Welcher angehende Arzt eignet sich für eine operative Tätigkeit? Gibt es Persönlichkeitsmerkmale oder psychomotorische Fähigkeiten, die darauf einen Rückschluss zulassen und wie stark könnte dieses Wissen künftig die Aus- und Weiterbildung beeinflussen? Mit solchen Fragen beschäftigten sich zwei kürzlich abgeschlossene Arbeiten der Kiel School of Gynaecological Endoscopy der Universitätsfrauenklinik (Prof. Ibrahim Alkatout) und dem Institut für Medizinische Psychologie (Prof. Frauke Nees).
Das Ergebnis einer der beiden Arbeiten könnte besonders für junge oder angehende Ärztinnen und Ärzte interessant sein, die über ihren späteren Tätigkeitsschwerpunkt in der Medizin noch nicht entschieden haben, aber auch für ihre Ausbilder. „Es erscheint sinnvoll, angehenden Ärztinnen und Ärzten ein Operationstraining und eine Erfassung ihrer Persönlichkeitsmerkmale und ihrer psychomotorischen Fähigkeiten anzubieten, um sie bei der Auswahl ihres Fachgebietes zu unterstützen“, sagte Alkatout dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Vorteil dieses Vorgehens aus seiner Sicht: Mögliche Wechsel während der Weiterbildung könnten damit verringert werden.
Alkatout stützt sich auf die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe am UKSH, die im Rahmen eines Trainings von Januar bis September 2021 die Eignung einer Person für Operationsverfahren untersucht hat. Das operative Training der Teilnehmer erfolgte simultan an klassischen Pelvi-Trainern und dem da Vinci®-Simulator. Zusätzlich wurden der NEO-Five Factor Inventory Persönlichkeitstest, der FAM-Fragebogen zur Erfassung aktueller Motivation in Lern- und Leistungssituationen und ein psychomotorisches Assessment mit 242 Studierenden und 20 Ärzten durchgeführt.

Das Ergebnis zeigt für beide teilnehmenden Gruppen, dass verschiedene Persönlichkeitsprofile und psychomotorische Fähigkeiten mit den Trainingsergebnissen, insbesondere in der roboterassistierten Chirurgie, korrelieren. Konkret: Je höher die Ausprägung der Eigenschaft Neurotizismus bei einer Person ist, desto schlechter schnitt diese Person in den während der Studie getesteten Operationstrainingsübungen ab. Und: Je ausgeprägter das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion ist, desto besser scheint eine Person für Operationstrainings geeignet. Ein weiteres Ergebnis: Je besser das räumliche Arbeitsgedächtnis ausgebildet ist, desto besser schneidet die Person in den Übungen ab.
In einer weiteren Untersuchung mit den gleichen Teilnehmern wurden der klassische Pelvi-Trainer und die roboterassistierte Chirurgie am Beispiel des da Vinci®-Simulators bezüglich ihrer Lernkurve und der Operationsergebnisse im Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe verglichen. Dafür wurde ein zweiteiliges Trainingskonzept mit jeweils drei komplexen Aufgaben entworfen, die Übungen zur Geschicklichkeit, räumlichen Orientierung oder zu laparoskopischen Knotentechniken enthielten.
Der Lernfortschritt wurde anhand der durchschnittlich benötigten Zeit ermittelt. Das Ergebnis zeigt, dass die Teilnehmer ihre Durchschnittszeiten am zweiten Tag des Programms mit beiden Operationstechniken signifikant verringern können. Im Median waren die Operationszeiten am da Vinci®-Simulator signifikant niedriger. Allerdings fiel die Lernkurve innerhalb der Übungen beim klassischen Pelvi-Trainer steiler aus, d. h. die Teilnehmer verbesserten sich bei diesem Training schneller.


Text:  Dirk Schnack
Foto: Dirk Schnack