„Aufgekratzt“ heißt ein Musical, das eine Spielhandlung und mitreißende Lieder mit einer medizinischen Botschaft verbindet. Uraufgeführt wurde das Stück Ende April von der Grundschule Neuwerk in Rendsburg. Die Idee stammt von Dr. Regina Fölster-Holst, Professorin im Fachbereich Dermatologie, Venerologie und Allergologie am UKSH in Kiel. Sie will mit dem Stück über Krankheiten aufklären.

Eine Klassenfahrt mit Hautkrankheiten und Parasitenbefall. Von Allergie bis Zecken ist alles dabei – zum Glück nur auf einer Bühne, als Musical. „Die Idee geht mir schon lange im Kopf herum“, sagt Prof. Regina Fölster-Holst. Weil im Praxisalltag oft kaum Zeit bleibt, ausführlich und vor allem kindgerecht über die Krankheiten zu sprechen. „Kinder lesen keine Broschüren, und die Informationen, die Eltern sich aus dem Internet holen, sind leider nicht immer richtig“, sagt die Expertin für Neurodermitis, Allergien und pädiatrische Dermatologie. Das Stück aber „zieht die Kinder in die Handlung hinein und vermittelt die Informationen spielerisch und positiv.“
Dass aber aus ihrer Idee tatsächlich ein Musical wurde und nun Premiere feiern konnte, ist Manuel und Angela Pabst zu verdanken. Pabst ist Musiklehrer an der Rendsburger Schule, daneben Musiker und Komponist. Fölster-Holst hörte eine seiner Kompositionen im Radio und nahm Kontakt zu dem Eckernförder auf. Er fand die Idee gut – „aber es gab ja gar kein Stück, das machte es schwer, Lieder zu schreiben“, sagt er. Da kam seine Frau ins Spiel: Die Sozialpädagogin entwarf den Handlungsbogen, Fölster-Holst war begeistert. Sie brachte die Fachinformationen ein, die die Autorin einer ganz besonderen Figur in den Mund legt: „Data Dermi“ ist ein Außerirdischer vom Planeten Pax Atopic, auf dem keine Hautkrankheiten mehr existieren. Der grüne Geselle in der fliegenden Untertasse schwebt – als gezeichnete Figur – zwischen den Spielszenen auf die Bühne und berichtet, wie eine Krankheit entsteht und wie sie behandelt werden sollte. Er sei in geheimer Mission unterwegs, verrät Data Dermi dem Publikum: „Die Erdmenschen müssen noch lernen, wie sie alle Krankheiten heilen, und Ihr seid wichtige Wissensverteiler, die meine Mission unterstützen sollen.“
Der inhaltliche Rahmen des Stücks ist schnell erzählt: Kinder einer fiktiven Schule gehen auf Klassenfahrt ans Meer. In kleinen Szenen, die mit Liedern und Musikstücken verbunden sind, werden die Mädchen und Jungen mit Krankheiten konfrontiert. Neben den Symptomen geht es um den Umgang damit: So braucht ein Mädchen mit Nickelallergie ein besonderes Besteck, und eine Mitschülerin, die unter Neurodermitis leidet, muss das salzige Meerwasser mit Süßwasser abspülen. Dass im Wald Zecken lauern und Läuse von Kopf zu Kopf springen, wird ebenso vermittelt, wie die Antwort darauf, welche Krankheiten von Tier zu Mensch übertragbar sind.
„Ich finde es toll, dass wir anderen Kindern etwas beibringen können“, sagt Maame. Sie spielt die Erste Geige,  singt  im Chor und tritt in zwei Szenen auf. Stressig, aber „ich fühle mich sehr geehrt, dabei zu sein“, sagt die Neunjährige.
Umran, einer der wenigen Jungen unter den 43 beteiligten Kindern, findet es „toll, dass wir den Kleineren erklären können, was es mit den Krankheiten auf sich hat und wie man sie verhindert.“
Manuel Pabst lobt, dass es darüber hinaus um Stigmatisierung geht. In der Schule sei häufig zu bemerken, dass Kinder mit sichtbaren Krankheiten weniger Sozialkontakte hätten: „Die anderen finden die Symptome eklig oder haben Angst sich anzustecken.“ Das Stück spart diese Vorurteile nicht aus, stellt Fakten dagegen und lässt die betroffenen Kinder neue Freunde finden.
Unterstützung für die Aufführung gibt es vom Landestheater Schleswig-Holstein. Deren Theaterpädagogin Masae Nomura begleitete die Generalprobe und gab den Darstellern Tipps – die meisten sprechen zu leise und zu schnell. „Aber wenn erstmal Publikum im Saal sitzt, klingt das meist anders“, sagt die Fachfrau. Ohnehin ist die Bühnenproduktion eine Kooperation: Fölster-Holst hat landes- und bundesweit für ihr Projekt geworben. So gibt es finanzielle Unterstützung von mehreren Partnern, darunter vor allem die Deutsche Stiftung Kinderdermatologie sowie das Land Schleswig-Holstein. Daraus wurden Gagen für Musik, Text und die Bühnenbilder von Grafiker Lars Beilke bezahlt.
Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Dr. Matthias Augustin, Professor am Zentrum für Psychosoziale Medizin am UKE. Der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten hat einen Fragebogen entworfen, den das Publikum vor und nach der Aufführung ausfüllen soll. „So lässt sich zeigen, dass Wissen vermittelt wird und das Stück zur Prävention beiträgt“, sagt Fölster-Holst. Sie hofft auf viele weitere Aufführungen an Schulen in Schleswig-Holstein, aber auch weit darüber hinaus: „Auch im Ausland, wenn es fremdsprachige Fassungen gibt. So kann das Stück über Jahrzehnte nachhaltig sein.“
Schulen, die das Musical nicht selbst aufführen wollen, können eine Unterrichtsstunde mit der Hörspiel-CD zum Stück und dem Fragebogen gestalten. Eine Homepage, über die Texte, Musik und Material heruntergeladen werden kann, ist im Aufbau.



Text und Foto: Esther Geisslinger