Herr Professor Stephani, Ende März werden Sie als Dekan der Medizinischen Fakultät Kiel verabschiedet – übernehmen Sie neue Aufgaben?
Prof. Ulrich Stephani:
Ich trete zum 1. April meinen Ruhestand an. Es sind verschiedene, unter anderem ehrenamtliche berufsnahe Tätigkeiten absehbar und denkbar. 

2012 wurden Sie zum Prodekan gewählt, 2013 zum Dekan, 2018 dann ins Hauptamt. Was waren für Sie die prägenden Momente dieser Jahre?
Stephani:
Für einen Dekan ist die Berufungspolitik eine der zentralen Aufgaben. Die richtigen Personen zu finden, ist spannend, weil man Menschen kennenlernt, die in ihrem jeweiligen Gebiet neuste Erkenntnisse vertreten.

Es hat sich aber auch vieles an der Universität geändert in diesen Jahren?
Stephani:
Ja, wir haben eine stärkere Schwerpunktsetzung und neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Instituten und Fakultäten erlebt. Dieses übergreifende Zusammenwirken war für mich eine große Freude, ich habe sehr viel gelernt. 

Sie haben bei Ihrer Wahl als wichtigsten Punkt die Balance zwischen Forschung, Lehre, Patientenversorgung genannt – wie gut gelingt das?
Stephani:
Diese drei Faktoren zu balancieren, bedeutet tägliche Disziplin. Informationsaustausch und Kooperation sind besser geworden. Berücksichtigt werden muss, dass das UKSH ein Konzern mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz ist und beide Fakultäten zusammen rund 140 Millionen an Steuergeldern erhalten. Das UKSH ist aber nur deshalb Universitätsklinik, weil es Forschung und Lehre an den Fakultäten gibt.

Pflegekräfte am UKSH warnen vor Überlastung, auch Ärzte klagen über Stress und Burnout. Was läuft schief im Beruf, und kann in der Ausbildung etwas getan werden, um dem entgegenzuwirken?
Stephani:
Ich hätte fast spontan nein gesagt. Wir haben veränderte Abläufe, eine enorme Arbeitsverdichtung. Früher ging der Chefarzt mit zehn Personen über die Station, heute kann er sich freuen, wenn der Stationsarzt und eine Schwester bei der Visite dabei sind, seine Anweisungen schreibt er selbst auf. Ärzteschaft und Pflegekräfte haben umfangreiche Dokumentationspflichten zu erfüllen, es gibt immer mehr Bürokratie, z. B. bei der Aufklärung über medizinische Maßnahmen. Die Komplexität wächst. Das ist zum Teil sinnvoll, bindet aber Ressourcen. Die Ausbildung der Mediziner, besonders die Trennung von Vorklinik und Klinik, wird immer wieder kritisiert, aber für den ärztlichen Berufsalltag spielt das kaum eine Rolle. Der Belastungsgrad lässt sich meines Erachtens nur über Organisationsänderungen vermindern: Welche Aufgaben können Ärzteschaft und Pflegende gut leisten, was können andere machen? Wir müssen diesen Mix neu definieren. 

Welche Aufgaben hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger, was steht in den kommenden Monaten und Jahren an?
Stephani:
Medizin ist permanent im Fluss; wir erwarten, die Medizin für jeden Patienten maßschneidern und neue Therapien einführen zu können. Schon heute sind Verfahren etwa in der Bildgebung möglich, die zu meiner Studienzeit als Science-Fiction galten. Das Thema Präzisionsmedizin wird mein Nachfolger, Professor Joachim Thiery, vorantreiben. Er ist ein sehr erfahrener Mediziner, der bisher Dekan in Leipzig war.

Sie selbst waren bis zur Ernennung zum hauptamtlichen Dekan Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, der Neuropädiatrie. Haben Sie die Arbeit dort vermisst? 
Stephani:
Ja. Ich strebte nicht an, Dekan zu werden. Es gab aber eine Situation in der Fakultät, wo Brücken gebaut werden mussten; die Fakultät traute mir das zu. Vom Werdegang her bin ich Kinderarzt, Kinder-Neurologe und Epileptologe. 

Was fasziniert Sie an dieser Krankheit?
Stephani:
Das Gehirn ist das komplizierteste Organ, und Epilepsien stellen Reaktionen des Gehirns dar, hinter denen unterschiedlichste Diagnosen stecken können. Krankheiten des sich entwickelnden Gehirns zu behandeln, braucht Expertise. Als junger Arzt saß ich auf dem hohen Ross, dass ich die Krankheitswelt verstehe. Von gleicher Warte habe ich auch das Ärztekammer-Fortbildungssystem der sogenannten Punkte betrachtet – anfangs als Zeichen einer Funktionärsmentalität, mit der regelmäßige Fortbildungen gefordert wurden. Von dem hohen Ross bin ich abgestiegen und mittlerweile froh über den Fortbildungsdruck. Sich immer auf dem neuesten Stand zu halten ist wichtig, auch für erfahrene Mediziner. Kranke haben ein Anrecht, nach neuesten evidenzbasierten Erkenntnissen behandelt zu werden.

Wir sprachen über Stress. Wie haben Sie es selbst mit der Work-Life-Balance gehalten?
Stephani:
Mein Leben war stark durch den Beruf geprägt, auch in den Ferien war ich erreichbar. Rückblickend bedauere ich, dass ich einige Geburtstage oder Feiern mit Kindern und Enkeln aus Berufsgründen versäumt habe. Jetzt tut es gut, in die zweite Reihe zu treten und so etwas nachzuholen. Ich bin tief dankbar für meine intakte Familie und kulturelle Freuden wie Theater-, Konzert- und Kirchenbesuche, die einen Ausgleich bieten.
Vielen Dank für das Gespräch. 
Interview/Foto: Esther Geisslinger