Die Reha-Kliniken schlagen Alarm: In den Wochen des coronabedingten Lockdowns sind weniger Patienten akut operiert und behandelt worden, entsprechend weniger wurden in eine stationäre Nachbehandlung geschickt. Kuren und Heilbehandlungen für chronisch Kranke waren monatelang komplett ausgesetzt. In Schleswig-Holstein ist die wirtschaftliche Lage vieler Einrichtungen schwierig. Parallel dazu hat Corona die therapeutische Arbeit verändert – teilweise mit positiven Effekten.

Wer nicht auf der Insel lebt, muss gehen. An einem Sonntag Mitte März erhielt Dr. phil. Ralf Jochheim diese Anweisung, ein Tag, der dem Geschäftsführer der Nordseeklinik Westfalen auf Föhr im Gedächtnis bleiben wird. „Ich war den ganzen Tag beschäftigt, allen abzusagen, die am Montag hätten kommen sollen“, sagt Jochheim. Nur wer sich bereits in Behandlung befand, durfte die Therapie fortsetzen. „Viele wollten am liebsten noch länger bleiben, weil sie es hier für sicherer hielten als zu Hause.“ Aber keine Chance: Der strenge Lockdown für die Inseln und Feriengebiete traf auch die 120-Betten-Klinik am Nordseestrand. Das Haus ist auf Atemwegserkrankungen spezialisiert. Im Umgang mit der Corona-Pandemie biete das Vorteile wie Nachteile zugleich, sagt Jochheim: „Wir haben es mit einer Risikogruppe zu tun, gerade die Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenkrankheit sind stark gefährdet.“ Aber eben deshalb seien sie an Vorsichtsmaßnahmen gewöhnt: „Sie können mit Hygiene- und Abstandsregeln gut umgehen, es sind keine Leichtsinnigen dabei.“ Anders als die Sonnenhungrigen, die im Sommer an die Strände stürmten und „die zu glauben schienen, Covid würde auf der Fähre enden“. Dass die Pandemie alles andere als vorbei ist, wissen die Beschäftigten der Reha-Klinik genau und handeln danach: „Wir haben alle Abläufe unter die Lupe genommen und geschärft, haben neue Konzepte entwickelt“, berichtet Jochheim. Therapie findet am Strand statt, kleinere Gruppe werden gebildet. „Es war eine Riesenmehrbelastung, teilweise mussten wir mehr Personal einstellen. Aber Aufgeben ist keine Option“. Denn die Patienten bräuchten die Hilfe: „Die sind heilfroh, dass sie wieder zu uns kommen dürfen. Schließlich ist ihre Krankheit nicht weg, weil Covid da ist.“ Aktuell sei die Klinik wieder voll belegt.

Auch an der Ostsee findet Therapie neuerdings so oft es geht am Strand statt – eine Maßnahme, die bleiben wird: „Die Patienten nehmen das hervorragend an“, sagt Dr. Anja Spies, ärztliche Direktorin der Vamed Rehaklinik Damp. Um trotz Regen und Kälte ins Freie gehen zu können, stehen zwei beheizbare Zelte auf dem Gelände – eine von vielen Maßnahmen des detaillierten Hygiene- und Präventionskonzepts. „Ich denke, Reha-Konzepte werden sich durch die Erfahrungen in der Pandemie-Zeit langfristig verändern“, sagt Spies. „Es wird mehr draußen stattfinden und vielleicht wird es auch mehr digitale Angebote geben.“

Mit über 11.000 Patienten pro Jahr ist die Klinik in Damp die größte Reha-Einrichtung in Schleswig-Holstein und die zweitgrößte in Europa. Gespürt hat das Haus den Einbruch dennoch: „Während der Talsohle waren noch 120 Patienten im Haus; normal wären über 750“, sagt Spies. Nur Anschlussheilbehandlungen fanden statt, während Therapien etwa für Patienten mit chronischen Leiden wie Rückenschmerzen, Gelenkbeschwerden, neurologischen Erkrankungen oder psychosomatischen Problemen auf behördliche Anweisung ausfielen. „Als diese Patienten wieder kommen durften, waren sie froh, trotz der Einschränkungen durch Corona.“

Die Pandemie belaste manche Patienten zusätzlich, so Spies: „Die Arbeitswelt hat sich geändert, und viele der chronisch Erkrankten gehören zur Hochrisikogruppe und müssen lernen, wie sie mit Maske und Abstand Gutes für sich tun können.“ In der Therapie werde das auch thematisiert.

Während die ärztlich-therapeutische Arbeit mit neuen Konzepten weitergeht, müssen die Kliniken die Ausfälle der Lockdown-Wochen wettmachen. Die Zahl der Patienten sei pandemiebedingt um bis zu 70 Prozent zurückgegangen, beklagt die AG MedReha, die Bundes-Arbeitsgemeinschaft Medizinische Rehabilitation. Die Organisation appelliert an die Politik, den Rettungsschirm für die Kliniken weiter zu spannen, um das „Ende zu verhindern“.

