfungen schnell aus den Zentren in die Praxen verlagert werden können: „Impfen gehört in die Hausarztpraxis, alles andere ist eine Notlösung.“

Als Chef des Hausärzteverbandes gibt Maurer seinen Kollegen keine Empfehlung: „Die Impfentscheidung ist immer individuell. Und in diesem Fall ist es eine Entscheidung unter Unsicherheit. Da werde ich mir keine allgemeine Empfehlung an unsere Mitglieder anmaßen“, sagt Maurer, der auch einräumt: „Indirekt ist die offen kommunizierte eigene Entscheidung zur Impfung auch eine Empfehlung.“ Die Haltung pro Impfung schätzt er unter den Hausärzten im Land auf 70 Prozent, also vergleichbar mit der Haltung in der Bevölkerung. „Die Angst, Nebenwirkungen würden aus wirtschaftlichen Gründen verschwiegen, gibt es auch unter Medizinern. Und immer wieder wird der „unabhängige Experte“ gefordert, wobei keiner sagen kann, wer das denn sein soll und was ihn konkret als unabhängig und besonders „expertig“ qualifizieren soll.“

Dr. Ralf van Heek, Vorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte in Schleswig-Holstein, lässt sich genauso wie seine Kollegen in der Praxis impfen: „Weil wir einfach helfen wollen, die Pandemie zu beenden, und weil Versuchspersonen für die Phase gebraucht werden, weil wir uns selbst und alte Angehörige schützen wollen.“ Beim übrigen Praxispersonal ist die Meinung heterogen, van Heek erwartet aber, dass sich dies im Lauf der weiteren Entwicklung in Richtung überwiegende Zustimmung ändern wird. Von den Eltern seiner Patienten kamen bis Mitte Dezember keine Fragen. Wenn es möglich wird, hält er die Impfung in den Praxen für sinnvoll. Eine offizielle bundesweite Verbandsempfehlung an die Mitglieder erwartet van Heek nach Zulassung und Impfvereinbarung. Und im eigenen Landesverband? Hier hält van Heek eine gesonderte Empfehlung für überflüssig, denn: „Die allermeisten Mitglieder sind überzeugte Follower der STIKO.“ Er erwartet, dass sich mehr als 90 Prozent der Mitglieder impfen lassen werden.

Dr. rer. nat. Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Laborärzte (BDL) und niedergelassen in Lübeck, wird sich „selbstverständlich“ impfen lassen und setzt auf einen Termin möglichst schon im Januar. „Ich hoffe immer noch, dass das medizinische Personal ganz vorne mit dabei sein wird“, sagt Bobrowski. Er hält die Vorbildfunktion der Ärzte bei dieser Frage für wichtig und stellt klar: „Je mehr Kollegen sich selbst impfen lassen, um so glaubwürdiger können wir diese Schutzmaßnahme gegenüber der Bevölkerung und möglichen Impfgegnern vertreten.“
Bobrowski verweist auf Impfungen als „eine der größten Errungenschaften in der modernen Medizin“ und sagt: „Im Fall der Covid-19-Impfung kommt noch hinzu, dass mit dem m-RNA Impfstoff ein völlig neues Impfprinzip erstmalig zur Anwendung kommt, dem wir alle zum Durchbruch verhelfen sollten.“ Bobrowski hofft, alle Mitarbeiter in seiner Praxis von einer Impfung überzeugen zu können, sagt aber auch: „Eine Impfpflicht, auch eine indirekte, lehne ich ab.“ Als Leiter der Lübecker Kreisstelle bringt er sich in die Vorbereitungen vor Ort ein und hat sich auch als impfender Arzt gemeldet. Mittelfristig hofft er, dass die Impfungen in den Praxen durchgeführt werden können: „Weil man hier die Patienten wesentlich besser kennt und von der Notwendigkeit einer Impfung überzeugen kann.“

Text: Dirk Schnack/Foto: Adobe Stock Studio Romantic