Präsident Dr. Henrik Herrmann und Vizepräsidentin Dr. Gisa Andresen setzen auf einen intensiven Austausch mit den Ärzten im Land. In einer ersten Bilanz zeigen sie sich positiv überrascht, auf wie viel Bereitschaft sie auch bei jungen Kollegen stoßen, sich in die Arbeit der Selbstverwaltung einzubringen. Im Interview nennen sie weitere Ideen, wie die Kammer stärker auf die Mitglieder zugehen wird.

Vor einem halben Jahr ist der neue Vorstand mit klaren Zielen angetreten. Eine Ankündigung von Ihnen war, die Kammer sichtbarer zu machen. Wie weit sind Sie damit gekommen?
Dr. Henrik Herrmann
: Wir sind auf einem guten Weg. Um die Kammer sichtbarer zu machen, setzen wir auf einen intensiven Austausch auf unterschiedlichen Ebenen – und ich bin überrascht über die hohe Bereitschaft, sich einzubringen. Das betrifft insbesondere auch junge Kollegen, die die Ärztekammer bislang kaum kannten. Aktuell suchen wir gerade drei Weiterbildungsassistenten aus Schleswig-Holstein, die am Jungen Forum der Bundesärztekammer beim Deutschen Ärztetag teilnehmen und dort mitdiskutieren möchten. Auch die Treffen mit den Assistentensprechern wollen wir intensivieren.
Dr. Gisa Andresen: Unsere Bemühungen in Schleswig-Holstein haben wir unter die Überschrift „Aufsuchende Kammer“ gestellt. Wir warten also nicht nur darauf, dass unsere Mitglieder nach Bad Segeberg kommen, sondern werden vor Ort präsent sein.

Wie sieht das konkret aus? 
Andresen
: Wir werden zum Beispiel ab 2020 Vorstandssitzungen in anderen Kreisen abhalten und dort mit den Kreisausschüssen sprechen. Die Veranstaltungen werden arztöffentlich sein. Wir werden ebenfalls ab 2020 Sprechstunden der Weiterbildungsabteilung in Krankenhäusern und großen Praxen anbieten, damit Fragen zur Weiterbildung vor Ort geklärt werden können. 

Ein weiterer Anspruch war, die bestehenden Gestaltungsmöglichkeiten auszuschöpfen, um die Bedeutung der Selbstverwaltung zu stärken. Wie weit sind Sie? 
Herrmann
: Wie wichtig die Handlungsfähigkeit der Selbstverwaltung ist, haben wir beim Thema Fernbehandlung erlebt. Es war richtig, dass wir die Berufsordnung geändert haben. Genauso richtig ist es, dass wir nun mit der nötigen Sorgfalt für Rechtssicherheit sorgen. Wir haben in den vergangenen Monaten erlebt, welche Dynamik gerade in diesem Bereich herrscht. Jetzt geht es darum, alle Kollegen auf diesem Weg mitzunehmen und zugleich die Versorgung für die Patienten zu verbessern. Bei diesem Thema sind alle Kernbereiche der Kammer – von der Fort- und Weiterbildung über die Berufsordnung bis zu Qualitätsfragen – berührt.
Andresen: Gefordert ist die Selbstverwaltung auch beim Thema Kooperation. Wir forcieren die Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe. Als Ärzte sind wir darauf angewiesen, dass wir mit anderen Gesundheitsberufen auf Augenhöhe kommunizieren. Deshalb halten wir die Akademisierung der Hebammen- und der Pflegeausbildung für einen wichtigen Schritt. Es ist in unserem Interesse, dass diese Berufe attraktiver werden. Im gesamten Gesundheitswesen brauchen wir die besten Köpfe.
Herrmann: Kooperation ist eng mit Delegation verknüpft. Die Ärzteschaft zeigt, dass sie dabei schon weiter ist, als viele glauben. Hausärzte aus dem Emsland forcieren gerade ein Modell mit Physician Assistants, ein Berufsbild, für das ich auch in Schleswig-Holstein weiter werben werde. 

Das sind wichtige Themen, aber ganz oben auf der Agenda steht derzeit die Weiterbildung. Wann kommt die Umsetzung der (Muster-)Weiterbildungsordnung im Land? 
Andresen
: Es gibt einen klaren Fahrplan, den wir einhalten wollen: Auf der Kammerversammlung am 24. April stellen wir die Grundzüge vor, die Kammerversammlung am 4. September wird das Thema zum Schwerpunkt haben und auf der letzten Versammlung des Jahres am 27. November wird die Versammlung über die neue Weiterbildungsordnung abstimmen. Wenn diese im Gesetzesblatt veröffentlicht ist – voraussichtlich im März 2020 –, wird sie zur Grundlage der Weiterbildung in Schleswig-Holstein. Wie wichtig das ist, zeigen uns zahlreiche Fragen von jungen Kollegen hierzu – neben der Digitalisierung sicherlich das Thema, das die Ärzte am meisten interessiert.

Kommen wir zum Verhältnis der Ärzte­kammer zur Gesundheitspolitik. Als Präsident haben Sie in den ersten Monaten zahlreiche Termine auch auf politischer Ebene bewältigt. Mit Erfolg? 
Herrmann
: Ich habe den Eindruck, dass man im Gesundheitswesen froh ist, wenn wir als Gesprächspartner präsent sind. Unser Verhältnis zum Ministerium ist gut, wir stehen im permanenten Austausch. Intensivieren möchte ich den Austausch zu den Parteien und speziell zu den gesundheitspolitischen Sprechern. 

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn arbeitet an Themen, die die Selbstverwaltung betreffen. Hemmt das? 
Herrmann
: Im Gegenteil, das spornt an. Die zahlreichen Initiativen von Spahn zeigen, dass sich das Gesundheitswesen stark verändern wird. Umso wichtiger ist es, dass Selbstverwaltung sich einbringt. Es werden die Jahre, die uns zeigen werden, ob die Selbstverwaltung den Herausforderungen gewachsen ist. Ich gehe davon aus, dass wir es sind.
Andresen: Wir sind bestimmt nicht mit allem einverstanden, was der Bundesgesundheitsminister macht, aber es führt dazu, dass wir als Selbstverwaltung agieren müssen – und das ist gut.

Vielen Dank für das Gespräch.