In Schleswig-Holstein, das bei Kuren und Reha-Leistungen traditionell stark ist, sei die Lage „teilweise dramatisch“, sagt Hans-Jürgen Kütbach, Vorsitzender des Heilbäderverbandes Schleswig-Holstein. Allerdings habe die Landesregierung schnell gehandelt, als der Lockdown den Klinikbetrieb lahmlegte: „Wir in Schleswig-Holstein sind gewohnt zu sagen, uns geht’s schlechter als anderen, aber in diesem Fall wurde mit dem Sozialministerium rasch ein Tagessatz vereinbart.“ So gebe es einen „Puffer“, so Kütbach. „Aber die meisten Kliniken haben schon nicht vor Kraft gestrotzt, als sie auf Corona getroffen sind.“

Der Blick auf die Statistik belegt das. Allein in den zehn Jahren von 2008 bis 2018 ist die Zahl der Kliniken um 14 Prozent gesunken, aktuell bieten 62 Häuser Reha-Behandlungen an. Die Hoch-Zeit der Branche endete in den 90er Jahren. Damals setzte das „Kur- und Badewesen“ umgerechnet rund zehn Milliarden Euro um, bundesweit gab es mehr als 300 Kurorte mit knapp 1.400 Kur- oder Reha-Kliniken. Die Politik, allen voran der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU), ging gegen das bis dahin geltende Kur-Modell vor, das im Ruch stand, ein Erholungsprogramm nach dem Motto „morgens Fango, abends Tango“ zu bieten.

Seither wurde die Aufenthaltsdauer von im Durchschnitt vier auf drei Wochen gesenkt, die Behandlungen sollen vor allem wohnortnah stattfinden, und die Kriterien für stationäre Behandlungen änderten sich. Die meisten Kliniken bieten heute Anschlussheilbehandlungen nach OPs, Schlaganfällen oder Chemotherapie an, während klassische Kuren zurückgefahren wurden.

Aus Sicht des Heilbäderverbandes war der politische „Angriff auf die Kuren“ überzogen, sagt Kütbach und fühlt sich durch das Präventionsgesetz bestätigt, das 2019 verabschiedet wurde und die Gesundheitsförderung stärken will. Dennoch seien viele Kliniken in den vergangenen Jahren in „bedrohliche Lagen“ geraten und einige Häuser hätten harte Sanierungen durchlaufen.
Ein Grund dafür ist die Schlechterstellung der Reha-Einrichtungen gegenüber den Akut-Häusern. Die erhalten Investitionskosten vom Land, während die Reha-Kliniken diese Ausgaben selbst erwirtschaften müssen. In der aktuellen Corona-Lage werden Akut-Kliniken ebenfalls bevorteilt. So hat die Bundesregierung mit dem Krankenhauszukunftsgesetz den Weg eröffnet, Akut-Krankenhäusern einen Ausgleich für entgangene Erlöse zu geben. „Diese Regelungen wünschen wir uns auch für Reha- und Kur-Einrichtungen“, sagt Bernd Krämer, Geschäftsführer des Verbandes der Privatkliniken in Schleswig-Holstein, in dem ein Teil der Reha-Kliniken organisiert sind. Er ist einig mit Patrick Reimund, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein, der ebenfalls einige der Kliniken angeschlossen sind. Reimund fordert zumindest eine Verlängerung des „Corona-Zuschlages“, den die Rentenversicherung und die Gesetzlichen Krankenkassen zurzeit bezahlen, über das Jahresende hinaus. Der Zuschlag beträgt pro Patient und Tag bei stationärem Aufenthalt acht und bei ambulanter Behandlung sechs Euro. Das Geld ist zwar eine Hilfe, wird aber laut Jochheim von den Sachkosten für Masken, Desinfektionsmittel und ähnliches verschlungen.

Während Anschlussheilbehandlungen in der Regel von der Rentenkasse bezahlt werden, sind Heilbehandlungen und Kuren oft Sache der Krankenkassen. Den Einrichtungen in diesem Segment, darunter Häuser für Eltern-Kind-Kuren, geht es aktuell noch schlechter, darauf weist Lucia Lagoda hin, Bundesvorsitzende der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Müttergenesung und Kuratorin im Deutschen Müttergenesungswerk: „Die Belegung ist äußerst fragil, und die Kliniken sind seit dem 1. Oktober ausschließlich auf sich allein gestellt.“ Es sei nicht nachvollziehbar, warum Auslastungseinbrüche für Reha-Kliniken im Bereich der Rentenversicherung weiter abgesichert werden, während die Kliniken im Bereich der Krankenversicherungen keinen Ausgleich bekämen. Der Bedarf an Hilfe sei hoch: „Durch die Pandemie sind die gesundheitlichen Belastungen für Familien weiter gewachsen. Wir sind tief besorgt, dass dieses wichtige Gesundheitsangebot für Mütter und Väter in seinem Fortbestand bedroht ist“, so Lagoda.
Text: Esther Geisslinger/Foto: Klinik Westfalen Betriebs GmbH