Ein Pilotprojekt erprobt derzeit in Schleswig-Holstein, ob Avatare krebskranken Kindern und Jugendlichen eine Teilhabe am sozialen Leben ermöglichen können. Koordiniert wird das Projekt über die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein. Die ersten Avatare sind im Einsatz. Interessierte Kliniken mit geeigneten Patienten können sich an die Krebsgesellschaft wenden

Der an Krebs erkrankte Torben Hahn kann über einen längeren Zeitraum weder seine Freunde treffen, noch in der Schule sein. Damit er dennoch ab und zu teilhaben kann, schickt Torben einen Stellvertreter: Ein Avatar kann immer dann eingeschaltet werden, wenn Torben und die Umgebung, an der er teilhaben möchte, damit einverstanden sind.

Der krebskranke Jugendliche ist Pionier in Schleswig-Holstein: In einem Gemeinschaftsprojekt erproben die Krebsgesellschaft und die Techniker Krankenkasse (TK) Schleswig-Holstein den Einsatz von Avataren, die erkrankten Kindern und Jugendlichen eine Teilhabe ermöglichen, auch wenn sie ans Krankenbett gefesselt sind. „Kinder und Jugendliche nehmen als Folge ihrer Erkrankung Ausgrenzung und Isolation viel stärker wahr als Erwachsene“, sagte Prof. Peter Dohrmann aus dem Vorstand der Krebsgesellschaft bei der Vorstellung des Projektes in Kiel. 

Damit der Avatar seine Funktion erfüllen kann, verbindet sich Torben über eine App auf Handy oder Tablet, meldet sich über eine persönliche PIN-Nummer an und steuert die Bewegungen seines Avatars und kann so bestimmen, was er dort sehen möchte, wo er wegen seiner Erkrankung nicht sein kann. Er kann mit den dort anwesenden Personen sprechen und umgekehrt, nur gesehen werden kann er nicht. 

Die Krebsgesellschaft koordiniert, welche Kinder und Jugendlichen zu welchen Zeitpunkten einen Avatar zur Verfügung gestellt bekommen, kümmert sich vor Ort um die Einstellung, versorgt die Betroffenen bei Bedarf mit einem Tablet, auf dem sie Bild und Ton empfangen können. Technische Voraussetzung ist funktionsfähiges WLAN. Kliniken, die Patienten mit Interesse daran haben, können sich an die Krebsgesellschaft wenden. Die TK hat fünf dieser Computer angeschafft. 

„Wenn wir gute Erfahrungen machen, kann ich mir vorstellen, dass die TK das Angebot auf andere Bundesländer ausdehnt“, sagte Schleswig-Holsteins TK-Chef Dr. jur. Johann Brunkhorst. Finanzieren kann die Kasse die Avatare als kassenindividuelles Selbsthilfeprojekt; das soll über das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) künftig nicht mehr möglich sein. Brunkhorst nutzte deshalb die Vorstellung des ersten Avatars in Schleswig-Holstein für einen Appell an die Bundestagsabgeordneten, diese Möglichkeit nicht einzuschränken.

Christian Matzen von der Firma No isolation, die die Avatare vertreibt, nennt den Datenschutz als Hürde. Insbesondere für einen der wichtigsten Einsatzorte, die Schule, ist dies ein Problem. Die Gespräche mit dem Kieler Bildungsministerium und dem Unabhängigen Landeszentrum für den Datenschutz zur Frage, ob und wie die Avatare im Unterricht eingesetzt werden können, waren zu Redaktionsschluss noch nicht abgeschlossen. Für Torbens Vater Torsten Hahn ist dies jedoch eines der wichtigsten Einsatzgebiete des Avatars. 

PD Dr. Denis Martin Schewe aus der Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) ist ungeachtet der noch bestehenden Hürden überzeugt, dass der Avatar Torben und anderen erkrankten Kindern und Jugendlichen helfen wird. „Die Isolation ist für die Betroffenen ein großes Problem und der Avatar kann es lösen.“ 
Text/Foto: Dirk Schnack