Delegierte, Vorstand, Gäste, Mitarbeiter der Geschäftsstelle: Selbst wenn man den Kreis der Teilnehmer einer Kammerversammlung auf die begrenzt, die auf keinen Fall fehlen dürfen, bleibt eine Zahl von rund 80 Menschen, die mehrere Stunden gemeinsam in einem Tagungsraum verbringen sollen. Geht das unter Infektionsschutzgesichtspunkten? Vor dieser Frage stand die Ärztekammer Schleswig-Holstein vor ihrer ersten Kammerversammlung in der Corona-Pandemie.
Die Kammer entschied sich dafür. „Ein gewähltes Parlament sollte sich direkt austauschen, im Diskurs, auch mit Emotionen – davon lebt Demokratie und dazu stehe ich“, sagte Präsident Prof. Henrik Herrmann. Ein Hygieneplan rief den Teilnehmern Regeln wie Abstand halten, Maske tragen, Dauerbelüftung und weitere Vorsichtsmaßnahmen in Erinnerung. Offensichtlich überzeugte der Plan, denn:

  • Mehr als 50 der 70 Delegierten erschienen. Eine Absage, weil jemand Angst vor einer Ansteckung in der Versammlung hatte, erreichte die Kammer nicht.
  • Die Infektionsschutzreferentin des Landesgesundheitsministeriums, Dr. Anne Marcic, war als Gast dabei. Das Erscheinen der wichtigsten Fachfrau des Landes auf diesem Gebiet unterstrich deren Vertrauen in die Vorsichtsmaßnahmen.
  • Infektionen wurden im Nachgang der Versammlung nicht bekannt. Alle Anwesenden sind offensichtlich gesund geblieben.

Natürlich dominierte das Thema Corona die Kammerversammlung auch inhaltlich. Der Präsident erinnerte an die Leistungen von Ärzten, aber auch von anderen Berufen in den vergangenen Monaten unter den besonderen Herausforderungen der Pandemie. Das bei der Politik beliebte Wort „systemrelevant“ lehnt er ab: „Das ist für mich eher ein Unwort, denn jeder Mensch hat auf ihre/seine Weise beigetragen. Für mich gibt es keine systemunrelevanten Berufe
oder Menschen.“ Diskussionen über die Frage, welcher Beruf mehr und welcher weniger Verdienste bei der Krisenbewältigung aufweist, hält er für kontraproduktiv. Herrmann betonte: „Alle Mitarbeiter im Gesundheitswesen, ob Ärztinnen und Ärzte
oder alle anderen Gesundheitsberufe, ob ambulant, stationär, in den Gesundheitsämtern oder in welcher medizinischen oder administrativen Einrichtung auch immer, ob jung oder alt – alle haben dazu beigetragen, dass wir die Pandemie bisher gut überstanden haben.“

Die Betonung lag allerdings auf bisher. Herrmann machte deutlich, dass wir weiter mit dem Virus leben müssen. Dazu gehöre auch, dass sich das Wissen über das Virus manchmal täglich erneuere: „Die Vermutung von gestern ist das vermeintliche Wissen von heute, das morgen widerlegt wird.“ Darin liegt für ihn die Ursache von Angst und Ohnmacht, die viele Menschen wegen Corona verspüren und die zugleich den Nährboden für Verschwörungstheorien bilden.

Mit diesen werden Ärzte im Alltag massiv konfrontiert, wie die Beiträge der Kammerdelegierten zeigten. Dr. Norbert Jaeger aus Kiel zeigte sich nach Diskussionen mit „Corona-Leugnern“ bestürzt, weil sich darunter auch Berufskollegen befinden. „Diese Kollegen richten unglaublichen Schaden an. Was kann man tun?“, fragte Jaeger. Eine mögliche Antwort gab er selbst: Die „Gassenhauer der Verleugnungen“ sammeln und widerlegen. Herrmann will nicht nur informieren, sondern bei entsprechenden Verstößen noch einen Schritt weiter gehen. Er kündigte an: „Wenn das selbstverständliche Terrain der Meinungsäußerung verlassen wird und zu unprofessionellem, unärztlichem Handeln führt, dann sind wir berufsrechtlich gefragt.“ Dies gilt zum Beispiel für Ärzte, die Gefälligkeitsatteste ausstellen, um Menschen vom Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu befreien. Kammerdelegierte wie Dr. Hania Stoba und Dr. André Kröncke berichteten, dass solche Versuche keine Ausnahmen sind. Hier gibt es eine Schnittmenge zu Verschwörungsanhängern, oft handelt es sich aber auch um Menschen, denen Bequemlichkeit vor Schutz geht, etwa, wenn sie diese Befreiung, wie Kröncke es erlebt hat, vor einer Kreuzfahrt wünschen. Von dieser gefühlten „Mund-Nasen-Schutz-Unverträglichkeit“ sind nach Beobachtung Stobas erstaunlicherweise häufig Menschen betroffen, die aufgrund ihres Alters oder von Vorerkrankungen zur Risikogruppe zählen. Sie fragte: „Wer stellte solche Atteste aus?“

