Bad Segeberg, 27. Januar 2020 – Zu viel zu tun, zu wenig Zeit, zu kurze oder gar keine Pausen: Das kennen viele Menschen in Deutschland, zumindest phasenweise. Werden Zeit- und Leistungsdruck zur Dauerbelastung, fühlt man sich nicht selten ausgebrannt und antriebslos, man ist unkonzentriert und macht Fehler. Berufe, bei denen es um die gesundheitliche Verfassung eines Patienten oder gar Menschenleben geht, verlangen daher deutlich bessere Arbeitsbedingungen, als sie zurzeit in der Kliniklandschaft in Schleswig-Holstein vorherrschen. Um die Ärzte in den Kliniken zu entlasten, fordert die Ärztekammer Schleswig-Holstein (ÄKSH) eine Verschlankung des aktuellen Vergütungssystems sowie intelligente Teammodelle.

Arbeitsbedingungen haben Auswirkungen auf Patientensicherheit
Besonders alarmierend sind die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage unter Ärzten, wonach sich 59 Prozent der Befragten als häufig oder ständig überlastet einschätzen. 74 Prozent geben eine Beeinträchtigung der eigenen Gesundheit an und 21 Prozent erwägen gar eine Aufgabe der ärztlichen Tätigkeit. „Die aktuelle Arbeitssituation in den Krankenhäusern ist nicht nur eine Gefahr für die Ärzte, die jeden Tag ihr Bestmögliches tun, um die Versorgung in Schleswig-Holstein zu gewährleisten. Auch die Patientensicherheit hat darunter zu leiden. Wir müssen uns im Klaren sein, dass das Arztwohl in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Patientenwohl steht“, meint Dr. Henrik Herrmann, Präsident der ÄKSH, und verweist auf das Genfer Gelöbnis, dem Moralcodex der Ärzteschaft, in dem es heißt: „Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können.“ Die Arztgesundheit war Schwerpunktthema des 122. Deutschen Ärztetages 2019. Die Arbeitsbedingungen haben sich seither nicht gebessert.

Ökonomische Vorgaben führen zu zusätzlicher Belastung
Ein Faktor, der sich erschwerend auf die Arbeitsbedingungen des Klinikpersonals auswirkt, ist das DRG-System. Es hat seit der Einführung im Jahr 2003 zu verschiedenen Fehlanreizen und Fehlentwicklungen geführt. „Krankenhäuser sind zu Gesundheitsfabriken geworden, in denen Patienten abgearbeitet werden. Ärzte müssen sich oft dem ökonomischen Druck der Einrichtungen beugen, in denen sie tätig sind. Ihre Arbeit lässt sich nur anhand der Behandlungen und den so entstandenen Kosten messen. Für Leistungen, die nicht vom Vergütungssystem abgedeckt werden, bleibt dann keine Zeit mehr. Das vermindert die Behandlungsqualität und versetzt den Arzt unter zusätzlichen, andauernden Druck. Das entspricht nicht unserer Vorstellung von einer werteorientierten Medizin“, meint Herrmann. Das dürfe es in einem Beruf, bei dem es um die Behandlung von Menschen geht, nicht geben.

DRG-System verschlanken – intelligente Teammodelle gefordert
Eine Verschlankung des DRG-System hält die ÄKSH für einen wichtigen ersten Schritt, die Ärzte in den Kliniken zu entlasten. „Nicht alle Diagnosen sollten hierdurch abgedeckt und Personalkosten im ärztlichen und therapeutischen Bereich sollten, wie in der Pflege bereits geschehen, aus dem Vergütungssystem ausgeschlossen werden. Wir benötigen patienten- und aufgabengerechte Rahmenbedingungen für die Arbeit in den Krankenhäusern“, sagt Herrmann. Außerdem schlägt er eine Neustrukturierung der ärztlichen Arbeit vor. „ Ärzte brauchen Zeit für die vollumfängliche Arbeit am Patienten. Diagnostik sowie das Festlegen der Therapie und Behandlung sowie Gespräche zur partizipativen Entscheidungsfindung sind urärztliche Aufgaben. Dafür muss der Kopf frei sein. Das kann durch ein Team von qualifizierten Gesundheitsberufen ermöglicht werden, die den Patienten zielgerichtet und in Zusammenarbeit versorgen“, so der Präsident der ÄKSH.

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