Marcic stellte in diesem Zusammenhang fest: „Das sind Gefälligkeitsatteste. Ich weiß nicht, wer das macht und auf welcher Grundlage.“ Trotz solcher Beobachtungen: Die bislang vorliegenden Zahlen zeigen für Marcic, dass es in Deutschland gelingt, die Risikogruppen zu schützen. Die derzeitige Strategie, möglichst wenige Infektionen zuzulassen, hält sie für wirkungsvoller als die einer „allgemeinen Durchseuchung der Bevölkerung“.

Wegen einiger Parallelen in den Aussagen von Impfgegnern und Verschwörungsanhängern empfahl Marcic einen Blick auf die Seiten des Paul-Ehrlich-Instituts, das sich mit den Argumenten der Impfgegner auseinandergesetzt hat. Auf die Frage des Kieler Delegierten PD Dr. Holger Hinrichsen, was sie von der Ausrichtung der Kieler Woche halte, sprach Marcic von einem „Experiment“. Positiv hob sie hervor, dass die Veranstaltungen unter freiem Himmel stattfanden. Marcic ließ aber durchblicken, dass ihr aus fachlicher Sicht eine rein auf das Segeln beschränkte Kieler Woche in diesem Jahr lieber gewesen wäre. Ablehnend äußerte sich Marcic zu Wünschen, Sportveranstaltungen mit großer Zuschauerzahl in der Halle stattfinden zu lassen. Spiele der Handball-Bundesligavereine mit der sonst gewohnten Zuschauerzahl unter dem geschlossenen Hallendach hält sie derzeit noch nicht wieder für angezeigt.

Auch das Thema Impfstoff interessierte die Delegierten. Marcic warnte in diesem Zusammenhang vor überhöhten Erwartungen an die Forscher und vor Hoffnungen, dass ein schnell verfügbarer Impfstoff dafür sorgen könne, die Pandemie in Kürze zu beenden. Die Erforschung eines neuen Impfstoffes erfordere Zeit und Sorgfalt, was nicht überall akzeptiert werde. „Manchmal wird mir angst und bange, wenn ich höre, wer alles an einem Impfstoff arbeitet“, so Marcic. Befürchtungen, dass ein nicht ausreichend geprüfter Impfstoff in Deutschland zugelassen werden könnte, hat sie nicht. „Auf das Zulassungsverfahren in Deutschland kann man vertrauen“, stellte sie klar. Dass das Erforschen eines Impfstoffes auch Rückschläge beinhaltet, zeigte sich wenige Tage nach der Kammerversammlung, als das Pharmaunternehmen AstraZeneca sein Studienprogramm für einen Corona-Impfstoff zwischenzeitlich unterbrechen musste, nachdem eine Probandin erkrankt war.

Nach der Diskussion standen wieder die Kernthemen der Ärztekammer im Mittelpunkt: Weiter- und Fortbildung. Auch die Gesundheitspolitik wurde angesprochen und damit die Frage, ob die Pandemie zu einem anderen Stellenwert der Gesundheit in der Politik führt. Die für den Präsidenten offenen Fragen in diesem Zusammenhang an die Politik: „Lernen wir aus der Pandemie, uns auf die nächste besser vorzubereiten oder ist unser Gedächtnis nur kurzfristig? Sehen wir die Gesundheit wirklich als hohes Gut oder überwiegt der Geiz?“

Zum Ende der rund fünfstündigen Versammlung zog er ein positives Fazit dieser besonderen Kammerversammlung: „Die Entscheidung für eine Präsenzveranstaltung war richtig. Vieles der heutigen Diskussion wäre per Video nicht möglich gewesen.“ Die Protokolle der Versammlung sind für alle Mitglieder über das „AKIS“ einsehbar.                                     
Text: Di / Foto: SG